Susanne Hörth
Ich habe die Fenster geputzt. Vielleicht finden Sie jetzt, es sei schon etwas übertrieben, darüber in dieser Zeitung zu schreiben. Ich tue es in der Hoffnung auf ähnlich empfindende Leidensgenossen. Denn ich gehöre definitiv nicht zu den Menschen, ...
Susanne Hörth
Ich habe die Fenster geputzt. Vielleicht finden Sie jetzt, es sei schon etwas übertrieben, darüber in dieser Zeitung zu schreiben. Ich tue es in der Hoffnung auf ähnlich empfindende Leidensgenossen. Denn ich gehöre definitiv nicht zu den Menschen, die Fensterputzen als meditativ empfinden. Diese Menschen haben entweder keine Fenster oder keinen Hund.
Ich startete voller Hoffnung. Ein sonniger Morgen, ein frischer Lumpen, ein Glasreiniger, der laut Etikett streifenfrei verspricht. Streifenfrei tönt gut, ähnlich wie stressfrei. Beides trifft definitiv nicht zu. Was zu Beginn noch motiviert und voller Elan beginnt, endet spätestens in jenem Moment, als sich unsere grosse Hündin begeistert neben mich stellt und ihre feuchte Hundenase auf die frisch polierte Stelle auf der Scheibe drückt.
Also wieder von vorne. Dann beginnt die Sonne, sich einzumischen. Sie scheint gnadenlos auf die frisch geputzte Scheibe und enthüllt, was man eigentlich nicht sehen wollte: Schlieren und Streifen überall. Man könnte meinen, ich hätte statt eines sauberen Lumpens ein fettiges Znünibrotpapier verwendet.
Eine neue Dynamik nimmt Fahrt auf: Die Suche nach dem richtigen Mittel beginnt. Essigwasser? Zeitungspapier? Mikrofasertuch? Spiritus? Geheimtipps von der Mutter und deren Mutter. Ich probiere alles und scheitere an allem. Trost spendet unsere Hündin. Sie hat sich während meiner Bemühungen irgendwann auf ihrem Kissen zusammengerollt und ist eingeschlafen. Aufgewacht vom meinen unwirschen Worten stellt sie sich jetzt wieder neben mich und drückt erneut ihre Nase auf die wahrscheinlich einzig saubere Stelle auf der Fensterscheibe.
Soll ich nun verzweifeln oder akzeptieren, dass Fenster im echten Leben gar nicht glasklar sind. Vielmehr sind sie voller Geschichten. Erzählen vom Wetter, vom Alltag, von kleinen Kinderhänden und feuchten Hundenasen. Ich glaube, jetzt habe ich den wahren Durchblick, was sind dagegen schon saubere Fenster.