«Ich bin mit Begeisterung dabei»
05.04.2026 RheinfeldenSeit bald 100 Tagen ist Claudia Rohrer Stadtpräsidentin von Rheinfelden. Die 58-jährige SP-Frau fühlt sich wohl in ihrem neuen Amt. Sie bekommt viele Rückmeldungen und will weiterhin ein offenes Ohr für die Bevölkerung haben.
Valentin Zumsteg
...Seit bald 100 Tagen ist Claudia Rohrer Stadtpräsidentin von Rheinfelden. Die 58-jährige SP-Frau fühlt sich wohl in ihrem neuen Amt. Sie bekommt viele Rückmeldungen und will weiterhin ein offenes Ohr für die Bevölkerung haben.
Valentin Zumsteg
NFZ: Frau Rohrer, Sie sind seit dem 1. Januar Stadtpräsidentin von Rheinfelden, was hat Sie im neuen Amt komplett überrascht?
Claudia Rohrer: Die Dichte der Themen und der Termine. Ich war erstaunt, wie schnell sich mein Terminkalender füllt. Als Stadtpräsidentin wird man mit sehr vielen verschiedenen Themen konfrontiert.
Sie waren schon vorher Stadträtin. Werden Sie als Stadtpräsidentin jetzt in der Öffentlichkeit häufiger angesprochen als zuvor?
Ja, das finde ich sehr schön. Ich bekomme viele Rückmeldungen, das gibt mir ein Heimatgefühl. Ich werde beispielsweise häufig auf das Thema Bäume angesprochen. Der Bevölkerung ist es wichtig, dass die Stadt zu ihren Bäumen Sorge trägt. Das beschäftigt die Leute. Natürlich auch das Thema Baustellen. Ich versuche immer, die Fragen zu klären – soweit dies möglich ist. Ich nehme die Leute als sehr zugewandt und höflich wahr. Sie respektieren auch meine Privatsphäre. Bisher gab es keine Friktionen. Die Arbeit als Stadtpräsidentin macht mir grosse Freude, das ist eine spannende Position. Ich bin mit Begeisterung dabei. Bis jetzt war es eine tolle Erfahrung. Ich habe immer ein offenes Ohr und bin zugänglich. Mir ist aber auch wichtig, dass mich die Bevölkerung als Mensch wahrnimmt.
Franco Mazzi war fast 20 Jahre Stadtammann. Haben Sie das Büro Ihres Vorgängers verändert?
Die Infrastruktur ist gleichgeblieben. Es gibt aber einen grossen Unterschied in der Arbeitsweise zwischen uns: Ich bin stark digitalisiert, ich habe fast keine Papierdokumente. Er hat mehr mit Papier gearbeitet. Deswegen hat es heute im Büro sehr viel weniger Dokumente als vorher. Bei den Bildern ist es so, dass man normalerweise aus dem Bestand der Stadt auswählen kann. Ich durfte aber selber Bilder mitbringen. Ich habe mich für ein Bild von Gitta von Felten aus Rheinfelden und drei Bilder von Ruth Loibl aus Badisch Rheinfelden entschieden. Unverändert ist das Bild von Jakob Strasser. Von Peter Scholer habe ich ein Werkhof-Fahrzeug aus Holz erhalten, das steht jetzt auf einem Schrank.
Sie sind die erste Frau in diesem Amt. Was bedeutet Ihnen das?
Das bedeutet mir viel. Nicht für mich persönlich, aber für die Sichtbarmachung von Frauen. Ich finde es sehr schön, dass die Stimmbevölkerung eine Frau gewählt hat. Heute ist der Anteil der Frauen in der Politik stagnierend, teilweise wieder rückläufig. Deswegen finde ich es wichtig.
Sie sind neue Stadtpräsidentin, gleichzeitig zählt der Stadtrat zwei neue Mitglieder. Wie haben sich das Team und die Dynamik in der neuen Zusammensetzung verändert?
Wir sind in einer Findungsphase, diese ist nach 100 Tagen noch nicht abgeschlossen. Auch in der alten Zusammensetzung waren wir ein Team, das nicht immer gleich funktioniert hat. Es gab eine gute Dynamik – und die gibt es auch jetzt. Mit Franco Mazzi und Walter Jucker sind zwei starke Stadträte gegangen, das ist für Neue immer schwierig. Wir nehmen uns als Team die Zeit, zusammenzufinden. Das Ziel ist klar: Wir wollen – wie zuvor – Lösungen zustande bringen unter Beachtung von unterschiedlichen Meinungen. Wir haben es jetzt etwas schwieriger, da die beiden Neuen keiner Partei angehören. Deshalb ist die politische Verortung schwieriger. Aktuell sind nur drei Parteien im Stadtrat vertreten. Bei den Entscheiden müssen wir aber mehr abdecken als nur die Meinungen dieser drei Parteien, es braucht eine breite Akzeptanz. Kommt hinzu: Bisher vertrat ich die «linkeste» Position im Stadtrat. Als Stadtpräsidentin muss ich aber die Diskussionen leiten. Das bedeutet, dass ich nicht mehr gleich pointiert die linke Haltung einbringen kann. Auch das müssen wir berücksichtigen.
