«Mein Gerechtigkeitssinn ist sehr ausgeprägt»
06.01.2026 FokusNadine Küng arbeitete fünf Jahre für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als Delegierte in der humanitären Hilfe. Die 34-Jährige hat viel Leid gesehen, aber auch Schönes erlebt.
Valentin Zumsteg
NFZ: Frau Küng, Sie ...
Nadine Küng arbeitete fünf Jahre für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als Delegierte in der humanitären Hilfe. Die 34-Jährige hat viel Leid gesehen, aber auch Schönes erlebt.
Valentin Zumsteg
NFZ: Frau Küng, Sie waren in zahlreichen Konfliktgebieten tätig. Wie hat das Ihre Weltsicht verändert?
Nadine Küng: Es gibt selbst in Kriegsgebieten ein normales Leben, nicht unbedingt ein sicheres, aber einen Alltag. Es wird Geburtstag gefeiert, es gibt Familienfeste, das Leben geht weiter. Die Leute lernen mit den Umständen zu leben, weil sie keine andere Wahl haben. Es stimmt aber nachdenklich, wenn man sieht, was Menschen anderen Menschen antun können und wie die Machtgefüge auch mit Europa verstrickt sind. Man muss aufpassen, nicht zynisch zu werden oder zu resignieren. Manchmal fällt es schwer, Menschen zu vertrauen und das Gute in ihnen zu sehen. Wir können zwar nicht alles zum Guten verändern, aber kleine Schritte sind immer möglich. Es bleibt für mich schwierig, meine Einsätze in Krisengebieten mit meinem Leben in der Schweiz zu verbinden. Für mich sind das wie zwei Welten.
Was haben Sie bei Ihren Einsätzen über die Menschen gelernt?
Selbst in Krisensituationen gibt es Leute, die sich für Frieden und für andere Menschen einsetzen. Wir als internationale Mitarbeitende sind zwar vor Ort, aber die grössten Risiken gehen die lokalen Helferinnen und Helfer ein. Es gibt viele, die sich aufopfern, damit es ihren Mitmenschen besser geht. Es kam aber auch vor, dass ich mit scheinbar ganz normalen Leuten sprach, die anderen Menschen grausame Dinge angetan haben. Man sieht es niemandem an. Hannah Arendt sprach in diesem Zusammenhang von der «Banalität des Bösen». Was ich ebenfalls gelernt habe: Wir müssen mit unserem Empathie-Vermögen selektiv umgehen, wir können nicht alles an uns heranlassen. Aktuell gibt es 59 aktive Konflikte auf der Welt. Im Durchschnitt dauern sie 30 Jahre. Was in den Medien kommt und mit was sich die Menschen bei uns beschäftigen wollen, ist nur ein ganz kleiner Teil davon.
Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, sich in der humanitären Hilfe zu engagieren?
Die Ungerechtigkeit auf der Welt, das war der Auslöser für mich. Ich bin in der Schweiz geboren, das ist ein extremes Privileg. Ich habe nichts dafür getan, hatte einfach Glück. Andere Menschen auf der Welt haben dieses Glück nicht. Ich glaube, mein Gerechtigkeitssinn ist sehr ausgeprägt.
Sie haben Vermisste gesucht und Gefangene besucht, wie konnten Sie helfen?
Bei Vermisstenfällen ist es wichtig, dass jemand da ist, der den Leuten zuhört. Das habe ich zum Beispiel in Myanmar mit Angehörigen der Rohingya erlebt. Sie haben das Gefühl, dass ihr Schicksal die Welt nicht interessiert. Konkret helfen konnte ich bei Familienzusammenführungen und Familienkontakten, denn Familienmitglieder sind häufig diejenigen, welche in Notsituationen helfen können. Teilweise gingen wir auch von Dorf zu Dorf, um Informationen über Vermisste zu sammeln. Die schönsten Momente waren die, wenn wir vermisste Kinder wieder ihren Eltern übergeben konnten. Das habe ich vor allem in Ruanda erlebt. Gefängnisbesuche habe ich nur im Tschad gemacht. Ein Teil der Arbeit war, mich mit Gefangenen zu unterhalten und herauszufinden, wie sie behandelt werden. Danach habe ich mit Behörden gesprochen, um die Situation der Häftlinge zu verbessern. Dabei habe ich gelernt, dass Behördenmitglieder in solchen Situationen oft überfordert sind oder sich bedroht fühlen. Als Mitarbeitende des IKRK verteilen wir auch Briefe von Angehörigen an die Gefangenen. Das ist ein wichtiger Kontakt.
«Alle sollten sich für etwas engagieren»
Humanitäre Einsätze in Tschad, Ruanda, Äthiopien und Myanmar
Die Maispracherin Nadine Küng, die in Rheinfelden die Bezirksschule besucht hat, war für das IKRK in verschiedenen Krisengebieten tätig. Im Interview erzählt sie von schwierigen Momenten, in denen sie begann, das ganze System zu hinterfragen.
