mitgehört(h): Die Spinnen
14.07.2026 KolumneSusanne Hörth
Nicht jedes Thema, das Kinder in der Schule behandeln, hinterlässt bleibende Eindrücke. Vieles verschwindet irgendwo. Und dann gibt es Themen, die verfolgen einen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Bei uns waren das die Spinnen. Seit diese achtbeinigen ...
Susanne Hörth
Nicht jedes Thema, das Kinder in der Schule behandeln, hinterlässt bleibende Eindrücke. Vieles verschwindet irgendwo. Und dann gibt es Themen, die verfolgen einen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Bei uns waren das die Spinnen. Seit diese achtbeinigen Mitbewohner im Schulunterricht zum Sommerprojekt erklärt wurden, waren sie auch im Kinderzimmer allgegenwärtig. Plötzlich wusste ich mehr über Netze, Häutungen und den unschätzbaren Nutzen der Spinne für das Ökosystem, als ich jemals wissen wollte. Früher lösten Spinnen bei mir ausschliesslich Fluchtreflexe aus. Heute weiss ich immerhin, dass sie nützlich sind. Meine Angst hat das allerdings nur theoretisch beeindruckt.
Wobei die Betonung ganz klar auf Tierchen liegt. Denn das Exemplar, das vor ein paar Nächten kopfüber an unserer Badezimmerdecke entlangspazierte, hatte mit einem Tierchen ungefähr so viel gemeinsam wie ein Smart mit einem Lastwagen. Zumindest in meiner Wahrnehmung.
Tapfer bewaffnete ich mich mit einem Glas sowie einem Stück Papier und kletterte auf einen Stuhl. Nach mehreren missglückten Fluchtversuchen – ihrerseits wie auch meinerseits – gelang es schliesslich, den ungebetenen Gast einzufangen und nach draussen zu befördern.
Mission erfüllt. Gefahr gebannt. Dachte ich.
Am nächsten Morgen stand ich friedlich vor dem Spiegel und putzte mir die Zähne. Im Augenwinkel bemerkte ich plötzlich eine Bewegung. Ich hob den Blick – und da seilte sich eine fette schwarze Spinne zielstrebig von der Decke direkt auf meinen Kopf ab. Vielleicht habe ich dann ein bisschen überreagiert.
Noch bevor ich wusste, wo das Tier geblieben war, flog die Zahnbürste quer durchs Badezimmer. Ich schüttelte meine Haare so fest, dass es mir leicht «drümmelig» wurde. Für Schwächeln war aber kein Platz. Vielmehr stand die Frage nach dem Verbleib der Spinne im Raum. Wobei Raum! Ist sie in meinen Haaren oder schon unter meinem T-Shirt?
Also raus aus den Kleidern. Neue Kleider an. Tief durchatmen. Zweiter Versuch beim Zähneputzen.
Und dann sass sie da. Seelenruhig. Dick. Schwarz. Mit ihren krummen Beinen. Auf dem Wasserhahn.
Ich bin bis heute überzeugt, dass sie mich die ganze Zeit beobachtet hat. Wahrscheinlich dachte sie nur eines: «Die spinnen, die Menschen.»
