«Ich lebe den amerikanischen Traum»
09.03.2026 PersönlichSeit 2001 lebt die Fricktalerin in den USA. Ihrer alten Heimat aber stattet sie regelmässig einen Besuch ab. So wie kürzlich. Das Gespräch mit Sandra Aegerter fand im Hochhaus an der Langackerstrasse in Stein statt.
Fabrice Müller
«Zuerst war ich von der ...
Seit 2001 lebt die Fricktalerin in den USA. Ihrer alten Heimat aber stattet sie regelmässig einen Besuch ab. So wie kürzlich. Das Gespräch mit Sandra Aegerter fand im Hochhaus an der Langackerstrasse in Stein statt.
Fabrice Müller
«Zuerst war ich von der Idee, bei der ‹Miss Schweiz-Wahl› 1991/92 mitzumachen, nicht so begeistert», erzählt Sandra Aegerter am Küchentisch ihrer Mutter Trudi mit Blick über die Dächer von Stein. Als 21-Jährige besuchte sie damals eine Mannequin-Schule in Zürich, geführt von Helena Burgener. «Helena hat mich auf die Wahl aufmerksam gemacht und gemeint, ich hätte gute Chancen. Nach anfänglicher Skepsis gab ich meine Zustimmung und liess mich auf dieses Abenteuer ein.» Zusammen mit 31 weiteren ausgewählten Kandidatinnen nahm sie am Vorfinal teil. Insgesamt haben sich 932 Frauen beworben. Nach zusätzlichen Foto-Terminen und Interviews wurden die 16 Finalistinnen erkoren – darunter Sandra Aegerter. «Das war mega und ein tolles Erlebnis. Am Anfang hatte ich zwar kaum Hoffnung, dass ich es in die engere Wahl schaffen würde.»
Sandra Aegerter wurde die Nummer eins als Laufnummer zugeteilt. Rückblickend war es wohl ihre Glückszahl. Die «Miss Schweiz»- Wahl fand am 1. Juni im Kongresshaus in Zürich statt. Die Finalistinnen stellten sich in der Eröffnungs-Show vor und präsentierten sich in drei Durchgängen – Badeanzug, Mini-Dress und Abendkleid. Nach der Fragerunde wählte die Jury, bestehend aus zehn Mitgliedern aus der Show- und Modebranche, aus.
Von Atlanta bis Thailand
Als Gewinnerin der Wahl war Aegerter ein Jahr lang als «Miss Schweiz» auf Tour, nahm unter anderem an der «Miss World»-Wahl in Atlanta (USA), der «Miss Universe»- Wahl in Bangkok (Thailand), und der «Miss Europe»-Wahl in Athen teil. «Es war ein aufregendes Jahr. Ich reiste um die Welt und lernte viele interessante Menschen und Kulturen kennen. Zudem wurde ich vom Hauptsponsor Vögele Schuhe für meine Amtszeit mit 60 Paar Schuhen und zusätzlich Kleidern ausgestattet.»
Als die damaligen Organisatoren der «Miss Schweiz»-Wahl, Annemarie und Josef Moser, eine Nachfolgelösung für die Show suchten, wurde auch Sandra Aegerter angefragt. «Da ich damals beruflich im Modebusiness stark eingebunden war, fehlte mir die Zeit für ein solches Projekt.» Karina Berger, Miss Schweiz 1988, übernahm und organisierte die Wahl von 1993 bis 2014.
In den Trauzeugen verliebt
Aegerter war damals für eine Textilhandelskette in der Ostschweiz als Einkäuferin tätig. Zudem arbeitete sie als Model und moderierte an Modeschauen. Nach einem Jahr als «Miss Schweiz» packte sie das Fernweh. Die USA hatten es ihr angetan. «Mein Vater war ebenfalls USA-Fan und hatte eine Vorliebe für US-Classic-Cars.»
An der Hochzeit eines Freundes aus der Kindheit aus Stein stand sie als Trauzeugin im Einsatz. Dabei verliebte sie sich in den Trauzeugen: Er hiess Roland, war der Onkel des Bräutigams und lebte bereits seit 18 Jahren in den USA. In Kalifornien arbeitete er als Hotelmanager. Schon ein halbes Jahr später, 2001, haben die beiden auf dem Zivilstandsamt im Gemeindehaus in Stein geheiratet – mit einem grossen Apéro im Saalbau. «Ich wechselte meinen Familiennamen und hiess von da an Hug.» In den USA steht Hug für Umarmung. «Eine lustige Erfahrung. Viele Leute fragten, ob dies mein richtiger Nachname oder ein Spitzname ist.»