Valentin Zumsteg
NFZ: Frau Küng, ist es bei Ihrer Arbeit ein Vorteil, dass Sie aus der Schweiz stammen, einem neutralen Land?
Nadine Küng: Der praktische Vorteil ist, dass ich als Schweizerin in fast jedes Land einreisen kann, weil die Schweiz nirgends offiziell Kriegspartei ist. Ein anderer Vorteil ist, dass die Schweiz kein Kolonialreich hatte wie etwa Frankreich oder England. Was ich hingegen in afrikanischen Ländern öfter zu hören bekam: «Ihr habt in der Schweiz doch das ganze Geld der Despoten versteckt.» Das IKRK als Institution ist aber so gross, dass die Nationalität der Mitarbeitenden in den Hintergrund tritt.
Hatten Sie nie Angst um die eigene Sicherheit?
Im Nachhinein betrachtet gab es Situationen, bei denen ich Angst hätte haben müssen. In diesem Moment merkte ich es aber nicht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind so gut, wie sie nur sein können. Wir sprechen uns immer mit allen Konfliktparteien ab. Letztes Jahr sind weltweit aber trotzdem schon über 230 humanitäre Mitarbeitende bei ihren Einsätzen getötet worden. In Mosambik bin ich einmal überfallen worden und hatte ein Messer am Hals. Das hatte zur Folge, dass es Zeit brauchte, bis ich mich wieder sicher fühlte – selbst zuhause in Maisprach.
Sie waren bei Ihrer Arbeit mit viel Leid und traurigen Schicksalen konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?
Wahrscheinlich nicht immer ideal. Häufig lasse ich die Schicksale nahe an mich heran, teilweise wohl auch zu nahe. Was ich besonders schwierig finde, sind Situationen, in denen wir nichts mehr machen können, weil einfach die Mittel fehlen. Ein Beispiel: 2024 besuchte ich ein Flüchtlingslager im Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Sudan. Es kamen dort immer mehr Flüchtlinge an, es gab nicht genügend Lebensmittel und Wasser. Frauen brachten Kinder am Boden zur Welt. Überall, wo das Team anklopfte, um zusätzliche Mittel zu organisieren, hiess es: Wir haben keine Kapazitäten. Das war eines jener Erlebnisse, die mich ein bisschen gebrochen haben. Da half auch meditieren oder schreiben nichts, um Distanz zu gewinnen. Das sind sehr schwierige Momente. Ich begann, das ganze System zu hinterfragen, und habe beschlossen, vor meinem nächsten Einsatz eine Pause zu machen.
Die aktuelle US-Regierung hat die finanzielle Unterstützung für Hilfsorganisationen stark zusammengestrichen. Welche Folgen hat das aus Ihrer Sicht?
Ich selbst hatte mit der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) nur indirekt Kontakt. Ich kenne aber viele Leute vom Studium und von der Arbeit, die wegen der Kürzungen ihre Stelle verloren haben, auch vor Ort. Das ist aber nur die eine Seite: Wichtiger und schlimmer ist, dass viele Hilfsprojekte eingestellt werden müssen. Ein Beispiel ist PEPFAR, das ist ein Projekt, bei dem HIV-Medikamente verteilt wurden. Da es stark eingeschränkt wurde, ist absehbar, dass AIDS vermehrt ausbrechen wird und mehr Kinder mit HIV geboren werden. Das könnte alles verhindert werden. Es ist aber nicht nur das amerikanische Geld, das fehlt. Auch viele andere Regierungen kürzen die Mittel für die humanitäre Hilfe, selbst die Schweiz.
Welche Schicksale gehen Ihnen am nächsten?
Eigentlich fast alle, aber an manche erinnere ich mich stärker. Da war zum Beispiel eine Familie in Myanmar auf dem Weg zu einem religiösen Fest, als ihr Auto auf eine Mine fuhr. Die Kinder waren sofort tot, die Eltern überlebten verletzt. Solche Schicksale, bei denen sich das Leben innerhalb einer Sekunde komplett verändert, beschäftigen mich. Oder eine Frau aus der Demokratischen Republik Kongo, die ich in einem Flüchtlingslager in Ruanda traf, Sie war seit Jahrzehnten auf der Flucht, von einem Flüchtlingslager ins nächste.
Es gibt so viel Schreckliches auf der Welt. Manchmal vergisst man dabei fast das Schöne. Was gibt Ihnen Hoffnung?
