«Ich will nicht nur im Kreis fahren»
31.07.2026 Gipf-OberfrickNach zehn Jahren und unzähligen Wettkämpfen wird Noëlle Rüetschi (22) Mitte August ihr letztes Rennen fahren und somit ihre Karriere als Radrennfahrerin beenden – Priorität mentale Gesundheit.
Yasmin Malard
Noëlles Vater war früher auch Radrennen gefahren. Zuerst hatte er ...
Nach zehn Jahren und unzähligen Wettkämpfen wird Noëlle Rüetschi (22) Mitte August ihr letztes Rennen fahren und somit ihre Karriere als Radrennfahrerin beenden – Priorität mentale Gesundheit.
Yasmin Malard
Noëlles Vater war früher auch Radrennen gefahren. Zuerst hatte er sie im Kindersitz mitgenommen, später gingen sie zusammen auf Velotouren. «Am Anfang habe ich es ziemlich dumm gefunden», erzählt sie und lacht. «Ja, es war vor allem einfach streng. Mit der Zeit habe ich aber gesehen, dass es mir viel Freiheit gibt.» Mit fünfzehn Jahren reiste sie schon durch ganz Europa, um an verschiedenen Rennen teilzunehmen. Sie vergleicht die Aufregung mit einem Strudel voller Freude, der einen sehen lässt, was man zusätzlich alles machen könnte. «Und das will man dann auch.»
Grösste Erfolge
Mit vierzehn Jahren fing Noëlle Rüetschi an, professionell zu fahren, wobei, wie sie sagt, sie sich nie als professionelle Velofahrerin bezeichnete, da sie nie davon leben konnte. 2022 wurde sie Schweizermeisterin bei den Juniorinnen und holte sich kurz darauf einen Vertrag mit einem belgischen Team für die U23/Elite. Auch wenn die Schweiz laut ihr eine Velonation ist und bei den Rennen gute Platzierungen erzielt, steht in Belgien der Radrennsport bei der Bevölkerung noch höher im Kurs. Bei jedem «Kackrennen» gebe es dort viele Zuschauer, in der Schweiz nur eine Handvoll mit Ausnahme der «Tour de Suisse». Ihr grösster persönlicher Erfolg war die Junioren-Weltmeisterschaft in Australien, wo sie bis in die letzte Runde um eine Medaille mitfahren konnte. Sie landete zwar auf dem undankbaren 11. Platz, aber konnte sich doch auf der langen Strecke durchkämpfen, und dies trotz Pfeifferschem Drüsenfieber, an welchem sie im Vorfeld erkrankt war.
Tabu und «Keine Schwäche zeigen»
Noëlle Rüetschi versuchte jahrelang, den Spitzensport mit der akademischen Laufbahn zu verbinden. Das Resultat: Es gab Zeiten, in denen sie am Sonntagabend von einem Rennen in Belgien zurückkam, am Montag das Sportgymnasium besuchte und am Dienstag für ein nächstes Rennen verreisen musste. Zu dieser Zeit hatte sie das gewollt und den Stress in Kauf genommen, aber es sei ihr nicht bewusst gewesen, was dieser Lebensstil für einen Preis haben würde.
Denn seit rund neun Jahren kämpft Noëlle gegen Depressionen und Essstörungen. Psychologische Hilfe hatte sie von Anfang an in Anspruch genommen. Trotzdem wurde es in den letzten zwei Jahren so schlimm, dass mehrere stationäre Klinikaufenthalte nötig waren. Erst dann wagte sie es, ihre Krankheit anderen Leuten ausserhalb ihres engeren Familienkreises anzuvertrauen. «Ich habe meinen engen Freundinnen eine Nachricht geschickt, ‹copy paste›. Dann habe ich aus Angst zwei Tage das Handy nicht mehr angeschaut.»
Die Reaktionen waren alle positiv, dennoch hatte sie zuvor sieben Jahre lang das Gefühl gehabt, ihnen nicht die ganze Wahrheit erzählen zu können. Irgendwann meinte sie, den Moment verpasst zu haben. «Ich hatte Angst, dass sich alle verarscht vorkommen würden, als ob ich ihnen etwas vorgespielt hätte.» Stand jetzt hatte sie sich jahrelang unbegründet einen Stress gemacht. Die Sportlerin betont jedoch, dass es in diesen neun Jahren zu einem wahnsinnigen gesellschaftlichen Wandel gekommen ist, wenn es ums Thema mentale Gesundheit geht. Heutzutage könne sie problemlos mit Gleichaltrigen darüber reden. Im Spitzensport hinkt diese Mentalität hinterher, denn das Credo gilt immer noch: «Keine Schwäche zeigen.» Sehr nervös vor einem Rennen oder sehr enttäuscht nach einem fehlenden Sieg zu sein, werde stark normalisiert und Perfektionismus idealisiert.
