Herr Müller und die vier Saiten der Seele
18.06.2026 MöhlinNach vierzig Jahren Musikschule Möhlin: Ein Geigenlehrer sagt adieu
Längst unterrichtet er Kinder von Eltern, die damals selbst bei ihm das Geigenspiel lernten. Matthias Müller war mehr als ein Intermezzo.
Ronny Wittenwiler
Er nimmt Platz in der Arena hinter dem Schulhaus. Schaut hinunter auf sein Musikzimmer. Ein verschmitztes, fast schüchternes Lächeln, die Augen hinter der Brille werden kleiner. «Ich bin dankbar und glücklich, dass ich das hier vierzig Jahre immer gerne gemacht habe.» In seinen Armen die Geige.
1986 – der Anfang
Vor vierzig Jahren ist der junge Matthias Müller Konzertmeister eines akademischen Orchesters in Basel. «Der Konzertmeister ist der erste Geiger.» Ein Bild, das eigentlich ganz und gar nicht auf ihn zutrifft. Ein Virtuose, das ist er zwar schon damals. Doch abseits der Musik, zeitlebens, liegt ihm die erste Geige fern: Matthias Müller ist eher der Typ Ensemble; und einer, der Zwischentöne heraushört – all die kleinen und grossen Sorgen gleich mit. «Sensibel?» Er lächelt. «Zu sehr. Ich bin hypersensibel.» Als der Herr Konzertmeister den Job an der Musikschule Möhlin angeboten bekommt, bleibt es nicht beim Intermezzo. Es wird die Anstellung seines Lebens. Kinder, die einst bei ihm das Geige spielen lernten? Manche begleiten heute ihre eigenen Kinder in den Unterricht.
«Das geht tief»
Sowieso, unzähligen Mädchen und Buben lehrt Müller das Instrument. Wobei: «Vor vierzig Jahren konnte kein Junge mit dem Geigenkasten über den Pausenplatz spazieren. Er wurde ausgelacht.» Doch die Geige ist längst salonfähig geworden, der belächelte Junge von damals wäre heute die coolste Socke und Müller, einst als Achtjähriger damit angefangen, sagt es so: «Meine Liebe zur Geige hält seit über einem halben Jahrhundert.» Dafür gibt es Gründe, die sich selbst dann offenbaren, wenn er bloss davon erzählt. «Musik machen bedeutet, seine Seele zu öffnen. Das geht tief. Sehr tief.» Und dann spricht er in diesem Zusammenhang vom schönsten Kompliment, das er je bekommen habe. Er wird das noch erklären.
Jetzt, mit 64, tauscht er Geige gegen Rebschere. Matthias Müller hat eine Stelle als Landschaftsgärtner angenommen. «Ich war Probearbeiten und sie haben mich genommen. Als Gärtner werde ich weniger verdienen, aber das ist mir Wurst.» Ja, auch das ist Matthias Müller, und vielleicht wird der Geiger – pardon: Gärtner – beim Umgraben der Erde dann auch all die Ohrwürmer los, die ihn in den letzten vierzig Jahren begleitet haben. Es ist die Frage, ob er ohne Musik überhaupt leben könne. «Sie geht im Gehirn einfach weiter», sagt er. «Die lässt sich nicht abstellen.» Auf dem Weg nach Hause im Kopf meistens jene Melodie, die zuletzt gespielt wurde. Das klingt lustig, ist es vielleicht manchmal auch, «nachts ist das aber lästig», sagt Matthias Müller. «Ich kann mittlerweile abends auch keine Noten mehr schreiben, das brennt sich zu sehr ein.» Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb es ihm beschwingt von den Lippen geht: «40 Jahre Musikschule Möhlin ist eine gute Zahl. Ich will jetzt einfach noch etwas anderes machen in meinem Leben.»
Mit Gespür
Doch dieses Adieu, ganz so leicht wird es Matthias Müller nicht fallen. Dafür sind ihm seine Geigenschülerinnen und Geigenschüler zu sehr ans Herz gewachsen. «Sie werden mir am meisten fehlen.» Er spricht von den leuchtenden Augen der Kinder beim Musizieren. Von diesen kleinen und grossen Sorgen, die manchmal in sein Musikzimmer getragen wurden und – im besten Fall – nicht wieder mitgenommen werden mussten. «Man merkt oft, wenn etwas nicht stimmt. Spielte ein Schüler immer ein klein wenig zu hoch, konnte man davon ausgehen, dass er ‹zwäg› war. Klang es etwas zu tief, dann war etwas nicht so gut.» Wie war das nochmal? «Musik machen bedeutet, seine Seele zu öffnen.» Und da sind wir wieder an diesem Punkt angelangt. «Jemand hat einmal gefragt, ob ich ein Zigeuner sei. Es war das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe.» Deren Musik, von wahnsinnig traurig bis wahnsinnig fröhlich, von ganz tief unten bis ganz hoch hinaus – «das ist doch das Abbild des Lebens», sagt Müller. Jetzt leuchten seine Augen. Und nach einer kurzen Pause: «So war auch mein Leben. Ich habe kein ruhiges und wollte auch nie ein solches.»
Eigentlich, sagt er zum Schluss, wären da noch Ideen für drei Leben. Dazu gehört wohl auch: Landschaftsgärtner mit 64. Matthias Müller sagt adieu. Doch wird er eines für viele eben bleiben: Der Geigenlehrer von Möhlin mit Leib – und ganz viel Seele.
Abschiedskonzert Morgen Freitag, 19. Juni, 18.30 Uhr, findet in der Aula Storebode ein Abschiedskonzert von und für Matthias Müller statt; zusammen mit Schülerinnen und Freunden. Der Anlass ist öffentlich.

