«Im ganz Kleinen steckt für mich das Grosse»
02.11.2026 PersönlichSina Studinger sammelt Glühwürmchen und gärtnert naturnah
Ein nicht tipptopp aufgeräumter Pflanzengarten sollte als etwas Schönes angesehen werden können, findet Sina Studinger, die erzählt, warum Igel und Glühwürmchen für sie eine besondere Bedeutung haben.
Petra ...
Sina Studinger sammelt Glühwürmchen und gärtnert naturnah
Ein nicht tipptopp aufgeräumter Pflanzengarten sollte als etwas Schönes angesehen werden können, findet Sina Studinger, die erzählt, warum Igel und Glühwürmchen für sie eine besondere Bedeutung haben.
Petra Schumacher
Einige Menschen sammeln «Kaffeerahmdeckeli», andere Handtaschen und wieder andere sammeln Glühwürmchen. «Das stimmt in dem Fall nicht so ganz», korrigiert Sina Studinger, Jahrgang 1993. «Ich sammle die Glühwürmchen, um sie zu zählen und nicht, um sie zu besitzen.» Trotzdem ist das ein Hobby, von dem man nicht oft hört. «Schon länger engagiere ich mich für Anlässe des Juraparks Aargau und bin so zu den Glühwürmchen gekommen. Seit 2023 bin ich mit dem Jurapark auch beruflich verbunden.»
Gärtnern aus Leidenschaft
Naturnah sei sie in Mumpf aufgewachsen, berichtet Sina Studinger. «Meine Eltern haben einen grossen Garten und die Mutter hat meiner Schwester und mir schon früh je ein Beet gegeben, wo wir unsere ‹Rüebli› säen konnten. Zudem haben wir viel draussen gespielt und waren mit den Grosseltern mit den Velos unterwegs.» Die Naturverbundenheit äusserte sich dann auch im Berufswunsch. «Erst war es die Floristin, die mich interessiert hat, aber nach dem Schnuppern wurde es die Ausbildung zur Zierpflanzengärtnerin.» Nach der Lehrzeit in Frick merkte die Gärtnerin, dass das überwiegende Schaffen in Innenräumen mit saisonaler Ware nicht ganz ihrem Interesse entsprach und hängte eine Zusatzlehre als Landschaftsgärtnerin in Möhlin an. Danach sammelte sie zwei Jahre Berufserfahrung und entschied sich dabei für den Besuch der Gartenbauschule Oeschberg, die sie 2019 mit dem HF-Diplom als Gartenbautechnikerin abschloss. Es folgte nochmals ein Jahr als Angestellte, bevor sie den Schritt hin zum eigenen Gartenbetrieb wagte.
Stachliger Name
Bei einem Gartenbaubetrieb liegt der Name des Besitzers oder ein Pflanzenname nahe, einen Tiernamen erwartet man da weniger. Sina Studinger schmunzelt: «Der Name, Igel Gartenbau, wird öfter hinterfragt. Zum einen hat mein Geschäftspartner, Matthias Keusch, einen Haarschnitt, der ihm den Über namen einbrachte. Zum anderen steht für mich der Igel als Zeigetier dafür, ob ein Garten von der Natur her intakt ist. Und intakte, naturnahe Gärten sind mein Arbeitsgebiet und eine Herzensangelegenheit für mich.» Igel haben eine Sonderstellung, weiss die Gärtnerin zu berichten. Als einziges Wildtier darf er – neben den Singvögeln – von Privatpersonen gefüttert werden. Gerade in so trockenen Sommern, wie dem letzten, in dem Insekten fehlten, braucht der Igel Unterstützung. In Sina Studingers Freizeit steht ein weiteres Tier im Mittelpunkt: Sie reitet und hat in Oeschgen eine Reitbeteiligung. «Bei Ausritten habe ich schon mal verletzte Igel gefunden, mitgenommen und dann nach Ormalingen zur Igelstation gebracht.» Dort kennt man die Gärtnerin inzwischen, denn immer wieder trifft sie bei ihren Kunden auf Igel, die Hilfe benötigen.
Alternativen schaffen
Naturnah gärtnern, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger sei ihr wichtig, erzählt die Gärtnerin. «Ich berate die Leute gern und zeige Alternativen auf, zu dem, was man herkömmlich kennt. Jemand, der nicht aus dem Bereich kommt, hat nun mal nicht dieses Wissen. Wenn ich so ein Umdenken mit anstossen kann, würde mich das sehr freuen. So empfehle ich jetzt im Herbst, die verblühten Pflanzstängel stehen zu lassen, damit die Insekten dort überwintern können. Der scheinbar nicht aufgeräumte Garten sollte ‹das neue Schön› werden. Wenn sich dieses Denken durchsetzen könnte, wäre der Natur sehr geholfen.» Um das Wissen zu vertiefen, hat Sina Studinger 2024 den Naturgartenlehrgang absolviert. Dabei ging es um naturnahe Schwimmteiche, um Wildblumen, Wildbienen und um Lebensräume für Kleintiere, wie dem Glühwürmchen. Zudem ist der Gartenbaubetrieb seit 2025 «Bioterra» zertifiziert.
Glühende Faszination
«Für den Kurs waren wir nachts auf einem Friedhof, weil es dort eine grosse Gruppe an kleinen Glühwürmchen gab. Der Sternenhimmel und das Leuchten der Glühwürmchen vor den Grabsteinen, das war regelrecht mystisch», erzählt Sina Studinger. Als dann vom Jurapark Aargau Personen zum Glühwürmchenzählen angefragt wurden, musste sie nicht lange überlegen. «Ich habe in Oeschgen gesammelt, gezählt und protokolliert. Dort kommt das grosse Glühwürmchen vor. Bei denen leuchten nur die Weibchen. Aus leeren PET-Flaschen und LED-Lampen habe ich zehn Fallen gebaut, um damit Männchen anzulocken. Natürlich habe ich mich auch mit den Glühwürmchen selbst beschäftigt. Ungefähr zwei Jahre verbringen sie als Larven und fressen in dieser Zeit Nacktschnecken, die meist viermal so gross sind wie sie. Das ist doch faszinierend. Auch Glühwürmchen sind Zeigetiere, denn sie benötigen ausreichend Dunkelheit, Feuchtigkeit sowie andere Kleintiere als Nahrungsquelle. Wo Glühwürmchen zu finden sind, ist das Ökosystem intakt. Für mich heisst das: Im ganz Kleinen steckt das Grosse.»
Corona habe ihr in die Hände gespielt, berichtet die Gärtnerin. «In dieser eigentlich schwierigen Zeit ist unser Betrieb gut gestartet, weil die Leute zu Hause geblieben sind und ein Augenmerk auf den Garten gelegt haben.» Gerne würde Sina Studinger ihren Betrieb personell aufstocken, doch den Fachkräftemangel spürt auch sie. Gerade suchen ihr Geschäftspartner und sie nach einer passenden Liegenschaft für den Betrieb im Fricktal. «Aktuell haben wir mehrere kleine Standorte, die wir gern an einem Ort bündeln würden.» Für den Jurapark Aargau übernimmt Sina Studinger die Naturgartenberatungen und freut sich über jeden Quadratmeter naturnaher Garten, der neu entsteht.

