«Mein Alter war nie Thema»
07.06.2026 PersönlichDer Papa wird’s schon richten, finden seine Kinder. Und was darf das restliche Möhlin von Gemeindeammann Loris Gerometta erwarten? Zeit für ein paar Fragen.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Loris Gerometta, seit sechs Monaten sind Sie nun Gemeindeammann von Möhlin. Hat Ihre ...
Der Papa wird’s schon richten, finden seine Kinder. Und was darf das restliche Möhlin von Gemeindeammann Loris Gerometta erwarten? Zeit für ein paar Fragen.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Loris Gerometta, seit sechs Monaten sind Sie nun Gemeindeammann von Möhlin. Hat Ihre Familie bereits eine Vermissten-Anzeige aufgegeben? Loris Gerometta: Nicht, dass ich wüsste (lacht). Ich bin sogar eher öfters zuhause als in meinem vorherigen Job. Die Nähe erlaubt es, dass ich auch mal mit meiner Familie Mittagessen kann.
Apropos vermissen: Vermissen Sie die SP im Gemeinderat?
Parteien leisten einen wichtigen Beitrag. Nichtsdestotrotz geht es in der Kommunalpolitik um Sachpolitik. Bereits in der Legislatur zuvor waren im Gemeinderat drei Parteilose vertreten, und es war für uns nie ein Thema.
Aber mit dem Ausscheiden der SP und stattdessen neu mit der FDP ist ein ohnehin bereits bürgerlich dominierter Gemeinderat noch bürgerlicher geworden. Birgt das kein Konfliktpotenzial?
Ich persönlich habe diesen Eindruck nicht. Die Themen, die wir im Gemeinderat behandeln, schauen wir sehr differenziert an und das ist auch richtig und wichtig: Die Gesellschaft verändert sich, entsprechend müssen verschiedene gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt werden.
Jeder Gemeindeammann würde wohl behaupten, dass er ein Gemeindeammann für alle sein will. Wie wollen Sie das zum Gelingen bringen?
Dialog ist für mich das A und O. Bis jetzt habe ich das Gefühl, dass die Leute auf mich zukommen. Die Intensität hat mich sogar überrascht. Meine erste Legislatur als Gemeinderat bedeutete bereits eine Veränderung. Aber jetzt als Gemeindeammann ist es noch einmal eine ganz andere Dimension.
Fühlt man sich auch mal als Kummerkasten?
Nein. Natürlich kommen selbst beim Einkaufen oder sonst irgendwo im Dorf plötzlich Themen zur Sprache, die Einwohnerinnen und Einwohner beschäftigen. Wichtig ist, dass man differenziert: Es gibt Themen, die sollen in solchen Situationen Platz haben, und es gibt Themen, bei denen ist es sinnvoller, sie in einem anderen Kontext zu behandeln. Doch ein Gespür dafür, was die Menschen bewegt, bekommt man nicht im Gemeindehaus oder im Sitzungszimmer, sondern draussen. Deshalb ist Dialog ein derart wichtiger Punkt. Auch wenn man es nie allen wird rechtmachen können.
Schlaflose Nächte?
Das nicht. Aber es beschäftigt einen. Ich strebe grundsätzlich gemeinsame Lösungen an. Doch ist es halt auch so, dass gesetzliche Vorgaben einen Rahmen geben, den auch wir nicht ausdehnen können. Da darf ich noch an mir arbeiten: Zu akzeptieren, dass aufgrund solcher Rahmenbedingungen halt nicht immer für alle nur zufriedenstellende Lösungen eintreten.
Woran mussten Sie sich sonst noch gewöhnen in den ersten sechs Monaten als Gemeindeammann?
Ich komme zwar bereits aus einem beruf lichen Umfeld mit langen und intensiven Tagen. Aber in der Rolle als Gemeindeammann ist die Agenda sehr schnell fremdbestimmt und sehr schnell voll. Sie startet am Morgen – und sieht bereits am Nachmittag oft völlig anders aus als ursprünglich angenommen. Das bringt eine gewisse Herausforderung mit sich, bedingt Flexibilität und ist zugleich spannend.
Solange die Vermissten-Anzeige zuhause nicht rausgeht, können Sie damit umgehen?
Definitiv (lacht). Ohne die grosse Unterstützung der Familie wäre das alles aber gar nicht möglich.
