Kettenhemd und Latexmaske bei 36 Grad
30.06.2026 FokusDas Rheinfelder Mittelalter- und Fantasyfest 2024 war kalt und verregnet. An diesem Wochenende mussten Besucher, Händler und Gewandete mit der Hitze klarkommen. Nur die Madagaskar-Fauchschaben genossen die hohen Temperaturen.
Boris Burkhardt
Stadtführer Roland Graf absolviert ...
Das Rheinfelder Mittelalter- und Fantasyfest 2024 war kalt und verregnet. An diesem Wochenende mussten Besucher, Händler und Gewandete mit der Hitze klarkommen. Nur die Madagaskar-Fauchschaben genossen die hohen Temperaturen.
Boris Burkhardt
Stadtführer Roland Graf absolviert fast zwei Stunden als Rudolf von Rheinfelden im 23 Kilo schweren Kettenhemd. Mit Glockenschlag Mittag kann er es im Rheinfelder Rathaushof endlich ausziehen, während seine zahlreichen Zuhörer ihm immer wieder Trinkgeld in die Hand drücken. Das Thermometer zeigt 36 Grad. «Jetzt bin ich ein paar Kilo leichter», sagt Graf verschwitzt und atemlos im Gespräch mit der NFZ. Damit meint er nicht nur das Kettenhemd, sondern auch sein Körpergewicht. Er habe die Hitze ausgehalten, sagt er: «Aber bisher habe ich Rudolf nur bei Gluthitze, bei Minusgraden oder im Dauerregen gespielt. Normales Wetter wäre mal gut.»
«Der erfolgreichste Rheinfelder»
Die Zuhörer folgten Graf aufmerksam bei der Geschichte vom «erfolgreichsten Rheinfelder» als deutscher König. Wie Nicolás Schmid, Leiter des Stadtmarketings, berichtet, waren alle kostenlosen Spezialführungen während des Mittelalterfests ausgebucht: «Wir liessen aber auch jene noch mitgehen, die spontan kamen.» Neben der allgemeinen Mittelalterführung waren die Stadtführerinnen und Stadtführer als Henker und als Agnes von Rheinfelden, Herzogin von Zähringen, durch die Altstadt unterwegs.
Die Hitze machte auch den Besuchern, Händlern und Künstlern am Mittelalter- und Fantasyfest in der Rheinfelder Altstadt zu schaffen. Die Stadt hatte Wasseranschlüsse aufgestellt, wo sich die Gäste in zivil und in Gewandung kühlen und die Trinkf laschen auffüllen konnten. Die Basler Musikgruppe «Des Dudels Kern» mit Sackpfeife, Drehleiter und Teufelsgeige macht laut eigener Aussage «sackstarke Volksmusik vom Mittelalter bis zur Gegenwart». Eben haben Kurt, Peter und Anne aber beschlossen, dass sie nicht auf der Bühne auf dem Zähringerplatz auftreten wollen: «Zu heiss!» Später wird man sie im Schatten der Bäume des Hauptwachplatzes aufspielen hören, während die sechs Strassenkünstler der Gauklergilde aus der ganzen Schweiz dazu tanzen, balancieren und Banner schwingen.
Schnelle Kakerlaken
Die Spielende Fortuna hat derweil eine muntere Menge um ihren Tisch stehen. Sie hat gerade die Startgelder fürs Kakerlakenrennen einkassiert und lässt nun zehn Madagaskar-Fauchschaben mit einem lauten Knall lossprinten. Rund sechs Zentimeter sind die Tiere lang; sie gehören zu den grössten Schaben der Welt. Die Spielende Fortuna ermuntert ihre Gäste, sie in die Hand zu nehmen: «Ich will Kindern und die Erwachsenen die Angst vor diesen Tieren nehmen.»
Einige Unentwegte liessen auch bei 36 Grad im Schatten ihre Verkleidungen nicht im Schrank. Manches war aber auch gar nicht so schlimm wie es aussah: Unter ihrem Gewand aus leichter Wolle trage sie ein Unterkleid aus Leinen, erklärt etwa Magierin Fabia: «Das Leinen wirkt wie eine kleine Klimaanlage.» Diese Art der Bekleidung habe sich schon seit Jahrhunderten bewährt.
Nicht alle Verkleidete waren aber privat unterwegs: Nox der Rabe und Kettu die Füchsin alias Ernst und Madeleine Fischer in ihren äusserst aufwändigen, selbstgefertigten, aber sehr warmen Kostümen samt Vollmasken sind Künstler, die als sogenannte «Walking Acts» engagiert wurden. Auch sie verraten, dass sie Miniventilatoren und Kühlwesten unter Fell beziehungsweise Federkleid tragen. Nur Samuel alias Taznak der Orkkrieger mit Fellrüstung und Kriegshammer hält die Hitze ohne Hilfsmittel aus. Die grüne Latexmaske fühle sich an wie ein Gummistiefel auf dem Kopf, sagt er. Er gehört zur Darstellergruppe «Groshbar Sagûn» mit zwölf Mitgliedern «zwischen Bern und Hannover», die ihr Orklager auf dem Sportfeld aufgeschlagen haben.





