KOLUMNE ZUR POSTSCHLIESSUNG
14.07.2026 KolumneLieber Beat Käser
Sie haben gewonnen. Sie kriegen mehr Öffnungszeiten. Montag bis Freitag von 8 bis 20 Uhr, samstags ab halb acht. So viel Post gab es in Stein noch nie. Es gibt sie einfach nicht mehr am Schalter, sondern im Coop, gleich neben der ...
Lieber Beat Käser
Sie haben gewonnen. Sie kriegen mehr Öffnungszeiten. Montag bis Freitag von 8 bis 20 Uhr, samstags ab halb acht. So viel Post gab es in Stein noch nie. Es gibt sie einfach nicht mehr am Schalter, sondern im Coop, gleich neben der Kasse. Der gelbe Riese nennt das «eine attraktive Lösung vor Ort».
Attraktiv. Über dieses Wort sollten wir kurz reden.
Die Post schliesst keine Filiale, sie «wandelt sie um». Sie baut nichts ab, sie schafft ein «Agentur-mit-Partner-Modell». Das klingt nach Fortschritt, nach Zukunft, nach einem Team, das etwas gemeinsam anpackt. In Tat und Wahrheit ist der Partner ein Supermarkt und das Modell ein Rückzug. Sie haben das öffentlich «eine unpassende und beschönigende Bezeichnung» genannt. Das war höflich formuliert. Als Bauer wüssten Sie ein anderes Wort dafür, aber Sie sind Gemeindeammann und müssen sich zusammenreissen.
Die Sprache ist allerdings noch das kleinere Ärgernis. Das grössere steht in der Antwort des Bundesrats an unseren Fricktaler Nationalrat Christoph Riner. Er wollte wissen, ob die Entwicklung des Sisslerfelds in den Entscheid eingeflossen sei. Die Auswahl, liess man ausrichten, basiere auf Erreichbarkeits- und Dichtevorgaben, auf Raumplanung, Wirtschaftlichkeit und Kundenverhalten.
Man muss diese Erklärung zweimal lesen. Da beruft sich ein bundeseigener Konzern ausgerechnet auf die Raumplanung – und schliesst eine Filiale in jener Gemeinde, in der einer der grössten Arbeitsplatzschwerpunkte der Nordwestschweiz entsteht. Rund 10 000 Stellen sollen im Sisslerfeld dereinst stehen, Stein ist zudem Grenzort. Die Post rechnet mit den Schaltergeschäften von gestern, der Kanton plant mit den Menschen von morgen, und beide tun so, als hätten sie nichts miteinander zu tun.
Ob das Sisslerfeld konkret berücksichtigt wurde bei der Antwort an den Politiker aus Zeihen? Blieb offen.
Das ist der Punkt, an dem mir die Contenance abhandenkommt. Man hat Ihnen nicht widersprochen, lieber Beat Käser, man hat das Fricktal einfach durchgerechnet wie eine Zeile in einer Tabelle und dann die Zeile gelöscht. Und die Eidgenössische Postkommission, angerufen von Ihrem Gemeinderat als eines der wenigen Mittel, die Ihnen überhaupt blieben, befand: alles im Einklang mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Selbstverständlich. Wenn der Bund den Bund prüft, kommt der Bund selten schlecht weg.
Bleibt der Postomat. Wo der künftig steht, ist «noch offen». Man weiss in Bern also nicht einmal, wo im Fricktal ein Automat hingehört. Aber man weiss ganz genau, dass hier, bei uns, ein Schalter zu viel war.
Am 19. Oktober ist es so weit. Wer dann eine heikle Sendung aufgibt, eine Betreibung, eine Kündigung, tut das zwischen Rüebli und Rabattmarken. Diskretion, sagen Sie, könne eine Agentur nicht bieten. Sie haben recht und ihrem Beruf wissen sie auch: Ein Bauer sät, bevor er weiss, was daraus wird. Anders geht es nicht. Wer wartet, bis sich die Sache rechnet, verpasst den Ertrag.
In Bern rechnet man umgekehrt. Dort erntet man Zahlen von gestern und lässt das Feld dann liegen, weil letztes Jahr zu wenig darauf gewachsen ist. Zehntausend Arbeitsplätze wachsen nicht in einer Excel-Tabelle. Sie wachsen dort, wo jemand daran glaubt, bevor es sich rechnet.
Sie glauben ans Sisslerfeld. Die Schweizer Post hat ihnen dafür einen Supermarkt hingestellt. Und nennt das, Heilandsack, Partnerschaft!
CHRISTOPH GRENACHER, ITTENTHAL