Ihre Töchter Emilia und Giulia sind 3 und 8 Jahre alt: Wie finden sie es, dass ihr Papi der Chef von Möhlin ist?
(Lacht). Da gab es tatsächlich bereits lustige Momente. Vor allem bei der Grossen in der Schule mit ihren Kolleginnen: Das kann doch dein Papi machen, der ist ja jetzt der Chef von Möhlin.
Jetzt ist dieser Chef mit Abstand der Jüngste in der Exekutive.
Mein Alter war im Gemeinderat nie ein Thema.
Auch nicht von ausserhalb? Hat es nie geheissen: Der ist doch viel zu jung für dieses Amt?
Diese Frage wurde einzig einmal von der Presse an mich herangetragen. Für mich ist Alter kein Kriterium.
Gibt es Momente, in denen Sie sich fragen: Warum nur habe ich Ja gesagt?
Es gibt Momente, in denen man einfach feststellt: Das ist jetzt doch ganz anders als erwartet. Ich sehe das aber positiv: Man merkt plötzlich, was es alles braucht, damit eine Gemeinde überhaupt funktioniert. So viele Zahnräder, die ineinandergreifen müssen, all diese Menschen, die dahinterstehen, Werkhof, Verwaltung, Wasserversorgung, Abwasser, Forstbetrieb und so weiter. Wir drehen zuhause den Hahn auf und es kommt Wasser. Dabei ist das nicht selbstverständlich.
Haben Ihre Töchter nicht das Gefühl, dass Sie selbst für das Wasser aus dem Hahn sorgen – ist doch
Chefsache!
Soweit sind wir im Diskurs noch nicht gekommen.
Ihre Kinder sind noch klein und Sie sind 36. Kein Gemeindeammann für nur eine Amtsperiode.
Hätten Sie vor zwei Jahren gefragt, ob ich als Gemeindeammann kandidieren würde, hätte ich wohl gesagt: ich glaube nicht. Und siehe da: Jetzt sitzen wir hier und blicken auf die ersten sechs Monate zurück. Das Amt als Gemeindeammann zu übernehmen, war aber letztlich ein bewusster, wohlüberlegter Entscheid. Ob das für eine Amtsperiode ist oder mehr, entscheiden aber auch noch andere.
Sie meinen die Wähler.
Das ist das Schöne an unserem Verständnis davon, wie wir unsere Exekutive wählen.
So wie Sie gestartet sind: Darf es so weitergehen?
Definitiv. Ich bin immer noch in einer Phase täglichen Lernens. Es geht darum, Bewährtes und Funktionierendes weiterzuführen, gleichzeitig eine Weiterentwicklung im Sinne von Möhlin voranzutreiben.
Am 14. Juni stimmt Möhlin über Tempo 30 ab. Äussert sich der Gemeindeammann in diesem Interview dazu?
Als Gemeinderat vertreten wir dieselbe Haltung, wie wir sie als Kollegialbehörde an der Einwohner-Gemeindeversammlung bereits vertreten haben.
Das bedeutet: Man befürwortet Tempo 30 in den Quartieren.
Das ist richtig. Ich finde es aber auch gut, durch die Urnenabstimmung nun eine breitere Antwort darauf zu bekommen, ob Möhlin Tempo 30 möchte oder nicht. Jeder Stimmberechtigte darf und soll sich nun dazu äussern und so zu einer mehrheitsfähigen Entscheidung beitragen, die dann akzeptiert und umgesetzt wird. Das ist echte, gelebte Demokratie.
Sie werden Ihren Töchtern sagen müssen: Darüber entscheidet die Bevölkerung, der Papi allein kann das nicht.
Das ist so. Und so ist es auch richtig. (lacht)
Blick hinter die Kulissen
«Man merkt plötzlich, was es alles braucht, damit eine Gemeinde überhaupt funktioniert», sagt der neue Gemeindeammann im Gespräch mit der NFZ. Doch von aussen sehe man kaum hinein. Diesem Umstand will Loris Gerometta entgegenwirken – mit einem regelmässigen Rückblick über Instagram und Facebook. Aktuelle Themen und Erläuterungen sollen so einen Blick hinter die Kulissen gewähren. «Zeigen, was uns bewegt», sagt Gerometta. (rw)
www.instagram.com/ lorisgerometta

