Hausärzte schlagen Alarm

  16.04.2026 Fricktal

Sorge um Grundversorgung im Fricktal

In den kommenden Jahren werden im Fricktal viele Hausärzte in Pension gehen. Dies kann zu einer Unterversorgung der Bevölkerung führen. Wie sich die aktuelle Situation und die Aussichten präsentieren, schildern eine Hausärztin und ein Hausarzt aus Möhlin.

Valentin Zumsteg

Es sind deutliche Worte, die Hausarzt Hagen Scheerle verwendet: «Die medizinische Grundversorgung ist in Gefahr. Die hausärztliche Versorg ung unserer Bevölkerung wird sich in den kommenden Jahren dramatisch verschlechtern. Damit sinkt die Wirtschaftsleistung im Kanton, die Kosten im Gesundheitswesen werden steigen. Die Politik weiss um das Problem, gehandelt wird aber nicht.» Scheerle betreibt mit seiner Frau Sarah Hofmann die Praxis Rössli-Schüüre in Möhlin. Insgesamt vier angestellte Ärztinnen und Ärzte arbeiten dort, sie teilen sich rund 300 Stellenprozent.

«Die Not der Bevölkerung»
«Wir können keine neuen Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen und führen eine Warteliste, auf der 40 bis 50 Namen stehen. Seit 2019 haben wir einen Auf nahmestopp», schildert Sarah Hofmann. Fast täglich erhalten sie Anfragen. Es gebe ein massives Missverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot. «Es kommt sogar vor, dass wir eigene Patientinnen und Patienten in den Notfall des Spitals schicken müssen, weil wir sie nicht versorgen können. Das ist sehr bedauerlich. Wir spüren die Not der Bevölkerung», betont Sarah Hofmann.

Die Situation wird sich nach Ansicht des Ärzte-Ehepaars in den kommenden Jahren noch deutlich verschärfen. «Wir rechnen damit, dass bis 2030 rund 30 Prozent der Fricktaler Hausärzte in Pension gehen», so Hagen Scheerle. Dies hätte nach seinen Berechnungen zur Folge, dass über 16 000 Fricktaler Patientinnen und Patienten nicht mehr hausärztlich versorgt werden können. «Wenn sich nicht dramatisch etwas tut, dann wird es hier düster. Ich bin sehr besorgt.»

Hausärzte wünschen sich Selbstdispensation
Die Hausärztedichte lag im Kanton Aargau 2021 bei 0,57 pro 1000 Einwohner. Das ist die zweittiefste in der Schweiz. Es sei schwierig, neue Hausärztinnen und Hausärzte zu finden und in den Aargau zu holen, sagt Sarah Hofmann dazu. Aber selbst die Suche nach Medizinischen Praxisassistentinnen gestalte sich im Aargau schwierig, da in umliegenden Kantonen höhere Löhne bezahlt werden können. Ein Grund dafür ist, dass es im Kanton Aargau die sogenannte Selbstdispensation nicht gibt. Das bedeutet, dass die Hausärztinnen und Hausärzte in der Regel selbst keine Medikamente verkaufen dürfen; dies im Gegensatz zu den meisten Deutschschweizer Kantonen, wo dies erlaubt ist.

Die Selbstdispensation führe nachweislich zu tieferen Kosten und zu einer patientenorientierteren Behandlung, so Scheerle. «Sie würde die Standortattraktivität des Kantons stärken und Wahlfreiheit schaffen.» Zudem könnte sie in der Grundversorgung sehr helfen, die kommenden Jahre zu überstehen, glaubt Hagen Scheerle. «Es wäre eine Gleichberechtigung gegenüber den Nachbarkantonen.»


«Eine besorgniserregende Entwicklung»

Die Hausärzte wünschen sich, dass sie künftig auch Medikamente abgeben dürfen. Eine entsprechende Motion ist im Dezember 2025 von sieben Grossrätinnen und Grossräten – darunter Thomas Ernst aus Magden – eingereicht worden. Der Regierungsrat hat aber kein Musikgehör in dieser Sache: «Die Erlaubnis der Selbstdispensation für alle Ärztinnen und Ärzte der Grundversorgung würde in erster Linie das Einkommen der betroffenen Ärztinnen und Ärzte verbessern. Ob es dadurch tatsächlich mehr Hausärztinnen und Hausärzte im Kanton Aargau gäbe, ist fraglich, insbesondere in der Peripherie», hält der Regierungsrat fest. Er lehnt die Motion ab.

Die Fricktaler Hausärztinnen und Hausärzte bedauern diesen Entscheid. «Es geht nicht primär um das Finanzielle, es wäre auch ein Zeichen für die Hausarztmedizin», sagt Hagen Scheerle. Heute gebe es immer mehr Fachärzte, da dies lukrativer sei. «Die Zahl der Grundversorger, welche die günstigste medizinische Versorgung bieten, nimmt hingegen ab», so Scheerle. Dies sei eine besorgniserregende Entwicklung. Eine Anhebung des Taxpunktes nur für die Grundversorger wäre ebenfalls eine mögliche Option, jedoch deutlich schwieriger in der Umsetzung. Sarah Hofmann und Hagen Scheerle hoffen, dass die Politik das Problem erkennt und zum Wohle der Bevölkerung Massnahmen ergreift, welche die hausärztliche Grundversorgung sichern. (vzu)

 


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