Mein Vater und ich – was Biographien erhellen
24.08.2026 RheinfeldenAm Mittwoch, 26. August, gastiert die Regisseurin Cathérine Miville im Hotel Schützen. Ueli Mäder spricht mit ihr darüber, was Biographien erhellen. Als Beispiel dient ihr eigener Vater, der frühere Basler Ständerat Carl Miville-Seiler (1921–2021). Dabei interessiert, wie sich im Vater-Tochter-Verhältnis auch Zeitgeschichtliches dokumentiert.
Cathérine Miville wechselte früh vom Basler Theater nach München. Sie leitete hier die legendäre Lach- und Schiessgesellschaft (1986–99) und dann das Stadttheater Giessen (2002–22). Die Theaterintendantin führte Regie bei zahlreichen Opern und Schauspielen sowie in Dieter Hildebrandts kabarettistischer Fernseh-Sendung «Scheibenwischer». Heute freischaffend, geht die gefragte Kolumnistin dem Leben ihres Vaters nach. Und sie beleuchtet mit ihm ein ganzes Jahrhundert, eigene Wurzeln sowie Vater-Tochter-Dynamiken.
«Von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten geprägt»
Cathérine Miville ist «wohlbehütet» in Basel aufgewachsen. Ihre Familie erlaubte ihr, «eigene Wege zu gehen und Fehler zu machen». Ja, sie habe das Glück gehabt, «von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten geprägt zu werden». Dazu gehörten «vor allem starke, selbstständige Frauen»; allen voran ihre Mutter. Ebenso ihre Grossmutter. Sie habe in einfachen Verhältnissen fünf Kinder grossgezogen, sich Jahre lang fürs Frauenstimmrecht eingesetzt und ihr, der Enkelin, die Botschaft vermittelt: «Arbeit, Familie und soziales Engagement lassen sich vereinbaren».
Cathérine Miville erwähnt auch starke Männer: ihren Vater Carl Miville, Onkel Karl Schnyder, einst Basler Regierungsrat, sowie Nationalrat Helmut Hubacher. «Das waren für uns aber keine Promis», betont sie und erinnert «hauptsächlich interessante Gespräche».
So lautete denn eine zweite Botschaft: «Keine Angst vor grossen Tieren».
Früh beeindruckte Cathérine Miville, wie Werner Düggelin das Basler Stadttheater leitete, an dem sie anheuerte und assistieren durfte. In München studierte sie dann Germanistik, Betriebswirtschaft und Theaterwissenschaft. So lernte sie allerlei Leute kennen, die ihre Initiative unterstützten, in der Theaterwelt allmählich auf grösseren Bühnen verantwortlich Fuss zu fassen. Dies nebst mütterlichen Pflichten, die hinzu kamen.
Cathérine Miville erlebte «diese faszinierende Zeit wie eine zweite Sozialisation». Wiederum mit viel politischen Debatten, aber nun in deutsch-europäischen Dimensionen. Und sie war «auf einmal mittendrin» und herausgefordert, mit finanziellem Druck und hohen Erwartungen umzugehen. Denn Theater und Kabarett müssten ja Menschen ansprechen, inhaltlich, emotional und musikalisch.
Und jetzt, pensioniert, sind die struben Zeiten vorbei. Und Vater Carl ist seit fünf Jahren tot. Er hat unzählige Aufzeichnungen und Briefe hinterlassen. Die Unterlagen zeugen von seinem Wirken im Kontext der Zeitgeschichte. Cathérine Miville arbeitet diese Materialien auf und spürt auch eigenen Erinnerungen nach. Zudem redet sie mit Personen, die ihrem Vater begegneten und mehr oder weniger freundschaftlich verbunden blieben. Aber wie und warum macht sie das, selbst so direkt involviert; mit welchen Erkenntnissen und was hat eine breitere Öffentlichkeit davon?
In vielen Annahmen getäuscht
Cathérine Miville bemerkt, sich in vielen Annahmen getäuscht zu haben. Früher ging ihr «alles zu langsam, heute zu schnell». Das verdeutliche auch ihre biographische Arbeit. Und Probleme entstünden oft aus Überforderung. Menschen müssten jedoch wahr- und mitgenommen werden, persönlich und gesellschaftlich, «genauso wie im Theater».
Vom Plenum aus nimmt am Schützen-Gespräch auch die Theaterpädagogin Kathrin Oplatka teil. Die in Stockholm geborene Musikerin arbeitet im Kanton Bern mit Erzählcafés. Und in ihrem Buch «Biografie kreativ gestalten» (Göttingen 2025) regt sie dazu an, sich «intensiv und spielerisch mit der eigenen Lebensgeschichte zu befassen». So liessen sich «Ressourcen entdecken und schätzen», die den Selbstwert fördern könnten.
(mgt)
Mittwoch, 26. August, 19.30–21 Uhr, im Hotel Schützen (Bahnhofstrasse 19, Rheinfelden): Talk mit Cathérine Miville. Musik Peter Schmid, Moderation Ueli Mäder. Eintritt: 15 Franken. Tickets über: https://www.schuetzenhotels.ch/de/entdecken

