«Mein Dorf, wie hast du dich verändert»
29.01.2026 PersönlichSabine Wunderlin ist mit ihren Vorher-Nachher-Fotos vom Fricktal bekannt geworden
Sabine Wunderlin bezeichnet sich als glückliches Landkind, liess sich zur Fotografin ausbilden, war 33 Jahre als eine der wenigen Frauen als Pressefotografin für den Ringier Verlag in der ganzen ...
Sabine Wunderlin ist mit ihren Vorher-Nachher-Fotos vom Fricktal bekannt geworden
Sabine Wunderlin bezeichnet sich als glückliches Landkind, liess sich zur Fotografin ausbilden, war 33 Jahre als eine der wenigen Frauen als Pressefotografin für den Ringier Verlag in der ganzen Welt unterwegs und kehrt jetzt für ein Projekt zurück nach Stein.
Petra Schumacher
Sabine Wunderlin, Jahrgang 1953, ist Vatertochter. Der Vater, Franz Wunderlin, war Lehrer in Stein. Aber nicht nur das, er war Feuerwehrkommandant, führte die Dorf kasse der Kantonalbank, war Ansprechpartner für die CSS Krankenkasse, im Turnverein sowie in der Schützengesellschaft. Und er machte für die Leute Passfotos, denn Franz Wunderlin besass neben einem Fotoapparat auch eine Dunkelkammer. «Mein Vater war vielseitig begabt», erklärt Sabine Wunderlin. «Mein Elternhaus hat er selber gezeichnet und beim Bau dafür gesorgt, dass unter der Treppe eine Dunkelkammer eingerichtet wurde. Auch der Vergrösserungsapparat wurde von ihm im Eigenbau hergestellt.» Im Gegensatz zu ihren fünf Geschwistern interessiert sie sich schon früh für die Fotografie und die Arbeit in der Dunkelkammer. «Der Moment, wenn sich in der Entwicklerflüssigkeit die Konturen auf dem weissen Papier abzeichneten, war für mich magisch.»
Wir können uns optisch nicht erinnern
Die Fotografin bezeichnet sich als glückliches Landkind. «Wir waren viel draussen, haben am Weiher Forellen gefangen und sind über die Wiesen gesprungen.» Die Grossmutter war Kleinbäuerin, hatte Tiere und einen grossen Gemüsegarten. Sabine Wunderlins Liebe galt dem Pferd Joggi. Später half sie beim Hühner-Hassler und hütete beim Grossbauern Höpli die Kühe. Auch die Traktorfahrprüfung absolviert sie. Mit elf Jahren nimmt sie an der Springkonkurrenz in Möhlin ihr erstes Foto auf. Sabine Wunderlin ist 15 als sie einen ihrer Lieblingsplätze im Dorf fotografiert, eine Wiese mit Obstbäumen. Auf dieser Wiese standen nun Profile für die Autobahn. «Dass in diesem Moment der Grundgedanke für meine Vorher- Nachher-Fotos entstand, merkte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich wusste nur, dass ich diese Wiese auf dem Foto festhalten muss, denn bald ist sie weg.»
Der «SonntagsBlick»
Eigentlich wollte sie Tierärztin werden. Das wäre nichts für Frauen, hiess es. So schwenkte sie auf die Lehrerausbildung um und konnte danach ein befristetes Jahr in Rheinfelden arbeiten. Der Fotoapparat begleitete sie auch in dieser Zeit. Die Rodung der vielen Kirschbäume entlang der Zugstrecke von Stein nach Rheinfelden schmerzte sie zutiefst. Ihre Dokumentation der Vorher-Nachher-Situationen wuchs weiter. Eher zufällig erfuhr sie von der Fotoklasse in Zürich an der Schule für Gestaltung Zürich, heute ZHdK, besteht die Aufnahmeprüfung und wechselt mit 27 Jahren wieder auf die Schulbank. Fotoreportagen liegen ihr. Ihre Diplomarbeit widmet sie der «Militärschule der Frauen», eine Reportage zum Frauenhilfsdienst. Als 1984, kurz vor Schulabschluss, ein Lehrer verkündete: Der «SonntagsBlick» habe angerufen und gefragt, ob eine Frau fotojournalistisch interessiert sei, wusste Sabine Wunderlin, dass das eine grosse Chance ist. Sie traf sich mit dem Foto-Chef, der sie nur fragte, ob sie einen Führerausweis habe und in wenigen Tagen beginnen könne.
Eine der wenigen Pressefotografinnen
33 Jahre wurden es, die Sabine Wunderlin als Pressefotografin für den Ringier Verlag tätig war. Der allererste Auftrag für den «SonntagsBlick» war eine Aufnahme vom Papst, der 1984 in die Schweiz kam. Später folgten Aufnahmen vom Dalai Lama, von internationalen Politikern, Bundesräten, Sportlern und Kunstschaffenden. Die Fotografin wird für schnelle Einsätze mit dem Helikopter eingeflogen und reist mit dem Flugzeug um die Welt. Die Vorher-Nachher-Dokumentation begleitet sie weiter.
Der rote Faden
«Landschaftsveränderung ist mein Lebensthema, mein roter Faden. Damit hat meine fotografische Arbeit angefangen und damit beschäftige ich mich bis heute», führt die Fotografin aus. «Mit den Bildern zeige ich meine starke Verbundenheit mit der Natur und mein Engagement fürs Lebendige. Ich möchte auf die unumkehrbaren Veränderungen der Umwelt aufmerksam machen.» 1985 zeigte der «SonntagsBlick» auf acht Seiten unter dem Titel «Mein Dorf, wie hast du dich verändert» Sabine Wunderlins Fotodokumentation von Stein. Zur Eröffnung der A3 im Oktober 1996 erschien im «Sonntags-Blick» eine grosse Reportage und machte mit Sabine Wunderlins Vorher-Nachher-Fotos die einschneidenden Änderungen im Fricktal deutlich. Weitere grosse Reportagen folgten. 45 174 von ihr gemachte Bilder im digitalen Archiv der Blick-Gruppe und Tausende Negative und Dias in der Ringier-Bildersammlung des Staatsarchivs vom Kanton Aargau und dazu die privaten Fotos, Sabine Wunderlin hat viel mit der Kamera festgehalten. Das Stadtmuseum Aarau widmete ihrem Schaffen 2023 die Ausstellung: «Sabine Wunderlin – Fotografin in einer Umbruchzeit». Parallel dazu erschien ihr Buch «Zwischen Stein, Bundeshaus & Pudding Palace».
Von Stein in die Welt und retour
Bei Sabine Wunderlin schliessen sich immer wieder Kreise. So auch jetzt. Stein war der Ursprung für ihre spätere Laufbahn als Fotografin, für die sie lange durch die Welt reiste. Ein aktuelles Projekt führt sie nun wieder nach Stein. Während der Ausstellung in Aarau kam sie zunächst mit Fritz Käser und später mit Walter Birri ins Gespräch. Beide sammeln leidenschaftlich alte Steiner Dorffotos und kennen deren Geschichten. Hansueli Bühler, ehemaliger Gemeindeammann von Stein und Vorsitzender der Kulturkommission, ist der Vierte im Bunde. Kurt Keller, der Fünfte, hat Steiner Anekdoten gesammelt. Derzeit arbeitet das Quintett an einem Vortragsprogramm, das in diesem Herbst in Stein Premiere feiern wird. Es geht um Fotos und Geschichten. Mehr sei noch nicht verraten.

