Lieber sterben als die Freiheit verlieren
07.05.2026 SteinDie boxopera inszenierte Bizets «Carmen» auf ungewöhnliche, aber werktreue Weise in Stein
Seit 20 Jahren ist Carmen tot, aber in der Erinnerung Josés ist sie unsterblich. Und so beherrscht sie das Schlussbild: Verführerisch und unerreichbar, heissblütig und ...
Die boxopera inszenierte Bizets «Carmen» auf ungewöhnliche, aber werktreue Weise in Stein
Seit 20 Jahren ist Carmen tot, aber in der Erinnerung Josés ist sie unsterblich. Und so beherrscht sie das Schlussbild: Verführerisch und unerreichbar, heissblütig und kalt zugleich. So endete die Aufführung von Georges Bizets Oper durch die boxopera am Samstag in Stein.
Michael Gottstein
Der Kulturkommission ist es gelungen, ein beeindruckendes Opernereignis in den Saalbau zu holen, mit grossen Stimmen und einer Inszenierung, die sich nicht nur notgedrungen auf das Wesentliche beschränkte, sondern eigene Akzente setzte. Für ihre vierte Produktion seit der Gründung im Jahre 2019 hatte sich die von Peter Bernhard geleitete boxopera die berühmteste französische Oper des 19. Jahrhunderts ausgesucht, die dank ihrer von andalusischer Volksmusik inspirierten, koloristisch reichen Partitur und der psychologisch treffsicher gezeichneten Charaktere zu den unvergänglichen Klassikern gehört und mit Carmen einen Mythos geschaffen hat. Sie ist das weibliche Gegenstück zu Don Giovanni: Verführerisch, rücksichtslos bis zerstörerisch gegen andere und sich selbst, vor allem aber die Freiheit liebend und bereit, dafür zu sterben.
Zwei Realitätsebenen
Die Originaloper erzählt die Geschichte um die Zigeunerin Carmen, den Soldaten José, das Dorfmädchen Micaëla und den Torero Escamillo mit mehreren Szenenwechseln. Natürlich reichen die Möglichkeiten der Steiner Bühne nicht aus, um alle Volksszenen darzustellen, daher hatte die Regisseurin Anette Leistenschneider eine zündende Idee: Es scheint, als sei sie von dem in der Literaturwissenschaft viel diskutierten Konzept der Autoreferentialität inspiriert worden, denn in ihrer Inszenierung erzählt sich das Stück gleichsam selbst.
Einziger Schauplatz ist die Gefängniszelle Josés, der Carmen vor etwa 20 Jahren aus Eifersucht getötet hatte. In der Erzählgegenwart bekommt er Besuch von dem Dichter Prosper Mérimée (gespielt von Matthias Fankhauser). Dieser lässt sich die Geschichte Schritt für Schritt erzählen. Die Erinnerungen Josés werden aber nicht ausgesprochen, sondern auf der Bühne gesungen und gespielt, wobei die Lichtregie die Unterscheidung zwischen den Realitätsebenen deutlich macht. Taghelles Gelb steht für die reale Situation der Gefängniszelle, während die nur in der Erinnerung Josés präsenten Szenen in surreales Licht getaucht werden. Es erwies sich als weiterer geschickter Regieeinfall, dass zwei Personen aus der Vergangenheit auftauchen: Micaëla, die vom Dorfmädchen zu einer etwas biederen Frau geworden ist und noch immer Sympathien, wenn nicht mehr, für José empfindet (das einfühlsam gesungene Duett deutet darauf hin), sowie Escamillo, der äusserlich kaum und innerlich gar nicht veränderte Torero. Ihre Fragen fördern Josés Erinnerungen zutage.
Der Mord wird noch einmal im Kopf durchlebt
Das Inszenierungskonzept überzeugte, aber es beleuchtete Carmen nicht unbedingt aus neuer Perspektive, denn es zeigte sich, dass José seine Tat nicht kritisch reflektiert, vielmehr sind seine Gefühle für Carmen auch nach 20 Jahren so lebendig wie einst. So kann er mit ungebrochener Affektvehemenz das grosse Finale (mit dem Mord) nachspielen, doch während er vor 20 Jahren Carmen erdolcht hatte, ist er es nun, der in seiner Gefängniszelle vor Schmerz zusammenbricht. Die Erinnerung wird für ihn zur erneut durchlebten Realität. Carmen entzieht sich der Umklammerung und schreitet zum Bühnenhintergrund, wo sie ikonengleich erstarrt.
Die Frage Micaëlas, weshalb José damals nicht in sein Dorf zurückgekehrt sei, bleibt unbeantwortet, denn Prosper Mérimée kann darauf nur den Aphorismus Blaise Pascals zitieren: «La cœur a ses raisons, que la raison ne connaît pas». Den Mythos Carmen kann man eben nicht dekonstruieren.
Überzeugende Leistungenr
Die Aufführung überzeugte auch durch die schauspielerischen Leistungen, das stimmige Bühnenbild, die Kostüme und die Maske sowie durch das von Andrea Del Bianco dirigierte und am Flügel begleitete kleine Orchester. Es war beachtlich, wie es den Streichern auch ohne die Farbenv iel falt ei nes g rossen Opernorchesters gelang, die differenzierte Harmonik, die zündenden Rhythmen und die weit gespannte Dynamik nachzuzeichnen und die verschiedensten Stimmungen zu evozieren: Von der Lebenslust des Torero-Themas über die Laszivität der Habanera und das unheimlich dräuende Schicksalsmotiv bis zur grossen Schlussszene.
Eine herausragende Leistung zeigte Sarina Weber, die sowohl die verführerische als auch die dem Schicksal trotzende, für die Freiheit zum Äussersten gehende Carmen glaubhaft verkörperte. Ihr mit reichlich Timbre, Volumen und Vibrato ausgestatteter Mezzosopran zeigte sich den grossen dramatischen Ausbrüchen vollauf gewachsen, und sie zeigte ebenso vokale wie schauspielerische Raffinesse in den Verführungsszenen und Einfühlungsvermögen bei Carmens Todesahnung. Peter Bernhard konnte trotz leichter Probleme bei hohen Pianissimo-Stellen die Wehmut, den emotionalen Aufruhr, den Schmerz Josés und dessen bis zum Wahnsinn gehende Besessenheit für Carmen glaubhaft vorführen. Eine psychologisch differenzierte Rollendarstellung. Cheyne Davidson gab mit markantem Heldenbariton und raumgreifender Bühnenpräsenz den selbstsicheren Escamillo. Mit schöner Sopranstimme und treffsicherer Charakterisierungskunst zeichnete Jeanne-Pascale Künzli-Lüdin die Micaëla, eine an sich lyrische Partie, die phasenweise über sich hinauswuchs, als sie sich beim Gang zur Schmugglerbande Mut zusprach. Viel Beifall belohnte alle Mitwirkenden für einen gelungenen Opernabend.