Sie können im neuen Amt also nur noch eine halbe SP-Stadträtin sein?
Nein, ich bin immer eine ganze SP-Stadträtin. Ich bin Sozialdemokratin im Herzen. Daran ändert sich nichts.
Die SVP als grosse Partei ist nicht mehr im Stadtrat vertreten. Was verändert das?
Ich bedauere, dass die SVP nicht mehr im Stadtrat ist. Das erschwert uns die Arbeit. Gute Leute mit einer erkennbaren Haltung helfen in der Politik. Das heisst aber nicht, dass gute Leute ohne Parteizugehörigkeit fehl an einem solchen Platz sind.
Als Stadtpräsidentin haben Sie Gestaltungsmöglichkeiten. Was ist Ihre Vision für Rheinfelden?
Das kann ich nicht allein entscheiden. Meine Vision ist, dass wir das zusammen erarbeiten; basierend auf dem, was es schon gibt. Es wäre falsch, wenn ich mich zum jetzigen Zeitpunkt dazu äussern würde.
Anders gefragt: Welche persönlichen Werte prägen Ihre Entscheidungen im Amt am stärksten?
Mir ist es wichtig, dass unsere Entscheide nachvollziehbar und ausgewogen sind. Es braucht dazu eine ehrliche und respektvolle Diskussion.
Ein wichtiges Thema in Rheinfelden ist die laufende Revision der Zonenplanung. Viele Bürger haben den Eindruck, dass es in dieser Sache nicht vorwärts geht.
Wie ist der Stand?
Ich verstehe, dass die Einwohnerinnen und Einwohner das so empfinden. Der Prozess, wie man zu einem solchen Regelwerk kommt, ist komplex. Der Plan ist, dass die neue Bau- und Nutzungsordnung in diesem Jahr in die Mitwirkung geht. Dazu wird es vorgängig eine Informationsveranstaltung geben. Wir gehen aktuell davon aus, dass die Einwohnergemeinde-Versammlung erst 2029 über die Revision entscheiden kann. Ursprünglich sollte dies schneller gehen, das ist aber nicht möglich. Der Prozess ist aufwändig.
Ein weiteres grosses Projekt ist die Neue Mitte, die eine Neugestaltung der verschiedenen Areale rund um den Bahnhof vorsieht. Wie wird das Rheinfelden verändern?
Das Projekt Neue Mitte stärkt das Gebiet rund um den Bahnhof und es verbessert die Verkehrssituation. Es bietet die Gelegenheit, dort Dienstleistungen und Wohnen zu verbinden. Zudem ist es wichtig, dass es eine Verbindung gibt zu den anderen Quartieren und dem bestehenden Zentrum in der Altstadt. Das ist den Planerinnen und Planern bewusst. Was ich wirklich schön finde, ist die Öffnung des Roniger-Parks für die Öffentlichkeit.
Rheinfelden geht es finanziell sehr gut. Die Stadt hat über 60 Millionen Franken auf der hohen Kante, es stehen aber auch grosse Investitionen unter anderem in Schulhäuser und das Fricktaler Museum an. Wird der neue Stadtrat ausgabefreudiger als der bisherige?
Das müssen wir testen, das wird sich in der ersten Budgetsitzung zeigen. Tatsächlich stehen grosse Investitionen an, so dass wir in ein paar Jahren keine 60 Millionen Franken mehr auf der hohen Kante haben werden. Wir müssen weiterhin sachgerecht mit den Mitteln umgehen.
Mit einer SP-Stadtpräsidentin wird es künftig keine Steuersenkungen mehr geben?
Wenn wir die vergangenen Rechnungen anschauen, dann war es nicht angezeigt, die Steuern zu senken. Ich glaube nicht, dass sich das so schnell ändern wird.
Zum Schluss: Als Stadtpräsidentin müssen Sie ständig präsent sein und viele Termine wahrnehmen. Was machen Sie in der Freizeit, um sich zu erholen?
Daran hat sich nichts geändert durch das neue Amt. Ich gehe weiterhin sehr gerne spazieren und joggen. Daneben geniesse ich es, Konzerte zu besuchen und zu lesen.

