MENSCH, PETERS: Die Verschwörung der Störche zu Kaiseraugst
01.05.2026 KolumneDie Verschwörung der Störche zu Kaiseraugst
Verehrtes Publikum
In Kaiseraugst leben nicht nur Menschen, sondern auch Störche. Viele Störche. Infolgedessen werden die Möglichkeiten zum Nestbau zusehends knapp. Hausbesitzer, die ...
Die Verschwörung der Störche zu Kaiseraugst
Verehrtes Publikum
In Kaiseraugst leben nicht nur Menschen, sondern auch Störche. Viele Störche. Infolgedessen werden die Möglichkeiten zum Nestbau zusehends knapp. Hausbesitzer, die fürchteten, dass die Vögel ihre Behausungen verunzieren, stellten Eimer unterschiedlicher Grössen und Ausführungen auf ihre Dächer, um die Störche am Bau von Nestern zu hindern. Daraufhin sandten die Störche Spähtrupps aus, welche das Terrain rekognoszierten und dem Quartiermeister Meldung erstatteten.
Storchennester folgen immer demselben Bauplan, womit sie auf die Ansprüche ihrer Erbauer und deren Nachwuchs perfekt angepasst sind. An dieser Art von «Form follows function» hätte Walter Gropius vom Bauhaus mehr Freude gehabt als an den bizarren «Eimerdächern» von Kaiseraugst.
Kürzlich gelang es mir, mich in eine an einem geheimen Ort durchgeführte Versammlung des Storchenrates einzuschmuggeln. Dort diskutierte man Möglichkeiten zur Behebung der Wohnungsnot. Zunächst wurde konstatiert, dass es nicht zu viele Störche, sondern zu viele Menschen gebe.
Anschliessend führte Prof. Adebar in einem wissenschaftlich fundierten Referat aus, warum sich Störche höhere Wohnrechte als Menschen erworben hätten – bei Vögeln sei seit dem Archaeopteryx aus dem Mesozoikum eine durchgehende Entwicklung nachweisbar, wohingegen der Mensch mit seinem unheilvollen Hang zur Gewalt im Paläolithikum steckengeblieben sei und den Ausgang aus dem Neandertal bis heute nicht gefunden habe.
Man beschloss, die Kaiseraugster auszutricksen – die «Dreckseimer» einzusammeln, im Winter über die Schornsteine zu stülpen und zuzusehen, wie die Menschen hustend aus ihren Häusern flüchten.
Diese Aktion erinnert an die Verschwörung des Senators Lucius Sergius Catilina im Jahr 63 v. Chr. zur Machtübernahme in der Römischen Republik. Die Störche von Castrum Rauracense bilden somit eine neue Gruppe innerhalb der Gattung «Weissstorch» und erhalten die zoologische Bezeichnung Ciconia catilinaria.
JAN PETERS
