Ich habe eigentlich schon seit Längerem aufgehört, mir fürs neue Jahr etwas zu wünschen. Eventuell, weil diese Wünsche eigentlich immer Vorsätze für mich selbst beinhalteten, die ich spätestens am 2. Januar wieder vergessen hatte. Oder aber meine ...
Ich habe eigentlich schon seit Längerem aufgehört, mir fürs neue Jahr etwas zu wünschen. Eventuell, weil diese Wünsche eigentlich immer Vorsätze für mich selbst beinhalteten, die ich spätestens am 2. Januar wieder vergessen hatte. Oder aber meine Wünsche waren so gross, dass sie ohne eine allumfassende Transformation der menschlichen Spezies nie und nimmer auch nur ansatzweise hätten in Erfüllung gehen können.
Nun aber nehme ich doch noch mal einen Anlauf, diesmal versuche ich es mit einer alternativen Wunsch-Methode: kleine Wünsche für einen erfreulichen Alltag ohne explizite Anforderungen an mich selbst oder die Menschheit. Also. Schön wäre zum Beispiel, wenn ich weiterhin abends nach Sonnenuntergang den verschiedenen Chören und Gesangsgruppen lauschen könnte, die im alten Schulhaus nebenan proben. Und ganz unsäglich dankbar wäre ich, wenn mein begabter Nachbar wieder Geige bei offenem Fenster spielen würde, wie 2024. Vorzugsweise, während ich im Garten rumwerkle oder den Ziegen beim Wiederkäuen zuschaue.
Ich wünsche mir Skiferien mit echtem Schnee. Und auch Schnee im Unterland. So richtig viel, wie vor einigen Jahren, als wir die Benkenstrasse runterschlitteln konnten. Ja! Genau ein paar solche Naturabenteuer am Juranordfuss wünsche ich mir 2026. Zum Beispiel Eisbaden in Wölflinswil. Oder Rheinschwimmen in Etzgen. Mindestens eine Nacht unter dem leuchtenden Sternenhimmel und in diesem Zusammenhang doch noch eine einzige kleine Anforderung an mich selbst: Ich wünsche mir, dass ich mein Wissen über die Gestirne weiterentwickle, weil es so spannend ist, diese Welt jenseits des Planeten zu erkunden.
Ich wünsche mir ein paar Tage allein zu Hause, um mich mal wieder aus allem raushalten zu können. Um den gewohnt-rasanten Rhythmus zu verlassen und ein bisschen Raum zu haben, um mich zu verlieren und zwischen den Zeiten zu schweben. Ich wünsche mir, dass ich hin und wieder mit meinen Toten in Verbindung sein werde und so viel wie möglich mit meinen Liebsten und meinen zahlreichen Mitmenschen. Und auch gerne – wann immer es irgendwie geht – mit mir selbst.
Ich wünsche mir 2026 ein paar gute Songs, die schon beim ersten Takt die Laune heben und das Familienkollektiv gemeinsam performen lassen. Und dann natürlich, dass mir das Schicksal die besten Romane in die Hände fallen lässt. Ich wünsche mir, dass ich die Gewohnheit nicht aufgebe, mir abends im Bett imaginäre zukünftige Weltreisen detailliert auszudenken. Und überhaupt: nicht aufgeben! Und das ist ein Wunsch für uns alle. Nicht aufgeben an die kleinen Transformationen zu glauben. Die sind doch nämlich in jedem Augenblick möglich. Nicht aufgeben, zu hoffen, zu verzeihen, zu lieben, zu vertrauen und der Zukunft jeden Tag mutig die Türe zu öffnen.
HEIDI EMMENEGGER OBERHOF, BUCHHÄNDLERIN UND SOZIALARBEITERIN