Susanne Hörth
Freie Tage im Frühling sind ideale Gelegenheiten, freien Raum zu schaffen. Beispielsweise im Garten. Alte Pflanzen, die trotz grossartigem Mehrjährigkeits-Versprechen schon letztes Jahr nicht mehr austrieben, werden jetzt endgültig entfernt. Ohne ...
Susanne Hörth
Freie Tage im Frühling sind ideale Gelegenheiten, freien Raum zu schaffen. Beispielsweise im Garten. Alte Pflanzen, die trotz grossartigem Mehrjährigkeits-Versprechen schon letztes Jahr nicht mehr austrieben, werden jetzt endgültig entfernt. Ohne Diskussion, ohne Drama. Weg damit und damit Platz für blühenden Nachwuchs.
Beim Kleiderkasten ist das leider anders. Hier wird nicht einfach entfernt. Hier wird verhandelt. Mit mir selbst. Und zwar auf einem Niveau, das jeder diplomatischen Diskussion Ehre machen würde.
«Auch wenn ich das nie tragen werde – es ist viel zu schade für den Altkleidersack.»
«Es war so teuer. Also trotz Nichtgefallen wieder zurück in den Kasten.»
«Vielleicht könnte ich das ja noch bei der Gartenarbeit tragen.» Zurück.
«Secondhand? Hm. Dann kaufe ich dort im Gegenzug wieder Dinge, die ich nie tragen werde.» Zurück.
Es ist ein Kreislauf. Ein ökologisch fragwürdiger, emotional hochkomplexer Kreislauf.
Während im Garten die Natur klare Entscheidungen trifft – leben oder nicht leben –, herrscht im Kleiderschrank ein moralisches Dilemma. Jedes Stück hat eine Geschichte, eine Ausrede oder zumindest einen Knopf, der «vielleicht irgendwann» schreit.
Meine bisher erfolgreichste Strategie: Alles, was in den letzten drei Jahren nicht getragen wurde, kommt auf einen Haufen. Ein ehrlicher, schonungsloser Haufen. Und dann braucht es Mut. Mut zum Loslassen. Mut, den Sack tatsächlich wegzubringen und nicht noch einmal durchzuordnen.
Und wenn der Kleidersack dann endlich zugeknotet ist, fühlt es sich an wie im Garten: Ein bisschen Wehmut, ein bisschen Erleichterung – und ganz viel Platz für Neues, das wirklich blühen darf.