«Man darf Kinder nicht vor Erfahrungen schützen»
06.07.2026 RheinfeldenFür viele Kinder ist der Robi-Spielplatz im Rheinfelder Augarten wie ein zweites Zuhause. Barbara Schneider hat den Ort massgebend mitgeprägt und feiert heuer ihr 35-Jahr-«Robi»-Jubiläum.
Janine Tschopp
«Ich bin hier hineingelaufen und wusste: ‹Das ist es!›», erinnert ...
Für viele Kinder ist der Robi-Spielplatz im Rheinfelder Augarten wie ein zweites Zuhause. Barbara Schneider hat den Ort massgebend mitgeprägt und feiert heuer ihr 35-Jahr-«Robi»-Jubiläum.
Janine Tschopp
«Ich bin hier hineingelaufen und wusste: ‹Das ist es!›», erinnert sich Barbara Schneider an einen speziellen Moment vor über 35 Jahren. Sie war von Anfang an angetan von dem Ort mitten im Rheinfelder Augarten-Quartier. Obschon die Infrastruktur damals sehr bescheiden und das Gelände wenig gestaltet war, erkannte sie sofort das Potential, das in dieser Robi-Anlage steckte. Sie war fasziniert und ihre Ideen begannen sofort zu sprudeln. Heute ist der Robi-Spielplatz sehr vielfältig und anregend gestaltet. Es ist ein Ort, der lebt und einem anspricht. Sogar wenn keine Menschen dort sind.
Verhalten gestalten
«Verhalten gestalten» ist einer von Barbara Schneiders Leitsätzen. Sie beschreibt es so: «Es geht hier um die Verführung. Wir wollen die Kinder ‹gluschtig› machen. So dass sie animiert werden, selber mit dem Gokart zu fahren, selber Holz zu hacken, selber mit der Stichsäge zu werken oder einen Besen in die Hand zu nehmen und den Platz zu wischen.» Barbara Schneider erklärt: «Der Sinn des Ortes ist, dass Kinder zwischen 5 und 12 Jahren hier Dinge real erleben können. Sie können Freundschaften pflegen und mit ihren Erfahrungen, die sie hier sammeln, können sie ihren Rucksack fürs Leben füllen. Kinder, die viel bei uns sind, wissen, wie man ein Velo f lickt, ein Feuer macht, ein Schwert baut, Holz hackt. Sie wissen, wie man Freundschaften schliesst, und was es braucht, um gemeinsam eine kleine Feier vorzubereiten.»
Den Raum entscheidend mitgeprägt
Barbara Schneider ist im Solothurnischen geboren und in Winterthur aufgewachsen. Sie war ursprünglich als Maurerin auf dem Bau tätig. Da ihr die Schweiz damals «zu engstirnig» war («Das Geld floss nur in die elitäre Kultur») wanderte sie in jungen Jahren nach Australien aus. Aus familiären Gründen kehrte sie nach fünf Jahren wieder in die Schweiz zurück. Später absolvierte sie einen Vorkurs an der Kunstgewerbeschule. Und dann, eines Tages stiess sie auf das Inserat, dass auf dem Robi-Spielplatz in Rheinfelden eine Betreuerin gesucht werde. «Ich hatte keine Ahnung, wo Rheinfelden lag, und war schliesslich sehr überrascht, dass der Ort sich ganz in der Nähe von Basel befindet», schmunzelt Barbara Schneider. Und dann kam eben dieser Moment, in welchem sie sich sofort in jenen speziellen Ort, mitten im Augarten-Quartier, verliebte.
In den folgenden Jahrzehnten durfte sie den Raum aktiv mitgestalten und mitprägen. Es sind Tierställe, eine Hüttenstadt, ein Erdhaus mit einem unterirdischen Tunnel, ein Gokart-Trail, ein Klettergarten und viel mehr entstanden. Barbara Schneider absolvierte berufsbegleitend verschiedene Ausbildungen und besuchte die Fachhochschule Luzern, wo sie soziokulturelle Animation studierte. Bis vor ein paar Jahren war sie für die Leitung des Robi-Spielplatzes zuständig. Diese hat sie dann an Sandy Christen übergeben und arbeitet heute zu 50 Prozent auf dem «Robi».
Nicht aus Bequemlichkeit geblieben
«Ich bin nicht aus Bequemlichkeit seit 35 Jahren hier», schmunzelt Barbara Schneider. Es habe ihr hier einfach immer sehr gut gefallen. Die Ideen gingen ihr nie aus und sie erhielt einen grossen Handlungsspielraum. «Mir wurden nie Steine in den Weg gelegt.» Zudem hat sie die Zusammenarbeit mit ihren Teamkollegen und Teamkolleginnen immer sehr genossen. «Seit 34 Jahren arbeite ich mit Pascal Zwahlen zusammen. Auch Liliane Regitz von unserem Trägerverein ‹schjkk› arbeitet bereits seit 30 Jahren hier», sagt Barbara Schneider und betont, wie wertvoll auch die Kontinuität in den letzten Jahren für sie war.
Wie haben sich denn die Kinder in all den Jahren verändert? Verändert habe sich vor allem das Schutzbedürfnis der Eltern. «Kinder kommen hierher um zu spielen, nicht um zu verunfallen. Heute muss man aufpassen, dass man Kinder nicht ständig vor Erfahrungen schützt. Denn Erfahrungen sind Dünger fürs Gehirn. Es ist wichtig, dass die Kinder nicht überbetreut sind, sondern Vertrauen geniessen und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Wenn Kinder lernen, wo ihre Grenzen und die Grenzen der anderen sind, schützt sie das vor fast allen Gefahren», ist Barbara Schneider überzeugt. Die Sättigung, respektive, dass immer alles zu jeder Zeit verfügbar ist, ist eine weitere Entwicklung, die Barbara Schneider in den letzten Jahren beobachtet. Auf dem «Robi» geht es nicht um Materielles, hier können Ansprüche und eigene Befindlichkeiten auch einmal in den Hintergrund rücken. Gelebt werden Werte wie Gemeinschaft, Teilhabe und Partizipation sowie die Nähe zur Natur.
Eine grosse Dankbarkeit
«Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Ort mitgestalten durfte», sagt die 63-Jährige rückblickend auf die letzten dreieinhalb Jahrzehnte. Was plant sie, wenn sie im Februar 2028 in Pension geht? «Ich werde in ein kleines Dorf im Wallis ziehen, wo ich mich mit Gärtnern und mit Permakultur beschäftigen darf.» Schon jetzt verbringt Barbara Schneider die Wochenenden in einem kleinen Häuschen im Goms, «jenseits von Konsum und Kommerz», wo sie einen grossen Selbstversorger-Garten bewirtschaftet. «So wie ich damals auf dem Robi-Spielplatz Wurzeln geschlagen habe, bin ich jetzt daran, im Wallis meine Wurzeln zu schlagen. Und wie auf dem Robi-Spielplatz darf ich auch im Wallis anpacken und mit meinem Körper und meinem Geist einen wunderschönen Raum gestalten.»
Auf dem «Robi» wird gefeiert
Neben den Jubiläen von Liliane Regitz (30 Jahre «schjkk») und Barbara Schneider (35 Jahre «Robi») gibt es dieses Jahr noch weitere Jubiläen zu feiern: So findet am 19. September 2026 auf dem «Robi» ein grosses Fest für 50 Jahre Robi-Spielplatz und 30 Jahre Verein «schjkk» statt. Gleichzeitig wird der kantonale Familientag gefeiert.
(jtz)

