«Ich will mit meinen Skulpturen die Welt etwas besser machen»
27.09.2026 PersönlichIn diesem Frühling und Sommer konnte man am Rheinufer in Stein Holzskulpturen antreffen. Erschaffen vom slowenischen Künstler Jurij Jesovnik, der den Leuten ein Schmunzeln entlocken möchte.
Fabrice Müller
Was macht ein hölzernes Fischskelett am Rheinufer? Und was hat ein ...
In diesem Frühling und Sommer konnte man am Rheinufer in Stein Holzskulpturen antreffen. Erschaffen vom slowenischen Künstler Jurij Jesovnik, der den Leuten ein Schmunzeln entlocken möchte.
Fabrice Müller
Was macht ein hölzernes Fischskelett am Rheinufer? Und was hat ein übergrosses Seepferdchen beim Eingang zur Holzbrücke zu suchen? Das werden sich wohl so manche Passantinnen und Passanten gefragt haben, als sie diese Kunstwerke aus Holz erblickten. Diese überraschenden Begegnungen sind den Werken des slowenischen Holzkünstlers Jurij Jesovnik geschuldet. Seit September letzten Jahres lebt der 49-jährige in Stein und hat – vor allem am Rheinufer – in den letzten Monaten temporär gewisse künstlerische Spuren hinterlassen.
Vom Schreiner zum Kindererzieher
Jurij Jesovnik ist in der Nähe der österreichischen Grenze aufgewachsen. In seinem Heimatland absolvierte er eine Schreinerausbildung. Danach liess er sich zum Kindererzieher umschulen und wirkte einige Jahre in einem Kindergarten. «Ich war wohl der erste Mann, der in Slowenien in einem Kindergarten angestellt wurde», erzählt Jesovnik, der dank eines Kurses in der Grundschule gut deutsch spricht. Bereut habe er den Schritt, im Kindergarten zu arbeiten, nie: «Ich genoss es, mit Kindern zu arbeiten und liebte meinen Beruf.» Gerne habe er den Kindern auch die Arbeit mit Holz beigebracht. Vor 13 Jahren begleitete Jurij Jesovnik einen Freund in die Schweiz, wo beide für eine Fassadenbaufirma in Basel arbeiten konnten. Später erhielt er eine ebenfalls temporäre Anstellung in Diepoldsau (SG). Seit September 2025 lebt Jurij Jesovnik an der Zürcherstrasse in Stein. Zuerst arbeitete er temporär bei Erne Holzbau in der Montage, inzwischen ist Jurij Jesovnik bei der Firma Hürzeler Holzbau in Magden als Zimmermann angestellt.
Rapper und Buchautor
Jurij Jesovniks Herz schlägt für die Kunst. Einst gewann er einen Rapper-Wettbewerb in Slowenien. Der Sänger schrieb eigene Songtexte und stand mit seiner Band auf der Bühne. Hinzu kam ein Buchprojekt mit dem Titel «Expect the unexpected» (Erwarte das Unerwartete) – ein humorvolles Buch darüber, was einem in Europa so alles an Unerwartetem passieren könnte. Seine ganz grosse Leidenschaft gilt jedoch der Holzkunst, oder der Holzpoesie, wie es Jesovnik nennt.
Ausstellungsraum gesucht
Vor 20 Jahren begann er, Holzabfälle mit der Motorsäge zu bearbeiten, um daraus kunstvolle Skulpturen entstehen zu lassen. Das dafür notwendige Handwerk brachte er sich selber bei; später lernte er bei zwei befreundeten Holzkünstlern, die ebenfalls Holzskulpturen anfertigten und bereits über die Landesgrenzen hinaus bekannt waren. Die erste Skulptur, die Jesovnik schuf, zeigte einen Wolf, in dessen Brust ein angsterfülltes Gesicht zu sehen war. Der Künstler entwickelte sich laufend weiter, wurde schneller und besser. Später folgten gar Ausstellungen in Slowenien, auf Teneriffa, in Barcelona, Serbien und in München. In Diepoldsau, wo er vor seiner Ankunft in Stein wohnte und arbeitete, mietete er einen Ausstellungsraum für seine Skulpturen. Gerne würde der Künstler seine Werke auch in Stein ausstellen – sei es in einem Raum oder an einer gut frequentierten Strasse im Freien.
Wie eine Meditation
Was reizt Jurij Jesovnik an der Arbeit mit Holz und Motorsäge? «Es bedeutet für mich Freiheit. Hier bin ich mein eigener Chef. Wenn ich ein Holzstück bearbeite, fühlt es sich an wie eine Meditation.» Ein weiterer Grund, dass er gerne mit Holz arbeitet, sei der Geruch: «Holz riecht gut», schwärmt der Künstler. Er habe es vor zehn Jahren auch mal mit Stein versucht und bei einem Steinmetz einen Kurs absolviert. Das Bearbeiten von Stein sei jedoch wesentlich anstrengender. «Mein Herz schlägt für das Holz. Ihm bleibe ich treu», betont Jurij Jesovnik.
Konzentration ist gefragt
Damit ein Werk gelingt, und auch aus Sicherheitsgründen, sei Konzentration gefragt. Ein Schnitt zu viel oder am falschen Ort lasse sich meist nicht mehr korrigieren. So geschehen etwa bei einer Drachenskulptur, bei der ein Flügel abgebrochen ist. Nachträglich anschrauben oder mit Leim befestigen – das ist für Jurij Jesovnik keine Option. Zum Glück komme das nur selten vor, sagt der Holzkünstler. An einer Skulptur arbeitet er meist zwischen zwei und drei Wochen, manchmal auch mehr, je nach Grösse. Nach der groben Bearbeitung des Holzes mit der Motorsäge folgt der Feinschliff mit Blick auf die Details.
Zum Geniessen und Lachen
Wenn Jurij Jesovnik eine neue Skulptur beginnt, lässt er sich entweder von der Form des Holzstücks inspirieren – oder er hat bereits eine Idee im Kopf und sucht das passende Holz dazu. Häufig entscheidet sich Jesovnik für Tiermotive wie zum Beispiel Fische, Seepferdchen, Adler oder ein Wolf. Aber auch Lampen oder einen Tisch hat er schon aus Altholz gefertigt. «Morbide Themen liegen mir nicht. Vielmehr will ich mit meinen Skulpturen die Welt etwas besser machen. Die Leute sollen meine Objekte geniessen oder auch darüber lachen.» Mit einem Augenzwinkern hat Jurij Jesovnik zum Beispiel ein Fischskelett erschaffen, das über Augen verfügt und dem Betrachter keck die Zunge rausstreckt. Auch das mannshohe Seepferdchen, das Jurij Jesovnik ebenfalls diesen Sommer erschaffen hat, hat wohl am Rheinufer in Stein schon manches Schmunzeln ausgelöst.
Skulptur-Idee für das Kraftwerk
Damit Jurij Jesovnik weitere Skulpturen anfertigen kann, ist er auf Holz angewiesen, das er bearbeiten darf. Gerne führt er auch Auftragsarbeiten aus. An Ideen mangelt es ihm nicht. Als sich einmal das Rheinkraftwerk Säckingen bei ihm meldete, weil er mit Totholz vom Rhein arbeitete, kam ihm im Nachhinein folgende Idee für eine Skulptur: Ein Mann, der mit der einen Hand zum Blitz aus dem Himmel greift und mit der anderen Hand den Menschen Strom bzw. Licht in Form einer brennenden Glühbirne schenkt.