Neun Jahre lang lebte das Paar an verschiedenen Orten in den USA. Da sie keine Kinder hatten, waren sie unabhängig und reisten viel. 2008 kam es zu einem schweren Schicksalsschlag: «Bei Roland wurde Krebs diagnostiziert. Trotz intensiver Behandlung verstarb er nach 18 Monaten im Alter von 52 Jahren. Mit 41 Jahren bereits Witwe zu sein, war hart», erinnert sie sich.
Viele Freunde in den USA
In die Schweiz zurückzukommen sei für sie jedoch keine Option gewesen. Sie habe sich bewusst für die USA entschieden. «Ich wollte für Roland den amerikanischen Traum weiterleben. Zudem hatte ich mittlerweile viele Freunde in den USA. Sie waren wie meine zweite Familie.»
2010 lernte Sandra auf einer Dating-Plattform ihren heutigen Mann Shane Jones kennen, Computer-Programmierer und US-Veteran. Am 24. Dezember 2011 heirateten die beiden in dessen Elternhaus in der Nähe von Seattle (Washington). «Das Klima, die Berge und Seen erinnerten mich etwas an die Schweiz. Zudem war ich Mitglied im Swiss Society Club in Seattle, das war toll.» 2016 verkaufte das Paar sein Haus. Seither wohnt es in San Antonio (Texas), etwa 200 Kilometer von der Grenze zu Mexiko entfernt.
Mittlerweile lebt die Fricktalerin seit 24 Jahren in den USA. Zur Familie gehören drei Stieftöchter und sieben Stiefenkel. Seit 2014 ist sie Doppelbürgerin mit einer dauerhaften Aufenthaltsbewilligung in den USA. Man gewöhne sich an die warmen Sommer und die milden Winter, an die Weite und Grösse des Landes.
Bau eines neuen Hauses
Beruf lich wirkt Sandra Aegerter weiterhin als Hausfrau. Nach dem Tod ihres ersten Mannes liess sie sich zur Krankenschwester-Assistentin ausbilden, ohne jedoch auf dem Beruf zu arbeiten. In diesem Jahr nun steht der Bau eines neuen Hauses auf einem 2,43 Hektaren grossen Grundstück auf dem Programm. «Das neue Haus ist eine halbe Stunde von unserem jetzigen Wohnort entfernt und liegt auf hügeligem Gelände. Das bedeutet viel Auslauf für unseren Hund und die beiden Katzen. Mein Traum ist es, einmal eine Tierpension ‹Bed & Biscuit› zu führen oder eigene Pferde zu haben.» Ein weiterer Traum sei die Reise durch die USA im Wohnmobil, «am liebsten entlang der Ostküste bis nach Alaska».
Viele Erinnerungen an Stein
Alle ein bis zwei Jahre fliegt Sandra Aegerter in die Schweiz, um ihre Mutter, ihren Bruder Bruno mit Lebenspartnerin Marion und ihre Freunde zu besuchen. Auch zur Familie ihres verstorbenen Mannes Roland pflege sie regelmässigen Kontakt. Shane war ebenfalls schon öfters in der Schweiz, unter anderem zu Familienfeiern. Der Kontakt zu ihrer Mutter ist ihr wichtig. Einbis zweimal pro Woche telefonieren sie per Video miteinander.
An ihre Zeit in Stein könne sie sich noch gut erinnern, erzählt Sandra. Als sie ein Jahr alt war, zügelte sie mit ihrer Familie von der Brotkorbstrasse ins neu erbaute Hochhaus an der Langackerstrasse. Ihr Vater Walter, der 2002 verstarb, führte in Stein ein Elektrofachgeschäft. Noch lebhaft erinnere sie sich an den alten Kindergarten an der Gartenstrasse, an die alte Primarschule, an die Mädchenriege, geleitet von Eva Vögeli, sowie an den Natureisplatz vor der Kirche und an die Schlittenfahrten im Winter auf der Rüti. «Mein Vater fischte gerne am Rhein. Ich fühlte mich ihm stets sehr eng verbunden.»
Schweizerdeutsch mit US-Akzent
Nach der Bezirksschule in Rheinfelden absolvierte sie 1986 eine Bürolehre in der BBC in Baden. Danach arbeitete sie als Sekretärin auf der UBS-Generaldirektion in Basel sowie im Büro des Elektrogeschäfts ihres Vaters. Während ihrer Ausbildung an der Mannequin-Schule in Zürich war sie als Büroangestellte bei der Firma Dübör in Eiken tätig. Bei der Wahl zur «Miss Schweiz» wohnte sie in Eiken. «Daher wusste man nicht so recht, ob ich nun nach Stein oder Eiken gehörte. Das war wohl der Grund, weshalb man sich nicht auf eine Feier einigen konnte.» Nach wie vor fühle sie sich mit Stein verbunden, auch wenn ihr Schweizerdeutsch inzwischen einen unüberhörbaren US-Akzent hat.

