Lea und der Sternenhimmel

  09.02.2024 Möhlin

«Diesen Tag werde ich nie mehr vergessen»

Dann brachen alle Dämme: Lea Wicki von den Ryburger Tambouren schrieb im Sommer eine grossartige Geschichte. Wir erzählen sie.

Ronny Wittenwiler

Es liegt etwas in der Luft. Sie spürt es bis in die Fingerspitzen. Am Sonntag, Punkt 14 Uhr, wird Lea Wicki ihre Maske aufsetzen; vorwärts, Marsch.

Rückblick
Letzten Sommer, es ist der 1. Juli, ein Samstag: Lea Wicki sitzt in einem Festzelt, es ist zum Bersten voll. Hinter ihr liegen Wochen der Entbehrung, stundenlanges Üben, und was gleich folgt, lässt sich nur schwer beschreiben. Die Bilder aber lügen nicht. Bald einmal kursieren sie in den sozialen Medien und gelangen vom Brennpunkt Wallis schneller nach Möhlin als die Ryburger selbst. Grenzenloser Jubel. Von den Emotionen übermannt, liegen sich gestandene Tambouren in den Armen. Lea Wicki laufen Tränen übers Gesicht. Komplett realisieren, was gerade passiert ist, wird sie erst, als sie wieder daheim müde ins Bett fällt.

Erste Schritte
Lea Wicki ist ein Kind der Fasnacht. Kaum einjährig, ist sie am Umzug dabei. Die Mutter ist Mitbegründerin der Frauengruppe «Sechseinhalb Wochen», der Vater in der Fasnachtzunft Ryburg. Mit sechs Jahren wechselt Lea Wicki zu den Jungtambouren. «Das Trommeln wurde mir nicht direkt in die Wiege gelegt.» Ihr Götti aber sei bei den Tambouren und wir wissen: der trommelt gar nicht mal so schlecht.

Mit sieben oder acht Jahren läuft Lea Wicki den ersten Umzug. Überall in den Meler Beizen, wo das kleine Mädchen mit der grossen Trommel einmarschiert, zieht es überraschte Blicke auf sich und die Grosseltern: platzen schier vor Stolz. Als sie vor ein paar Jahren sterben, kommt bei der Wohnungsräumung ein Ordner mit Zeitungsberichten zum Vorschein. Lea Wickis Augen leuchten. «Das ist unglaublich. Sie haben jeden noch so kleinen Schnipsel gesammelt, in dem wir auch nur annähernd in irgendeiner Form vorgekommen waren. Meine Schwester und ich waren ihr grösster Stolz.»

Nervenspiel
Lea Wicki nimmt früh an Wettspielen teil, sie gewinnt erste Zweige. Das ist zuerst ganz schön, bald aber auch ganz schön schwierig; als hätte der Erfolg nicht nur Hunger gebracht, gibt vor den Augen der Jury immer öfters auch die Nervosität den Takt an. Wicki bekommt sie nie ganz in den Griff. «Das war so deprimierend.» Auch als sie längst zu den Etablierten gehört. Ihre Kollegen trommeln sich in der höchsten Jungtambouren-Kategorie (TJ1) regelmässig in die Kränze, gleich dahinter: Lea Wicki. Es ist wie verhext, oft fehlen bloss Zehntelpunkte. Was aber viel über diese Tambouren aus Ryburg aussagt: Es ist ein Leiden mit Lea. Jeder weiss, was in ihr steckt. Wenn sie es doch nur abrufen könnte. «Du musst nicht probieren, gleich die Sterne vom Himmel zu holen», rät der Götti. Dann fasst sie einen Entscheid.

Der Schlüsselmoment
Für dieses Gespräch treffen wir Lea Wicki im Restaurant Schiff. Draussen in Sichtweite der Narrenbrunnen mit dem Ryburger Freiheitsplatz. Vielleicht taugt dieser geradewegs als Vergleich für die Fesseln, die sich eine selbstkritische und bisweilen zweifelnde Lea Wicki abgelegt hat. Es ist im Jahr 2022 am Zentralschweizerischen in Kirchberg, als sie neu in der zweithöchsten Stärkeklasse (T2) antritt. «Ich ging plötzlich ohne Erwartungen an die Sache ran. Das war vielleicht mein Glück.» Lea Wicki trommelt sich in den Final und wird zweite. Es ist ein Schlüsselmoment. «Dann war für mich klar: Mein Ziel ist dieser Kranz T2 am Eidgenössischen 2023.»

Das grosse Finale
In der Vorbereitung für diese Geschichte hat sich die NFZ umgehört. «Lea hat sich das so sehr verdient, sie hat so viel in diesen Tag investiert», sagt eine Frau aus dem Umfeld der Fasnachtzunft und wir fragen Lea Wicki, was das Trommeln sie fürs Leben gelehrt hat. «Ich glaube, dass es sich lohnt, dranzubleiben und seine Ziele zu verfolgen.» Und dann ist der Tag gekommen. Lea Wicki steht vor den prüfenden Augen der Jury. Genauso wie ihre rund 130 Konkurrenten und Konkurrentinnen. Diese Nervosität, kaum wird sie je ganz verschwinden. Sie aber schafft an diesem 28. Eidgenössischen Tambouren- und Pfeiferfest letzten Sommer sensationell den Finaleinzug unter die besten neun. Der langersehnte Kranz!

Jetzt liegt wieder etwas in der Luft. Sie spürt es bis in die Fingerspitzen: Übermorgen Sonntag läuft sie mit ihren Ryburger Tambouren den grossen Umzug. Das Herz, es hüpft. Doch an jenem Samstag im Sommer, 1. Juli 2023, da schlägt es bis zum Hals. Rangverkündigung. Lea Wicki sitzt in einem Festzelt, es ist zum Bersten voll. Hinter ihr liegen Wochen der Entbehrung, stundenlanges Üben – und dann kommt der Moment, der alles, aber wirklich alles auf den Kopf stellt. Siegerin: Lea Wicki, Tambouren Fasnachtzunft Ryburg!

Es gibt kein Halten mehr. Für niemanden. Von den Emotionen übermannt, liegen sich jetzt gestandene Tambouren in den Armen. Lea Wicki laufen Tränen übers Gesicht. Familie, Freunde, Vereinskollegen. Alle sind sie da. Es ist die Geschichte von Lea Wicki.

Wieder daheim in Möhlin am Sonntagabend, als sie müde ins Bett fällt, da erst realisiert Lea Wicki, was sie wirklich getan hat: für einen Moment die Sterne vom Himmel geholt.

Lea Wicki (23) machte die KV-Lehre auf einer Bank und absolvierte begleitend die Berufsmatur. Sie arbeitet derzeit bei Feldschlösschen im Bereich Kreditmanagement und studiert Betriebswirtschaft. Ihr Götti ist Ivan Kym, fünffacher Basler Trommlerkönig und vierfacher Festsieger am Eidgenössischen.


Image Title

1/10

Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote