Lob der Nutzlosigkeit
26.03.2026 RheinfeldenAbschied von Pfarrer Leszek Ruszkowski
Am Sonntag wurde Pfarrer Leszek Ruszkowski in einem festlichen Gottesdienst verabschiedet. Er geht nach achtzehnjähriger Tätigkeit in der reformierten Kirchgemeinde Rheinfelden in den Ruhestand.
«Everything’s alright» lautete der Song, den die Band unter der Leitung der Kirchenmusikerin Nina Haugen am Anfang des Gottesdienstes intonierte. «Everything’s alright» – er nehme das als Zusage für diesen Anlass, sagte Pfarrer Leszek Ruszkowski in seinem Eingangswort. Im weiteren Verlauf der Feier trug ein Projektchor mit einem halben Hundert Sängerinnen und Sängern ein Medley aus «Jesus Christ Superstar» sowie, zum Teil gemeinsam mit dem Rheinfelder Gospelchor, weitere Songs vor. Dazu gehörte auch «You‘ve got a friend», mit Ex-Konfirmandin Vanessa Bippus als Solistin.
Schäfchen zählen
Er nehme an, dass das uralte Mittel gegen Schlaf losigkeit allseits bekannt sei, sagte der scheidende Pfarrer in seiner Predigt: «Genau, sich bequem hinlegen und Schäfchen zählen». Das funktioniere bei allen – ausser bei seinem eigenen Berufsstand. Wenn man als Pastor anfange, Schafe zu zählen, dann sei das das sicherste Mittel, um nicht einschlafen zu können. Der Mitgliederabf luss, fuhr er in seiner mit humorvollen Pointen gespickten Kanzelrede fort, sei in all den Jahren seiner Tätigkeit in Rheinfelden konstant gewesen, «ein Strom, nicht gerade so gross wie der Rhein, aber wie der Magdenerbach schon». Als biblischen Text für seinen Abschiedsgottesdienst hatte Leszek Ruszkwoski ein Wort von Jesus ausgewählt, «das hart klingt für unsere freundlichkeitsverwöhnten Ohren». In der entsprechenden Passage im 17. Kapitel des Lukasevangeliums stellt Jesus seinen Jüngern die rhetorische Frage, ob ein Herr seinem Knecht etwa dafür danke, dass er das ausgeführt hat, was er ihm aufgetragen hatte. Dann fährt Jesus fort: «Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sagt: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren» (Lk 17, 10). Als Pfarrer, stellte Ruszkowski mit Blick auf den eigenen Berufsstand fest, neige man dazu, sich unentbehrlich vorzukommen. Dieses «Nützlichkeits-Diktat» zu hinterfragen, «ohne Scheuklappen», das sei eigentlich «etwas Kreatives und Spannendes», sagte Ruszkowski, und lud die Zuhörenden zur «Entdeckung der Nutzlosigkeit» ein, mit faszinierenden Exkursen zur französischen Philosophin Simone Weil (1909-1943) und dem österreichischen Psychiater Viktor Frankl (1905-1997). Im Anschluss an Weils Begriff der «Décréation» sagte Ruskowski: «Wenn alles vom Göttlichen absorbiert wird, erübrigt sich jede Sorge um die eigene Nützlichkeit», und in Modifikation eines Zitats von Frankl sagte er: «Nützlichkeit kann nicht angestrebt werden. Sie ergibt sich als Nebeneffekt der Hingabe an eine Sache, die grösser ist als man selbst, oder als Nebenprodukt der Hingabe an eine andere Person als man selbst».
Nebeneffekt der Hingabe
In welchem Ausmass dieser «Nebeneffekt der Hingabe» in Leszek Ruszkowskis Wirken in der Kirchgemeinde zum Tragen gekommen ist, zeigte sich in vielen Verlautbarungen im Gottesdienst. Stadtpräsidentin Claudia Rohrer bezog sich in ihrem Grusswort auf ein Zitat der Philosophin Hannah Arendt («Zukunft entsteht dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung für die Welt zu übernehmen») und hob Ruszkowskis sozial-politisches Engagement her vor; Stadtrat Dominik Burkhardt und Tom Steiner – Präsident der lokalen SP und Vizepräsident der Kirchenpflege – betonten beide, wie sie die persönlichen Gespräche mit Leszek Ruszkowski schätzen: «Deine Suche nach dem richtigen Weg, deine kompromisslose Offenheit im Denken und auch deine Zweifel haben mir mehr mitgegeben, als du dir wahrscheinlich denkst», sagte Steiner. Weiter würdigte er Ruszkowskis pfarramtliche Tätigkeit: Er habe, gemeinsam mit seiner Frau, Pfarrerin Christine Ruszkowski-Hauri, das Bild der Kirchgemeinde als einer weltoffenen und partizipativen «enorm geprägt».
Die beiden Kirchenrätinnen Barbara Stüssi-Lauterburg und Catherine Berger erwähnten Leszek Ruszkowskis übergemeindlichen Einsatz für die Landeskirche, unter anderem in der Funktion als Vizedekan.
Auch Dekanin Pfarrerin Noemi Breda hat eine lange gemeinsame Geschichte mit Leszek Ruszkowski: Sie lernte ihn schon als junge Theologiestudentin kennen und war später mit ihm zusammen in der Leitung des Dekanats Brugg. Ihr kam die Aufgabe zu, den Kollegen vom Gelübde, das er einst bei seiner Einsetzung abgelegt hatte, zu entpflichten und ihm den Segen für den kommenden Lebensabschnitt zuzusprechen.
Der Pfarrer als Youtuber
Es war dies einer der Momente, in denen die Gemeinde spontan applaudierte. Auch als Leszek Ruszkowski seiner Frau dankte, wurde mitten in der Predigt langanhaltend geklatscht. Und als dem scheidenden Pfarrer von der Kirchenpflege ein Blumenstrauss überreicht wurde, wollten die stehenden Ovationen nicht enden. Zuvor hatten Mitarbeitende und Mitglieder der Kirchenpf lege in einem Medley von umgedichteten K irchenliedern Ruszkowskis Werden, Wirken und Wesen besungen. Die Aktivitäten von Leszek Ruszkowski als Filmer und «Youtuber» («Der Pfarrer als Youtuber», lautete einmal eine Schlagzeile in der lokalen Presse) präsentierte sein Pfarrkollege Peter Senn abschliessend in einer Zusammenstellung von Videobeiträgen, die Ruszkowskis Können, Kreativität, Schalk und gedankliche Tiefe optisch zum Ausdruck brachten und heiter überleiteten zum Apéro riche. (mgt)