«In der meisten Zeit bewegen wir uns in Grauzonen»
Perfektionismus kennt Noëlle auch aus anderen Bereichen ihres Lebens. «Wahrscheinlich wäre ich auch ohne Velofahren krank geworden», vermutet sie, denn die Entstehung psychischer Störungen ist immer multifaktoriell. «Ich mag den Spruch ‹genetics load the gun and the environment pulls the trigger›», was so viel heisst wie, «die Genetik lädt die Waffe und die Umgebung/umweltbezogene Faktoren drücken den Abzug». Der Sport war lange ein Bewältigungsmechanismus ihrer Probleme gewesen, bevor er zum Problem wurde. Irgendwann wollte sie gar nicht mehr, dass ihre Essstörung besser wird, damit die Leute endlich sehen und erkennen würden, wie schlecht es ihr ging – ein Hilfeschrei. Doch wie kann es so weit kommen?
Noëlle erklärt es sich folgendermassen: «In der Schule deckt man die abstraktesten Themen ab, aber wie jemand mit negativen Emotionen und Krisen umgehen kann, nicht. Es gäbe viele nachhaltige Wege, aber wenn einem die Eltern oder die Schule das nicht beibringen, wie soll man das wissen?» Den meisten Kindern ist schnell klar, dass man eine Wunde desinfiziert und mit einem Pflaster bedeckt, bei psychischen Leiden dagegen stehen viele ratlos da. «Wir sollten auf allen Ebenen der Gesellschaft, auch im Alltag, offener mit dem Thema umgehen, und das nicht nur nach dem Zusammenbruch», sagt Rüetschi – Prävention statt Nachbehandlung, Aufklärung statt Durchstehen. Die Menschen sollten verstehen, dass es nicht nur schwarz-weiss gibt, denn im Verlauf des Lebens wird fast jede zweite Person in der Schweiz mindestens einmal mit einer psychischen Störung konfrontiert. Die einen verdrängen es mit Alkohol, die anderen mit Essen. «Trotzdem ist es ein Tabu-Thema, wie fast alles Negativbehaftete, das verletzlich macht und unangenehm ist. Man spricht über die Geburt, aber selten über den Tod, obwohl er Teil des gleichen Lebenszyklus ist. In der meisten Zeit bewegen wir uns doch in Grauzonen.» Wenn das Negative Teil des Lebens ist, können wir es also nicht vermeiden, aber wir können uns damit befassen, damit es leichter wird.
«Wie hesch es?»
Was Noëlle Hoffnung gibt, ist bewusster zu leben, um der Schnelllebigkeit und dem chronischen Stress zu entkommen. Das kann ein Kaffee sein am Morgen oder ein paar Sätze im Tagebuch über schöne Dinge des Alltags. Auch hilft es, ehrlich nachzufragen, anstatt aus Angst vor Fettnäpfchen, nichts zu sagen. «Wie hesch es?» kann einfacher sein als «Goht’s guet?», damit nicht nur ja oder nein zur Auswahl stehen, «aber natürlich ist es einfacher auf diese Begrüssungsfloskel zu antworten, wenn es einem besser geht.» Und da gibt es Zeiten, wo ihr all das gar nichts bringt, auch nicht zu wissen, dass es immer wieder Phasen gab, wo es ihr besser ging. «In depressiven Phasen vergesse ich alles, was ich aufgeschrieben habe. Ich habe sogar ein Tattoo, das mich an die schönen Seiten des Lebens erinnert, aber auch das bringt dann nichts. Diese Phasen muss man einfach überstehen und durchhalten.»
Neue Perspektiven
Nach ihrem ersten grösseren Zusammenbruch war ein wichtiger Schritt gewesen, eine Pause im Radsport einzulegen. Sie verzichtete auf ein für sie wichtiges Rennen in Tschechien und hatte diesen Entscheid lange hinterfragt. Heute weiss sie, dass das ein wichtiges Zeichen gewesen war; auf sich zu hören. Ein Jahr darauf versuchte sie es nochmals und musste wieder heimkehren. Erst dieses Jahr konnte sie das Rennen bis zum letzten Tag mitfahren.
Sie fühlt sich jetzt in der mentalen Verfassung, bewusst und rational eine Entscheidung zu treffen – nämlich nicht mit dem Spitzensport weiterzumachen. Der Sport gibt ihr nicht mehr das, was er ihr einmal gegeben hat und vor allem ist er ihr nicht den Preis wert, den ihre Gesundheit dafür bezahlen müsste. «Vielleicht wäre ich schon noch weit gekommen, aber beim Velofahren macht man den ganzen Tag nicht viel anderes als Sport. Ich wollte etwas weniger ‹Egozentrisches› machen. Ich möchte blödgesagt nicht nur im Kreis fahren.»
Beruflich kann sie sich weiterhin eine Zukunft im Sport gut vorstellen – allerdings lieber als Trainerin oder Coach, wo sie ihre Erfahrungen weitergeben kann, als selbst im Wettkampf zu stehen. Momentan studiert sie an der Fernuni Schweiz Psychologie, um unter anderem die klinische Expertise zu erlernen, die helfen soll, mit Erkrankten zu arbeiten. Ansonsten möchte sie so viele Menschen wie möglich über psychische Gesundheit aufklären und das Thema enttabuisieren. In Gipf-Oberfrick wird Noëlle Rüetschi die 1. August-Rede halten. Da soll es aber mehr ums Fricktal gehen, als um ihre eigene Geschichte.

