Heiz, von und zu Schupfart
12.01.2026 SchupfartSechzehn Jahre im Gemeinderat, drei als Vize-Ammann, die letzten neun als Gemeindeammann. An Silvester, dreizehn Stunden vor Ablauf seiner Amtszeit, traf die NFZ René Heiz zum Gespräch.
Ronny Wittenwiler
NFZ: René Heiz, fühlten Sie sich von ...
Sechzehn Jahre im Gemeinderat, drei als Vize-Ammann, die letzten neun als Gemeindeammann. An Silvester, dreizehn Stunden vor Ablauf seiner Amtszeit, traf die NFZ René Heiz zum Gespräch.
Ronny Wittenwiler
NFZ: René Heiz, fühlten Sie sich von der Presse vernachlässigt?
René Heiz: Nein.
Wir berichten viel weniger über Schupfart als etwa über Rheinfelden oder Möhlin.
Ein Franco Mazzi ist interessanter als ein René Heiz. Das ist der politischen Relevanz wegen auch verständlich. Gingen wir auf die Presse zu, fühlten wir uns ernstgenommen und begleitet.
Mir fällt kein Moment ein, bei dem man hätte schreiben können: «In Schupfart geht es drunter und drüber.» Hatten Sie Ihre Schäfchen einfach derart im Griff?
Ich hatte gute Hirten. Gemeinderatskolleginnen und Gemeinderatskollegen mit Herzblut, die ihr Ressort im Griff hatten. Als Gemeindeammann konnte ich mich stets auf sie verlassen.
Erzählen Sie.
Ich kam 2010 zusammen mit Verena Kläusler und Andy Steinacher neu in den Gemeinderat. Eines unserer Ziele war eine verbesserte Kommunikation. Wir wollten mehr Transparenz. Durch Infoveranstaltungen konnten wir Lehren ziehen im Hinblick auf die Gemeindeversammlung, gerade bei kritischen Themen. Wir führten das «Lindenblatt» ein (Gemeindenachrichten, die Redaktion), zudem eine App. So holten wir die Bevölkerung ab. Ich hätte da ein Müsterchen …
Gerne.
Einmal lag so viel Schnee, da hatte der Verantwortliche für unsere Gemeindestrassen eine Idee: Er fuhr mit dem Pflug rückwärts vom Flugplatz bis ins Dorf hinunter und machte aus dem Abschnitt eine Schlittelbahn. Wir stellten alles auf unsere App. Zehn Minuten später sah ich die ersten Einwohner mit dem Schlitten hochlaufen. Das war der Hammer.
Noch so ein guter Hirte. Sind denn auch die Schäfchen nett?
Die Schäfchen sind sehr anständig in Schupfart (lacht). Wie in jedem Dorf gibt es ein, zwei etwas Anstrengende, denen man Dinge drei- oder viermal erklären kann, die es aber einfach nicht verstehen wollen. Doch auch mit ihnen konnte ich anständig umgehen. Da muss man drüberstehen, auch wenn es im ersten Moment nervt.
Ein Franco Mazzi ist interessanter als ein René Heiz, sagen Sie. Was unterscheidet einen Gemeindeammann in der Grössenordnung von Rheinfelden von einem einer 900 Seelen-Gemeinde?
Rheinfelden, Möhlin oder Frick haben eine Zentrumsfunktion für die ganze Region. Wenn ich etwas sage, hat das logischerweise nicht dasselbe Gewicht. In einem kleineren Ort sind zudem die Möglichkeiten punkto Entwicklung und Budget viel bescheidener.
Dafür, dass die Bäume in den Himmel wachsen, sind bei Ihnen die Bauern zuständig.
Genau. Sie düngen nachts die Felder. (lacht)
Wären Sie denn gerne ein mächtigerer Gemeindeammann gewesen?
Nein. Je grösser die Gemeinde, desto mehr entfernt man sich vom Operativen. Mir gefiel die Mischung. Auf der einen Seite strategisch: Wo wollen wir hin? Was können wir uns leisten? Auf der anderen Seite mochte ich den Augenschein, die Diskussion mit den Leuten. Als Gemeinderat in einem kleinen Dorf ist diese Nähe wichtig. Da spürt man den Puls. Einen Wasserleitungsbruch schaute ich mir auch mal vor Ort an, um zu wissen, worum es geht und welche Rechnung uns erwartet.
Gab es Tage, an denen Sie dachten: Warum tue ich das?
Werden unwahre Behauptungen aufgestellt, dann ertrage ich das nicht. Das waren dann solche Tage. Sie sind an einer Hand abzuzählen.
Zu sagen, Schupfart liege Ihnen am Herzen, wäre nichts weniger als eine Binsenwahrheit.
