Kann der Journalismus vor den Medien gerettet werden?
31.01.2025 RheinfeldenIm Rahmen einer neuen Reihe «Kultur und Gesellschaft» des Hotels Schützen führt Soziologe Ueli Mäder monatlich Gespräche mit verschiedenen Fachpersonen. Am Mittwochabend war Publizist Roger de Weck zu Gast in Rheinfelden.
Janine Tschopp
Er sei ...
Im Rahmen einer neuen Reihe «Kultur und Gesellschaft» des Hotels Schützen führt Soziologe Ueli Mäder monatlich Gespräche mit verschiedenen Fachpersonen. Am Mittwochabend war Publizist Roger de Weck zu Gast in Rheinfelden.
Janine Tschopp
Er sei zum ersten Mal in Rheinfelden, gab Roger de Weck am Anfang des Gesprächs mit dem Soziologen Ueli Mäder zu. Zum Trost: Er sei kürzlich auch zum ersten Mal in Venedig gewesen und Amsterdam habe er noch gar nie besucht.
Obschon später immer wieder ernste Themen behandelt wurden, begann das Gespräch locker und entspannt. Hauptthema war Roger de Wecks jüngstes Werk «Das Prinzip Trotzdem – Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen». De Weck ist als viertes von sieben Kindern eines Bankers in Freiburg (CH) aufgewachsen. «Meine Mutter war Wissenschaftlerin und Künstlerin. Wir waren keine eigentliche Bankerfamilie.» Er studierte Wirtschaft und war später unter anderem Chefredaktor bei der Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit» und beim Tages-Anzeiger. Von 2011 bis 2017 war er SRG-Generaldirektor.
Medien und Demokratie
Medien und Demokratie sind Themen, welche Roger de Weck stark beschäftigen. «Die Medien waren da, um zum Gleichgewicht in der Demokratie beizutragen. Plötzlich sind Machthaber Eigentümer der Medien. Das macht mir Sorgen», sagte Roger de Weck am Mittwochabend. Der Journalismus habe in der Demokratie eine Schlüsselrolle gespielt. Wenn Journalismus nur noch die Konsumentinnen und Konsumenten bediene und nicht mehr die Bürgerinnen und Bürger anspreche, werde es gefährlich.
Weil Verlagshäuser heute mit Werbung immer weniger Einnahmen generieren, hätten sie Redaktoren und Redaktorinnen abgebaut. Dies führe zu einem Substanz- und Kompetenzverlust. Durch reisserische Artikel wolle man das grosse Publikum erreichen. Chefredaktoren seien heute Content Manager und es gehe um möglichst viele Klicks. Die Auswahl der Themen erfolge kommerziell statt essentiell. «Wir beobachten eine Angleichung der journalistischen Medien an die sozialen Medien», stellte Roger de Weck fest. Journalismus sei plakativer geworden. De Weck sieht es als falschen Weg, die wirtschaftliche Krise der Verlagshäuser mit einer sogenannten «Boulevarddigitalisierung» zu kompensieren. Man komme in einen Teufelskreis, wenn man davon ausgehe, dass man mit reisserischem Journalismus Leser und Leserinnen anziehe.
Wie kann substantieller Journalismus überleben?
Ueli Mäder wollte von Roger de Weck wissen, wie substantieller Journalismus bei der Tendenz zur «Klick-Kultur» überleben könne. Laut de Weck gibt es drei wichtige Punkte: Erstens gehe es um Selbstverantwortung und Selbstvergewisserung der Journalisten. Nach dem Motto: «Wir machen nicht jeden Blödsinn, nur um viele Klicks zu erhalten.» Zweitens müsse man das Umfeld der sozialen Plattformen regulieren. Und drittens müssten öffentliche Gelder fliessen, wenn das Geld für substantiellen Journalismus nicht mehr ausreiche.
Im letzten Teil des Gesprächs stellte das Publikum konkrete Fragen zu den besprochenen Themen. Zum Beispiel zur Selbstverantwortung der Journalisten, zur finanziellen Abhängigkeit oder wie man die Nachfrage für substantiellen Journalismus bei jungen Menschen fördern könne. Eine junge Historikerin betonte gegenüber Roger de Weck, dass es auch in den sozialen Medien positive Beispiele von Journalismus gebe. «Ich folge ihnen nur halb», sagte de Weck zu ihr. Es gebe zwar bei den sozialen Medien gute Entwicklungen, zum Beispiel substantielle Podcasts, aber das sei nicht journalistisch. Wo beginnt Journalismus und wo hört er auf?
Das Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Jugendstilsaal des Hotel Schützen folgte dem Gespräch zwischen Ueli Mäder und Roger de Weck während mehr als eineinhalb Stunden mit viel Interesse und brachte sich schliesslich mit Fragen aktiv ein.