Susanne Hörth
Morgens um kurz nach halb sieben auf der Autobahn Richtung Arbeit. Ich fahre auf der rechten Spur, auf der Lastwagen das Tempo deutlich verlangsamen. Also links einspuren und überholen. Weiter vorne, ziemlich viel weiter vorne, sehe ich auf der rechten Spur weitere ...
Susanne Hörth
Morgens um kurz nach halb sieben auf der Autobahn Richtung Arbeit. Ich fahre auf der rechten Spur, auf der Lastwagen das Tempo deutlich verlangsamen. Also links einspuren und überholen. Weiter vorne, ziemlich viel weiter vorne, sehe ich auf der rechten Spur weitere Lastwagen. Links bleiben oder rechts einspuren?
Das Tacho zeigt 123 Stundenkilometer. Hinter mir eine lange Autokolonne. Der direkt nachfahrende Fahrer rückt bedrohlich nahe, gibt Lichthupe. Ignorieren und links bleiben? Die Hände greifen das Lenkrad fester. Im Radio dämpft die gerade noch quirlige Moderatorin ihre Stimme und zählt die Strassenabschnitte auf, die infolge von aktuellen Unfällen oder sonstiger Staus zu Verzögerungen führen. Eigentlich möchte ich jetzt lieber rechts einspuren. Doch da bildet sich keine wirklich passende Lücke.
In diesem Moment wird mir klar: Auf der Autobahn ist Überholen keine Fahrtechnik, sondern eine Charakterprüfung. Rechts wartet die Vernunft, links das Ego, hinten die drängelnden Autofahrer. Und ich, eingeklemmt zwischen Lastwagen und Lebensfragen, beginne zu verstehen, warum Gelassenheit im Stau erfunden wurde und nicht auf der Überholspur.