Zu meinem Abschied bekam ich von der Gemeindeschreiberin eine schöne Rückmeldung: Sie könne sich gut an ihr Vorstellungsgespräch erinnern. Ich hätte damals gesagt, ich sei «von, zu und in Schupfart». Genau das habe sie während der gesamten Zeit gespürt.
Wie kommt es?
Heiz ist in Schupfart ein Urgeschlecht. Unser Stammbaum lässt sich bis 1610 zurückverfolgen, zur Zeit der ersten Kirchenbücher. Ich war zehn Jahre Präsident im Turnverein, davor schon Passivmitglied in allen Vereinen. Die Gemeinschaft ist sehr stark. Als Gemeinderat merkte ich das noch stärker, wir rechnen da auch wirtschaftlich: Jeder Verein hilft uns, Sozialkosten zu sparen. Die Jungen haben eine gescheite Beschäftigung. Dazu müssen wir Sorge tragen.
Wie oft wurden Sie jüngst gefragt, ob Wehmut mitschwingt?
Die Frage konkret nach Wehmut hielt sich in Grenzen. Eher: Wie geht es dir?
Also: Wie geht’s?
Gut! Ich war motiviert bis zum Schluss. Ob das in zwei Jahren auch noch so gewesen wäre, weiss ich nicht. Schaut man auf einen Abschnitt zurück, bleibt immer auch das letzte halbe Jahr im Kopf.
Und das war absolut toll – genau wie die restlichen fünfzehneinhalb Jahre.
An Ihrer letzten Gemeindeversammlung wurden Sie zum Ehrenbürger ernannt. Was kann man sich damit kaufen?
Das war meine erste Frage: Muss ich nun keine Steuern mehr zahlen?
Das frage ich mich jedes Mal.
Also: nein (lacht). Ich bin Einwohner, Ortsbürger – aber das jetzt ist noch mal etwas ganz anderes. Diese Wertschätzung berührt mein Herz.
Nach der Gemeindeversammlung luden Sie zum Apéro. Haben Sie das selbst bezahlt?
Ja.
Warum?
Es war ja auch mein Abschied. Für mich waren solche Dinge immer klar: Klausuren hielten wir im Waldhaus oder auf dem Flugplatz. Wir hatten nicht den Anspruch, für zwei Tage irgendwo auf den Bürgenstock zu gehen, weil wir das toll gefunden hätten. Als Gemeinderat hat man eine Vorbildfunktion: Geld dort ausgeben, wo es richtig ist. Lade ich also zu meinem Abschied ein, zahle ich auch selbst. Normalerweise machen wir keinen Apéro nach einer Gemeindeversammlung: Die Leute sollen wegen der Gemeinde kommen, nicht wegen dem Apéro.
Was wünschen Sie sich für Schupfart?
Es soll so weitergehen: anständige, innovative und interessierte Bürger. Das reicht vollkommen.
Und was wünschen Sie für sich?
Gesundheit. Und vielleicht 300 Gramm weniger. (lacht)
Kommen wir zurück auf unser Eingeständnis, weniger über Schupfart als über Möhlin oder Rheinfelden zu berichten. Welche Schlagzeile würden Sie gerne lesen?
«Schupfart prosperiert in gesundem Rahmen» – das wäre sicher die schönste Schlagzeile.
Eine Kurzbilanz zum Schluss?
Wir haben eine gute Infrastruktur: Wasser, Abwasser, Schulraum; praktisch alle Strassen haben wir erneuert in den letzten sechzehn Jahren. Ich darf ein solides Werk mit einem soliden Steuerfuss von 110 Prozent übergeben, das ist für eine solch kleine Gemeinde nicht selbstverständlich. Was wir nicht erreicht haben, ist eine ÖV-Erweiterung: eine Anbindung von Wegenstetten nach Frick quer durch Schupfart. Mit der neuen Kantonsschule und der Entwicklung Sisslerfeld könnte es irgendwann Veränderungen geben.
Sie schauen glücklich zurück?
Absolut. Es war mir eine Riesenfreude.
René Heiz (56) ist Frühaufsteher, ohne einen Wecker zu gebrauchen. Auf einem Bauernhof aufgewachsen, ist er gelernter Postbeamter. Er leitet die Abteilung «Compensation & Sozialversicherungen» bei der Schweizerischen Post AG am Hauptsitz in Bern Wankdorf. Als Hobby betreibt er – natürlich in Schupfart – eine kleine Obstbaumanlage mit Zwetschgen, Äpfeln, Birnen. «Alles, was man brennen kann», sagt René Heiz und freut sich, dafür etwas mehr Zeit aufwenden zu können. Er ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder. (rw)

