«Herr Doktor, muess i unters Messer?»
11.02.2026 PersönlichRichard Altorfer: Arzt, Kolumnist und Verleger
Aufgewachsen in Rheinfelden, tätig als Arzt, Politiker, Verleger und Autor. Heute im «Unruhestand» wohnhaft in einer altrosafarbenen Villa in Neuhausen am Rheinfall. Ein reiches Leben mit immer neuen Wendungen, über ...
Richard Altorfer: Arzt, Kolumnist und Verleger
Aufgewachsen in Rheinfelden, tätig als Arzt, Politiker, Verleger und Autor. Heute im «Unruhestand» wohnhaft in einer altrosafarbenen Villa in Neuhausen am Rheinfall. Ein reiches Leben mit immer neuen Wendungen, über das man ein Buch schreiben könnte. Hier auf einer Seite zusammengefasst.
Edi Strub
Töpferweg 1, in Rheinfelden: Da ist Richard Altorfer aufgewachsen. Sein Vater hatte einen Job bei der Josef Meyer AG bekommen und so konnte die Familie nach ein paar Jahren in eine Wohnung im firmeneigenen Block am Töpferweg am Rheinfelder Stadtrand einziehen. Ein Glücksfall. Rundum waren Wiesen und Kornfelder.
Den Kapuzinerberg gab es schon, aber dort gingen Richard und seine Freunde nicht hin, denn dort wohnten feinere Leute. Auch das Städtchen gehörte nicht zu ihrem Revier, ausser im Winter, wenn der Platz vor der Turnhalle und dem «Schützen» gespritzt wurde und man Schlittschuh laufen konnte. «Es war eine völlig andere, sehr ländliche Welt. Es gab weder einen Autobahnzubringer noch eine Bahnunterführung.»
Gegen alles protestiert
In Basel studierte Richard Altorfer dann Medizin. Er sei ein Linker geworden, wie alle an der Uni damals. Selbstverständlich machte er mit bei der Besetzung des AKW-Areals in Kaiseraugst. Er stand auf der Telefonliste der Leute, die sofort nach Kaiseraugst eilen mussten, falls die Polizei die Okkupation hätte aufbrechen wollen. Sie hätten gegen alles protestiert, was ihnen als Unrecht erschien. Gegen die Amerikaner und die CIA, die halfen, den Sozialrevolutionär Allende aus dem Amt zu putschen, und natürlich gegen den Schah. «Einige meiner Freunde wallfahrteten damals zu Enver Hodscha nach Albanien und in die DDR und kamen mit glänzenden Augen zurück. Begeistert vom Sozialismus dort und vom kostenlosen Gesundheitswesen.»
Er selbst habe nie an solche sozialen Wunder geglaubt. Als Arzt, der sich ein paar Jahre später selbstständig machte, lande man schnell auf dem Boden der Wirklichkeit. Er habe während Jahren kämpfen müssen, um sich über Wasser zu halten, was vielleicht auch an seinem Berufsverständnis lag. In seinem Wartezimmer seien viele Drögeler und Abgestürzte gesessen, weil er im Ruf stand, sich Zeit zu nehmen für sie, auch wenn er sein geduldiges Zuhören nicht in Rechnung stellen konnte. Auch für Militärdienstverweigerer sei er eine bekannte Adresse gewesen. Dazu habe er an der linken Zeitschrift «Soziale Medizin» mitgearbeitet. In einer Partei sei er bis dann nicht gewesen, ausser während der Studienzeit in einer Arbeitsgruppe der Progressiven Organisation Basel (POB). In Schaff hausen sei dann aber eines Tages ein FDP-Politiker auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob er sich vorstellen könnte für den Kantonsrat zu kandidieren. Sie möchten wieder einen Arzt auf der Liste haben. Er habe sich überreden lassen, weil er gedachte habe, er würde ohnehin nicht gewählt. Zu seiner grossen Überraschung sei er dann aber gewählt worden. Getreu der alten Erfahrungen, dass Ärzte und Briefträger (als man «seinen» Briefträger noch kannte wohlgemerkt) in Wahlen die grössten Chancen hätten.
Witzige Geschichten
Bekannt und wohlgelitten in Schaffhausen war Richard Altorfer aber nicht nur als Arzt, sondern auch als Kolumnenschreiber – in den Schaffhauser Nachrichten. Alle drei Wochen musste er eine Epistel abfassen. Oft im letzten Moment in Nachtarbeit, um noch rechtzeitig vor sechs Uhr morgens auf der Redaktion zu sein. In diesen Kolumnen schrieb er witzig und meisterhaft formuliert über die Dinge, die seine Patienten beschäftigten und die sie ihm zugetragen hatten. Zum Beispiel über N., der zu Doktor Altorfer kam und sagte, «Ich ha Proschtata, muess ich unders Messer?» – Nein, müsse er einstweilen nicht, habe er ihn beruhigt. Er genüge wohl, den schlechten Harnfluss mit Kürbiskernextrakt, Blütenpollen und Brennnesselwurzeln zu kurieren. Das habe auf die Prostata eine wohltuend abschwellende Wirkung.
Diese witzigen Geschichten aus dem medizinischen Alltag, unterhaltend und dennoch seriös aufklärend erzählt, sind vor ein paar Wochen als Sammlung erschienen (siehe Lesetipp). Richard Altorfer war aber auch Verlagsleiter und Herausgeber von medizinischen Fachzeitschriften. Das war ihm sogar noch wichtiger als seine Essayistik. Doch nun sei Schluss damit, er habe sich pensioniert. Der Verlag sei kürzlich an neue Besitzer und Verleger übergegangen. Irgendwann müsse man einen Schlussstrich ziehen, seufzt Richard Altorfer. Auch in seiner Altvilla in Neuhausen müssten sie sich verkleinern. Da habe sich so viel angesammelt über die Jahre. Möbel, Malereien und anderes mehr. «Was machen wir bloss damit?» fragt er. Es sei schmerzhaft, Abschied zu nehmen von diesen Dingen. Vor rund zwölf Jahren hätten er und seine Frau sich sogar noch vergrössert: In Istrien hätten sie, weit abseits auf dem Land, noch ein Haus gebaut mit wunderbar grossem Umschwung. Dort verbrächten sie rund die Hälfte des Jahres, denn dort hätten sie «Platz» für sich und ihre Hunde. Das sei ein Luxus, den er sich immer gewünscht habe. Das sei wie eine neue Heimat. Heimat ist seit einigen Jahren auch Rheinfelden wieder ein bisschen, erzählt Altorfer. Dort habe er an Klassenzusammenkünften und anderen Treffen alte Klassenkameraden und Freunde getroffen. Er habe es genossen, mit Hänsel, Erne und Beiel über Vergangenes zu plaudern. Eine fast vergessene Welt sei wiederauferstanden.
Lesetipp: Richard Altorfer: In den Löchern des Gedächtnisses haust ein Zoo. Szenen aus einer Arztpraxis I. Somedia Richard Altorfer: Dieses Gurren im Zeh. Szenen aus einer Arztpraxis II. Somedia

