Hass gegen Humanismus
01.03.2024 FricktalDer Zweite Weltkrieg (Januar bis März 1944) im Spiegel der Fricktaler Presse
Von Jürg Stüssi-Lauterburg
Die Volksstimme liess das Jahr nüchtern beginnen, am 4. Januar 1944:
«Sollte es also nach der optimistischen Meinung der ...
Der Zweite Weltkrieg (Januar bis März 1944) im Spiegel der Fricktaler Presse
Von Jürg Stüssi-Lauterburg
Die Volksstimme liess das Jahr nüchtern beginnen, am 4. Januar 1944:
«Sollte es also nach der optimistischen Meinung der Alliierten gehen und der Krieg in Europa im Jahre 1944 mit ihrem Siege endigen, so könnte doch nicht damit gerechnet werden, dass rasch eine Rückkehr zu befriedigenden Zuständen möglich wäre.»
Weder in Europa, noch im Pazifikraum, noch in China oder Burma, wo überall der Krieg weiterhin wütete. Der Fricktaler Alltag forderte zu jeder Zeit, auch jetzt, sein Recht. Die Stadt Rheinfelden machte ihre Schuldner per Inserat darauf aufmerksam, «dass alle Fälligkeiten an die Stadtkasse wie Steuern, Pachtzinse, Holz- und Materialrechnungen etc. unverzüglich bezahlt werden.» Auch im Januar 1944 galt: Geschenkt ist nichts.
War auch der Faschismus in seinem Heimatland Italien stark geschwächt, war er doch nach wie vor tödlich. Benito Mussolini liess seinen Schwiegersohn Gian Galeazzo Ciano und vier andere ehemalige Faschistenanführer hinrichten, weil sie im Juli 1943 im Grossen Faschistischen Rat der Absetzung Mussolinis zugestimmt hatten. Volksstimme, 13. Januar 1944:
«Das Todesurteil des Sondertribunals zur Aburteilung von Mitgliedern des Grossen Rates des Fascismus ist am Dienstagvormittag kurz nach neun Uhr an De Bono, Ciano, Gottardi, Marinelli und Pareschi durch Erschiessen vollzogen worden.»
Die Fricktaler Presse registrierte sorgfältig die klaren Völkerrechtsverletzungen in diesem Krieg. So ist, unter Berufung auf griechische Quellen, die Nachricht über das Massaker im griechischen Kalavryta (Σφαγή των Καλαβρύτων) vom 13. Dezember 1943 zu lesen:
«An alle männlichen Einwohner von 12 Jahren aufwärts sei alsbald der Befehl ergangen, sich an einem Orte ausserhalb der Stadt aufzustellen, um eine Ansprache des deutschen Abteilungskommandanten anzuhören. Diese männlichen Einwohner seien an dem bezeichneten Orte dann von den deutschen Soldaten umstellt und es sei mit Maschinengewehren auf sie geschossen worden. Bis jetzt seien mehr als tausend Tote festgestellt worden.»
Die Landung der Alliierten hinter den deutschen Linien bei Anzio am 22. Januar 1944 wurde zwei Tage danach im Frickthaler genauso gemeldet wie später die verlustreichen Kämpfe um den Ausbruch aus dem Brückenkopf.
Die Folgen des Krieges für die Schweiz waren allgegenwärtig. Zu diesen Folgen gehörte die Präsenz von Flüchtlingen und der Druck von Nazis und Faschisten und deren Gefolgsleuten auf die ihnen verhasste Demokratie im Herzen des Kontinents. So meldete die Volksstimme am 1. Februar 1944, eine im Vichy von Marschall Pétain, dem mit Hitler kollaborierenden Chef des Etat Français, verbreitete Meldung, wonach drei Viertel der 66‘000 Flüchtlinge in der Schweiz «Juden» seien, sei falsch. Es handle sich um 61‘000 Flüchtlinge, von denen rund die Hälfte jüdisch sei. Noch immer, dass ist Schreibstil und Gedankengang der Notiz zu entnehmen, ging die Sorge vor irrationalen Handlungen Hitlers gegen unser Land um.
«Nazifreunde» wurden hart bestraft
Schweizerische Nazifreunde bekamen, wenn sie das Gesetz verletzten, dessen Härte zu spüren. Am 7. März 1944 meldete die Volksstimme, Major Ernst Hans Pfister sei vom Divisionsgericht 6 wegen Auskundschaftung und Verletzung militärischer Geheimnisse zum Tode durch Erschiessen und Degradation verurteilt worden. (Das Urteil wurde am 30. März 1944 vollstreckt.) Im gleichen Zeitungsblatt stand zu lesen, die beiden damals in Deutschland lebenden Frontisten (Schweizer Nazis) Ernst Leonhardt und Franz Burri seien endgültig ausgebürgert worden. Sie hatten mit dem Argument rekurriert, ihre mit der Ausbürgerung bedrohte Propagandatätigkeit für Hitler habe vor Erlass der entsprechenden bundesrätlichen Verordnung begonnen. Die Abweisung des Rekurses erfolgte, da sie sich auch nach Erlass der Verordnung weiterhin in, wie die Zeitung schrieb, «neutralitätswidriger und dem Ansehen der Schweiz abträglicher Weise» betätigt hatten.