Wenn die Menschen zusammenkommen und trotz Problemen gemeinsam feiern. Ich durfte das in Äthiopien anlässlich eines religiösen Festes erleben. Oder die Gastfreundschaft, die ich immer wieder geniessen durfte. Ich konnte Freundschaften schliessen auf der ganzen Welt. Ich freue mich auch immer, wenn sich Menschen für ein gutes Ziel mobilisieren und an eine bessere Zukunft glauben.
Sie haben für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Tschad, Ruanda, Äthiopien und Myanmar gearbeitet. Wie hat das Ihren Blick auf die Schweiz und die Region verändert?
Wahrscheinlich bin ich schweizerischer geworden, als ich es in der Schweiz war. Meine Herkunft aus einem Dorf im Oberbaselbiet hat mir bei Einsätzen an vielen Orten auf dieser Welt geholfen, denn ich kenne mich ein bisschen mit Landwirtschaft aus. Davon konnte ich profitieren. Ich habe aber auch gemerkt, dass es trotz der Unterschiede viele Gemeinsamkeiten der Menschen auf der ganzen Welt gibt. Ich glaube, mein Verständnis von Familie hat sich ebenfalls verändert. Weil ich soweit weg war und ich so viele Familien gesehen habe, die gerne wieder zusammen wären, ist mir die Familie wichtiger geworden. Was ich auch gemerkt habe: Die Schweiz hat sich einen starken Ruf als humanitärer Akteur erarbeitet. Es ist schade, dass dieses Fundament durch die aktuellen Sparübungen geschwächt wird.
Was kann die einzelne Bürgerin und der einzelne Bürger tun, um zu helfen?
Die beste Art ist wohl, Leute zu fragen, die aus Krisengebieten stammen und zu uns in die Schweiz gekommen sind. Sie wissen am besten, was es braucht, und sie kennen die kleinen lokalen Organisationen. Solche Gespräche sind wertvoll und helfen gleichzeitig bei der Integration. Ich würde es gerne sehen, wenn sich alle für etwas engagieren. Mir hat mal jemand gesagt: Empathie ist wie ein Muskel. Wenn man ihn nicht trainiert, dann wird er schwächer. Gerade jetzt, da Regierungen sparen, sind auch Geldspenden sehr wichtig.
2026 treten Sie eine neue Stelle bei FAIRMED in der Schweiz an. Was hat Sie dazu gebracht, in die Heimat zurückzukommen?
Bisher habe ich alle 12 bis 18 Monate das Land gewechselt. Das ist sehr anstrengend, ich musste mich immer wieder anpassen. Ich freue mich, jetzt in der Schweiz arbeiten zu können. Ich habe mich auch immer etwas schuldig gegenüber meiner Familie gefühlt, da ich so weit weg war. Das heisst aber nicht, dass ich nie mehr im Ausland arbeiten möchte.
Was wird bei FAIRMED Ihre Aufgabe sein?
FAIRMED engagiert sich für die Stärkung der Gesundheitsversorgung in verschiedenen Ländern. Es ist eine kleinere Organisation als das IKRK. Meine Aufgabe ist es, die Landesdirektorin in Sri Lanka von der Schweiz aus zu unterstützen. Daneben arbeite ich an der Evaluation von Projekten und ihrer Wirkung. Das ist wichtig, um Hilfsmassnahmen laufend zu verbessern.
Zum Schluss: Was wünschen Sie sich und der Welt für das Jahr 2026?
Wenn ich sage, Frieden, dann tönt es wohl sehr naiv. Mein Wunsch ist, dass jede Person, egal wo sie lebt, am Morgen aufstehen kann und weiss, dass ihre Kinder und sie selbst sicher sind. Dass sie weiss, wo die nächsten Mahlzeiten herkommen und bei Bedarf Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Ich persönlich wünsche mir auch, dass gewisse Menschen für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden können, zum Beispiel vor dem internationalen Gerichtshof.
Was geben Sie den Menschen in unserer Region mit auf den Weg?
Wir regen uns im Alltag über so viele Dinge auf. Wir sollten uns in Erinnerung rufen, was alles funktioniert. Es ist kein Weltuntergang, wenn wir mal fünf Minuten auf den Bus warten müssen. Es wird heute auch so viel online bestellt, auch bei Billighändlern mit fragwürdigen Standards. Dabei geht gerne vergessen, was da alles dahintersteckt. Unser Konsum hat weltweite Konsequenzen.
Nadine Küng
Nadine Küng ist in Maisprach aufgewachsen, hat in Rheinfelden die Bezirksschule besucht und nach der Matura internationale Beziehungen in Genf und humanitäre Hilfe in Schweden studiert. Sie arbeitete für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz unter anderem in Äthiopien, Ruanda, Tschad und Myanmar. Im Januar tritt sie eine neue Stelle bei der Hilfsorganisation FAIRMED in Bern an. (nfz) www.fairmed.ch




