Meine Mutter und ich
21.09.2026 PersönlichAm Mittwoch, 23. September, gastiert die Schriftstellerin Marlise Mueller im Hotel Schützen. Sie redet mit Ueli Mäder über Autonomie, Emanzipation, ihre Mutter-Beziehung und die Frauenbewegung. Dabei interessiert, wie Biographien erhellen, was sich gesellschaftlich verändert.
Marlise Mueller studierte Sprachen und Geschichte. Sie arbeitete an Hochschulen und bei einem Zürcher Verlag; unter anderem über Medien-Reportagen und Frauengeschichten. Bis 2019 in der Literatur-Jury der Kantone BS und BL tätig, erschienen von ihr seither zwei Bücher. Zuerst «Ausgependelt» (2019) über Erlebnisse im Zug. Und dann «Ich, meine Mutter und die Frauenbewegung» (2025). Darin verschränkt Mueller die Biographie ihrer Mutter, einer spät berufenen Sängerin, mit der eigenen. Drei Lebensphasen strukturieren den Text. Die Jugend, die Zeit nach der Familiengründung und das Alter.
«Das kümmerte mich nicht»
1975 zog Marlise Mueller, 20-jährig, von daheim aus mit ihrem Freund zusammen. Sie nahm ihr Studium auf und jobbte nebenher. Ihre Eltern missbilligten ihr Konkubinat. «Das kümmerte uns nicht», erzählt sie. Und, etwas verkürzt: «Ich nahm die Pille, liebte französische Filme und las Bücher von Simone de Beauvoir.»
In den 80er-Jahren kamen ihre beiden Söhne zur Welt. Marlise Mueller und ihr Mann teilten die Hausarbeit auf und reduzierten ihre Erwerbszeit. «Wir führten ein Familienleben, in dem Gleichberechtigung selbstverständlich war.» Und blieb. Ihre Partnerschaft «funktioniert nun schon seit 55 Jahren» und ermöglichte «ein erfülltes Leben» mit. Das vermittelt Marlise Mueller auch ihrer Enkelin: «Ein Beruf ist wichtig. Du hast das gleiche Recht wie dein Partner. Teilt die Aufgaben so auf, dass sie beide als gerecht erleben. Nimm dir und gewähre Freiräume.»
Anno 1953 feierte die Mutter von Marlise Mueller ihren 20. Geburtstag. Damals war es für Frauen Usus, ihren Beruf aufzugeben, zu heiraten und als Mutter für die Kinder da zu sein. 20 Jahre vorher wurde die Gleichstellung in der Bundesverfassung verankert. Und 1990 besetzten Frauen noch keine vier Prozent der Professuren in der Schweiz.
Mit der Volljährigkeit von Marlise begann für ihre Mutter ein neues Leben. «Sie konnte jetzt ihre musikalischen Träume verwirklichen», pendelte mehrere Jahre für ihre Gesangsausbildung ins Tessin und verlagerte mit ihrem Mann den Wohnsitz sogar ganz dorthin, wo sie Kinder im Klavierspielen unterrichtete und als Sängerin auftrat. «Ihr Mann war 16 Jahre älter. Sie sorgte bis zuletzt für ihn. Er beobachtete, offenbar recht zufrieden, den Lauf der Dinge, befasste sich mit der Vergänglichkeit und Mechanismen der Macht.»
Zuletzt alleine, konnte die Mutter von Malise Müller «nicht mehr autonom ihren Tag gestalten, sich um keinen Haushalt mehr kümmern und keinem Partner mehr ihr Lachen oder Schimpfen schenken». Man müsse, «je älter man wird, lernen, sich mit Gegebenheiten zu arrangieren, die wanken». Ja, «sie komme sich langsam selbst abhanden», habe ihre Mutter öfters gesagt, bis zu ihrem Ableben.
Passt es zur Frauenbewegung?
Und nun, 2026, im 55. Jubiläumsjahr des nationalen Stimm- und Wahlrechts für Frauen, da feiert Marlise Mueller auch ihre 55-jährige Partnerschaft. Ihre Familie sei ihr das Wichtigste, bilanziert sie. Und fragt sich, ob ihr Konzept überhaupt zur Frauenbewegung passe. So eng verbunden mit einem Mann, der mit seiner Gitarre am Jahresende nur für sie aufspiele und die Frauenbewegung voll unterstütze. Wichtig seien jedenfalls «mehr Teilzeitstellen auf allen Hierarchiestufen, um Arbeit und Familie einfacher zu vereinbaren».
Am Gespräch nimmt vom Plenum aus auch Evi Lorenz (Pseudonym) teil. Sie hat, mit andern Erfahrungen, eine Biographie zum Ausspruch ihrer Mutter verfasst: «Du heiratest ja sowieso». (Die Basler Buchhandlung Labyrinth ist mit einem Stand präsent.) (mgt)
Mittwoch, 23. September, 19.30 bis 21 Uhr) im Hotel Schützen, Bahnhofstrasse 19, Rheinfelden): Talk mit Marlise Mueller. Musik Peter Schmid, Moderation Ueli Mäder.
Eintritt: 15 Franken. Tickets über: https://www.schuetzenhotels.ch/de/entdecken

