Hinschauen, statt weglaufen
19.04.2026 PersönlichDurch ihre Angststörung fand Céline Stocker zu sich selbst
Während zehn Jahren lebte Céline Stocker mit einer Panikstörung. Irgendwann lernte sie, den Blick weg von der Angst und hin zu ihrer inneren Entwicklung zu richten.
Janine Tschopp
...Durch ihre Angststörung fand Céline Stocker zu sich selbst
Während zehn Jahren lebte Céline Stocker mit einer Panikstörung. Irgendwann lernte sie, den Blick weg von der Angst und hin zu ihrer inneren Entwicklung zu richten.
Janine Tschopp
17-jährig sass Céline Stocker mit ihrer Familie im Flugzeug nach Mallorca und freute sich auf die Sommerferien. Alles schien perfekt: In der Schule lief es gut, in der Familie gab es keine Probleme, sie war topfit und sehr erfolgreich im Sport.
Dann kam es wie aus dem Nichts: «Kaum hatte das Flugzeug abgehoben, bekam ich keine Luft mehr, Herzrasen, Schweissausbrüche und ich wollte einfach nur raus.» Irgendwie überstand Céline Stocker den Flug. Das Problem war aber noch lange nicht behoben. Für die Heimreise zwei Wochen später wollte sie nicht mehr ins Flugzeug einsteigen. Sie wusste aber, dass es für sie keine andere Möglichkeit gab, wenn sie irgendwann wieder heimkommen wollte. Auch der Rückf lug war für sie «richtig schlimm».
Die Angst liess sie nicht mehr los
Nach den Sommerferien ging der Alltag wieder los und Céline Stocker sass im Zug Richtung Muttenz ins Gymnasium. Zwischen Mumpf und Rheinfelden kam die Panik wieder. Sie ertrug es nicht, mit vielen Menschen in einem geschlossenen Raum zu sein und wollte aussteigen. Das schaffte sie nicht mehr, sondern fiel in Ohnmacht.
Dann wurde sie richtig krank, lag im Bett und konnte kaum mehr essen. Im Spital diagnostizierte man Pfeiffersches Drüsenfieber. «Ich hoffte, dass meine Panikattacken mit dieser Krankheit zu tun hatten», schildert Céline Stocker. Die Symptome des Drüsenfiebers wurden im Laufe der Zeit schwächer, die Angst aber blieb. «Ich getraute mich kaum mehr, das Haus zu verlassen.» Sie hatte sogar Angst, ein paar Einkäufe im Dorfladen zu tätigen. So wurde die Angst zu ihrem ewigen Begleiter, und sie fehlte oftmals in der Schule, weil sie es nicht schaffte, das Haus zu verlassen oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Sie schämte sich für ihre Panikattacken und sprach mit niemandem darüber.
«Generalisierte Angststörung» wurde diagnostiziert
Nachdem sie ein Jahr lang immer wieder der Schule ferngeblieben war, zwang sie eine Kollegin, ihre Panikattacken therapieren zu lassen. Es kostete sie sehr viel Überwindung, eine Psychologin aufzusuchen. Diese diagnostizierte eine «generalisierte Angststörung», welche sie mit Konfrontationstherapie behandeln musste. Was bedeutet das? «Ich musste so oft mit dem Auto fahren, bis ich keine Angst mehr hatte», nennt sie ein Beispiel dieser Therapie und ergänzt: «Oder ich musste in einen Lift einsteigen oder ganz allein in ein Café sitzen.» Sie realisierte bald, dass ihr diese Therapie helfen würde. Als sie später ins Coaching ging, begann sich Céline Stockers Leben zu verändern. «Mein Coach war eine hellsichtige Frau, die alles über mich wusste.» Sie unterstützte sie dabei, den Blick von ihrer Angst wegzurichten und sich auf ihre innere Entwicklung zu konzentrieren. «Wir sprachen viel über mein Selbstvertrauen und über meine Energie. Im Laufe der Behandlung erhielt ich ein neues Bewusstsein über die Welt und über mich selber.»
Ihre persönlichen Erfahrungen bewogen sie dazu, im Jahr 2020 selber eine Coaching-Ausbildung zu absolvieren. Es folgten Weiterbildungen in verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel Resilienz und Stress Coaching sowie energetische Körperarbeit.
Lehrerin und Coach
Nach dem Gymnasium studierte Céline Stocker Sport und Deutsch und wurde Lehrperson, zuerst an der Sekundarschule in Wegenstetten und später in Möhlin. Vor ein paar Jahren beschloss sie, sich mit ihrer Coaching-Ausbildung in die Selbstständigkeit zu wagen und reduzierte ihr Pensum als Lehrperson auf 50 Prozent. «Aufgrund meiner Panikattacken habe ich mich viel stärker mit dem Sinn des Lebens beschäftigt. Ich habe realisiert, wie wertvoll es ist, sich mit dem Bewusstsein und der inneren Entwicklung auseinanderzusetzen.» Als Coach will sie nun Menschen in ähnlichen Situationen helfen und sie auf ihrem Weg begleiten.
Céline Stocker hat in den letzten Jahren realisiert, dass viele Menschen von Angst- und Panikstörungen betroffen sind. Auch in ihrer Funktion als Lehrerin erlebt sie immer wieder Situationen mit Kindern, die Panikattacken erleiden. Womit hat es zu tun, dass diese Thematiken heute eher auftreten? «Die Welt wird schneller, die Erwartungen an die Gesellschaft und der Leistungsdruck steigen. Gleichzeitig verstärkt der Vergleich auf Social Media das Gefühl, nicht gut genug zu sein oder mithalten zu müssen», nennt sie ein paar Beispiele. Céline Stocker ist überzeugt: «Die nächste Generation wird sensibler, und viele bestehende Strukturen passen nicht mehr für alle gleich gut.»
Geheilt?
Als Ausgleich zu ihrer Arbeit ist Céline Stocker gerne in der Natur und liebt es, Sport zu treiben. «Ich habe früher praktisch alle Sportarten betrieben und wäre gerne Leistungssportlerin geworden.» Heute gehören Biken, Beach-Volleyball und Pilates zu ihren grossen Hobbys und sie engagiert sich bei Beachvolley Möhlin als Co-Präsidentin.
Ist sie von ihren Panikattacken geheilt? «Panikattacken spielen heute nur noch selten eine Rolle in meinem Leben. Für mich bedeutet Heilung nicht, dass Angst komplett verschwindet, sondern dass ich eine neue Beziehung zu ihr aufgebaut habe.» Eine wichtige Rolle spielt dabei die innere Entwicklung. Dazu sagt die 33-Jährige: «Die innere Entwicklung ist mit einer Zwiebel vergleichbar und es geht darum, Schicht für Schicht abzutragen.»
Buchvernissage in Möhlin
Céline Stocker ist in Obermumpf aufgewachsen und lebt heute mit ihrem Partner in Frick. Vor ein paar Monaten hat sie das Buch «Mut zur Panik – wie du durch deine Angststörung zu dir selbst findest» veröffentlicht. Am 2. Mai, um 15 Uhr, findet eine Buchvernissage im Café Wolke 7 in Möhlin statt. Weitere Informationen unter www.foy-coaching.ch. (jtz)

