Kathrin Haslert
Diesen Herbst durfte ich einen runden Geburtstag feiern. Zum ersten Mal hatte ich Mühe, die Zahl zu akzeptieren. Plötzlich gehört man zu den Seniorinnen und Senioren. Mein Geburtstag zeigt mir mein tatsächliches Alter. Doch genauso fühle ich mich ...
Kathrin Haslert
Diesen Herbst durfte ich einen runden Geburtstag feiern. Zum ersten Mal hatte ich Mühe, die Zahl zu akzeptieren. Plötzlich gehört man zu den Seniorinnen und Senioren. Mein Geburtstag zeigt mir mein tatsächliches Alter. Doch genauso fühle ich mich nicht. Natürlich schlafe ich manchmal erschöpft vor dem Fernseher ein und die körperlichen Abnutzungserscheinungen lassen sich nicht mehr übersehen. Zugleich bin ich dankbar, diesen Geburtstag erleben zu dürfen. Gerade weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass dies nicht selbstverständlich ist. Krankheit und Tod führen uns immer wieder vor Augen, wie zerbrechlich das Leben ist.
Dennoch bleibt ein Bedauern. Vieles ist nicht mehr möglich oder rückt in unerreichbare Ferne. Als Kind zeichnete ich Striche an die Wandtafel, um die Tage bis zu einem besonderen Anlass zu zählen. Heute frage ich mich manchmal: Wie viele Striche könnte ich noch für den Rest meines Lebens machen?
Das Alter hat aber auch seine guten Seiten. Man ist am Leben gewachsen, verfügt über Erfahrungen und hat mehr Zeit und Ruhe. In gewisser Weise fühlt sich das Leben einfacher an als mit dreissig. Damals musste man noch so vieles werden, erreichen und beweisen. Familie und Beruf forderten ihren Tribut, die Tage waren vollgepackt mit Verpflichtungen und für die eigenen Bedürfnisse blieb wenig Raum. Gleichzeitig hatte man Träume und Visionen. Vieles davon ist Traum geblieben, doch man war voller Tatendrang und Zuversicht. Vielleicht bin ich undankbar und sollte ohne Bedauern auf das Erreichte und Erschaffene zurückblicken und mich über die gewonnene Freiheit freuen. Trotzdem, irgendwie ist der Lack ab. In den jungen Jahren waren viele Wünsche aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nicht erreichbar. Man war überzeugt, sie im Rentenalter nachholen zu können. Doch meistens kommt es anders. Menschen verändern sich, Interessen verschieben sich und nicht selten setzt die Gesundheit Grenzen.
Auch im Alter braucht der Mensch eine Aufgabe. Er möchte Teil eines grösseren Ganzen sein und etwas beitragen. Vielleicht geht es gerade jetzt darum, den Tagen mehr Leben zu geben. Nicht durch ständigen Aktionismus, sondern durch sinnstiftende Aufgaben und echte Begegnungen. Gerade weil die verbleibende Lebenszeit begrenzt ist, wird die Frage nach dem Wesentlichen wichtiger. Vielleicht sollte man sich im Alter bewusst fragen, was wirklich zählt. Umso wichtiger ist es, aus Gewohnheiten und Monotonie auszubrechen und dem eigenen Leben immer wieder neue Bedeutung zu geben.
Ich möchte noch nicht zum «alten Eisen» gehören. Stattdessen hoffe ich, mit der nötigen Gelassenheit die schönen Seiten des Älterwerdens zu erkennen, zu schätzen und zu geniessen. Denn eines habe ich gelernt:
«Alt werden ist nichts für Feiglinge.» Zitat von Joachim Fuchsberger
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