«Ich wollte die Musik in den Händen halten»
07.01.2026 PersönlichPlatten, Oldtimer, historisches Spielzeug, alte Emaille-Schilder – Marc Widmer sammelt viel. Ganz besonders interessieren ihn die Geschichten, die zu den Gegenständen gehören. An seiner Sammlung hängt er aber nicht. Im Gegenteil. Das Milchhüsli in Stein passt da genau in ...
Platten, Oldtimer, historisches Spielzeug, alte Emaille-Schilder – Marc Widmer sammelt viel. Ganz besonders interessieren ihn die Geschichten, die zu den Gegenständen gehören. An seiner Sammlung hängt er aber nicht. Im Gegenteil. Das Milchhüsli in Stein passt da genau in seinen Plan.
Petra Schumacher
Marc Widmer, Jahrgang 1960, ist in Stein daheim. Er bezeichnet sich als leidenschaftlichen Sammler – als Sammler von Gegenständen und Geschichten. Wie wird man zum Sammler? «Mich hat als Kind das eine Jahr mit der Familie in England sehr geprägt. Wir waren 1966 dort, der Vater hat für die Roche gearbeitet. Es war die Zeit der Beatles und England ist Fussballweltmeister geworden», erzählt der Sammler. «Die spezielle Stimmung, die es da gab, hat mich beeindruckt. Überall lief Musik, das kannte ich nicht von der Schweiz. Auch die Eltern hörten die Beatles rauf und runter. Das blieb bei mir hängen.»
Mit Vinyl fing alles an
Das Angebot von Musiksendungen im Radio und Fernsehen in der Schweiz seiner Kindheit war recht überschaubar, eigentlich gab es nur die Hitparade im Schweizer Radio. «Das erste Sackgeld habe ich für Singles ausgegeben», verrät Marc Widmer. «Ich wollte die Musik nicht nur hören, ich wollte sie auch in den Händen halten.» Nach den Singles kamen die Langspielplatten dazu. Das Sammeln wurde zur Leidenschaft. Rund 16000 Platten waren es zum Schluss. Das war vor fünfzehn Jahren. «Für mich war das irgendwann wie abgeschlossen. Die Sammlung war komplett, es gab nichts mehr, was es da noch brauchte», erklärt Widmer. Er verkaufte die ganze Sammlung. «Ich hänge nicht an Dingen, ich kann gut loslassen.» Einzig die Beatles Platte mit der Unterschrift aller vier Musiker, die konnte er nicht hergeben.
Das Sammeln blieb. Altes Spielzeug, Oldtimer, Plattenspieler und vieles mehr. Warum diese Vielfalt? «In der Schule war Geschichte mein Lieblingsfach. Mich hat interessiert, wie das früher war. Die Geschichten, die in den einzelnen Themen stecken, faszinierten mich unwahrscheinlich», erklärt der pensionierte Lehrer. «Auch heute interessieren mich die Geschichten, die zu den Gegenständen und Dingen gehören, die ich sammle. Sammeln ist auch Wissenserhalt. Wenn niemand ein Telefon mit Wählscheibe aufhebt, geht ein Teil unserer Kulturgeschichte verloren, so einfach ist das», fügt er hinzu.
Das Steiner Milchhüsli
Im ersten Beruf war Marc Widmer Automechaniker. Aus dieser Zeit stammt ein Rennauto, das er mal erworben hat. Dazu kamen dann weitere Oldtimer. 30 waren es zum Schluss. Die Autos stehen in Eiken. Mit seinem Bruder hat der Sammler dort die «Kult-Werkstatt» geschaffen, einen Ort, wo auch Events und Firmenanlässe stattfinden. Auch wenn es weniger Autos geworden sind, die Ausstellung der Autos und seine Sammlung, das passte für Marc Widmer nicht zusammen. Zudem wollte er seine Sammlung abbauen. «Für mich war klar, wenn ich 65 werde, löse ich mich langsam von meinen Schätzen», erklärt der inzwischen Pensionierte. «Lange war ich hier im Fricktal auf der Suche nach einem geeigneten Platz.» In unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Zuhause wurde er fündig und beschreibt es als glücklichen Zufall, dass er 2025 beiläufig auf das Milchhüsli in Stein aufmerksam gemacht wurde. Den Wanderklub Stein, der sich als langjähriger Pächter aus Altersgründen vom Milchhüsli verabschiedet hatte, freut es, dass das historische Gebäude weiterhin öffentlich genutzt wird. Die fünf Etagen sieht man dem kleinen Haus an der Zürcherstrasse gar nicht an. «Den unteren Bereich habe ich so belassen, die oberen zwei Etagen habe ich erst zugänglich gemacht», erklärt der Sammler bei der Hausführung. Natürlich interessiert ihn auch hier die Geschichte, die zum Milchhüsli gehört. Bislang konnte er nur wenig erfahren. «Es gibt leider kein Archivmaterial. Die Geschichte des Hauses lässt sich nur wenig zurückverfolgen.»
Kult-Werkstatt – Vintage Store
Im August 2025 konnte der Sammler das Haus öffnen. «Es ist so etwas wie ein Edel-Vintage-Brocki, weil ich hier ja nur ausgesuchte Sachen habe. Viele Design- und Liebhaberstücke sind dabei, eben alles für Retro-Fans.» Im Untergeschoss stehen alte Plattenspieler und Schallplatten. Doch wieder Schallplatten? Marc Widmer schmunzelt. «Es ist halt meine erste Leidenschaft gewesen und die lässt mich nicht los.» Es sind aber nicht mehr so viele, versichert er, obwohl der Raum recht voll ist. «Gerade in unserer digitalen Zeit, wo alles irgendwie, irgendwo auf irgendwelchen Speicherorten liegt, wollen viele Leute wieder etwas haben, was sie physisch in den Händen halten können. Die Industrie stellt wieder Plattenspieler her und die gute alte Schallplatte ist gefragt.» Für den Sammler schliesst sich ein Kreis.
In der warmen Jahreszeit kann man neben dem Haus sogar draussen sitzen. «Ich biete Getränke an, denn viele Leute, die hierher kommen, bleiben eine Weile», erzählt der Sammler. «Es geht anscheinend vielen wie mir, sie wollen sich zu den Gegenständen austauschen, wollen Geschichten erfahren oder davon erzählen. Mir macht das Spass und da ich jetzt pensioniert bin, habe ich ja auch die Zeit dafür. Es freut mich, wenn das Milchhüsli zu einem belebten Treffpunkt wird.»