An Gewicht nahm wohl kaum jemand zu in der Schweiz damals. So machte die Presse bekannt, welche «blinden Coupons» auf den nach Erwachsenen und Kindern unterschiedenen Lebensmittelkarten in Kraft gesetzt wurden, hier für 100 Gramm mageren oder viertelfetten Schnittkäse, dort für ein Ei oder 100 Gramm Butter. Das eidgenössische Kriegsernährungsamt konnte so von Monat zu Monat, den Vorräten entsprechend, die stets knappe Zuteilung steuern.
Gleichzeitig tobte jenseits der Grenzen der grösste Krieg, den die Welt bis dahin gesehen hatte. Die Volksstimme druckte das sowjetische Communiqué, welches den Durchbruch der in Richtung Tarnopol vorstossenden Truppen Georgi Konstantinowitsch Schukows auf einer Frontbreite von 175 Kilometern meldete. In den Tagen danach tauchte immer wieder der Ortsname Monte Cassino auf, am 25. März mit dem alliierten Eingeständnis, dass die Angriffe auf den achsenbeherrschenden süditalienischen Klosterberg in Süditalien bisher von den Deutschen abgeschlagen worden waren.
Perfide «Einladung»
Da sich Ungarn aus der tödlichen Umklammerung durch die Nazis lösen wollte, besetzten diese das bisher mit ihnen nur verbündete Land. Das Vorgehen war von niedriger Perfidie: Der ungarische Staatschef, Reichsverweser Miklós Horthy, wurde von Hitler zu einer Konferenz aufs Salzburger Schloss Klessheim «eingeladen», wo der deutsche Führer den ungarischen Staatschef vom 15. bis zum 18. März hinhielt, was den deutschen Truppen, Truppen eines «Verbündeten», gestattete, Ungarn zu besetzen (Unternehmen Margarethe). Die Deutschen erpressten vom, am 19. März nach Budapest zurückgekehrten, Horthy die Entlassung des für ein Ausscheiden Ungarns aus dem deutschen Bündnis eintretenden Ministerpräsidenten Miklós Kállay und die Einsetzung des nazifreundlichen Döme Sztójay. Worum es ging, sah die Fricktaler Presse mit grosser Klarheit, – Ungarn zum Verbleib im deutschen Bündnis zu zwingen und – die ungarischen Juden zu vernichten.
Volksstimme, 25. März 1944:
«Die Deutschen begründeten diese Okkupation mit der Erklärung, dass sie um jeden Preis eine Wiederholung des Falls Badoglio verhindern und in Ungarn die Judenfrage regeln müssten, wobei sie vorschützten, dass ihre Lage durch die Anwesenheit von fast einer Million Juden hinter der Balkanfront gefährdet werde.»
Es liegt auf der Hand, dass sie an manchem Fricktaler Tisch an jenem fernen Samstag Stoff für Gespräche boten, Horthys Fehler, sich überhaupt erst mit Hitler einzulassen und sodann die Einladung des Tyrannen anzunehmen einerseits und die mögliche Nazientschuldigung für einen Angriff auch auf die Schweiz andererseits. Horthy blieb übrigens nur zum Schein und mit Duldung der Nazis noch einige Zeit Reichsverweser, begriff aber nicht, wie sehr er von Spionen und Ver rätern umgeben war. Er versuchte weiterhin, Ungarn noch rechtzeitig ins andere Kriegslager zu führen. Resultat war ein zweiter Putsch mit deutscher Truppenunterstützung (Unternehmen Panzerfaust) im Oktober 1944 und die Einsetzung einer Regierung der so genannten Pfeilkreuzler, ungarischer Nazis.
Er hätte nicht zeitgemässer und nicht klarer schreiben können, der christkatholische Bischof Adolf Küry, dessen Hirtenbrief die Volksstimme referierte.
«Das Festhalten an den allgemeinen menschlichen Grundsätzen des Evangeliums im Gegensatz zur Verherrlichung von Gewalt, zu den Ausbrüchen der Menschenverachtung und des Hasses, zu den Ursachen der Greuel der Hekatomben und der Schlachtfelder, der Verfolgung und der Niedermetzelung Unschuldiger und der Zerstörung von Städten, Landflächen und Kulturgütern, bedeute Grundsatz-Treue am christlichen Humanismus, Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit, begründet auf der Gleichberechtigung aller Stände, Völker und Rassen…»
Nachrichten aus einer kriegerischen Zeit
Das Fricktaler Projekt «Kriegsnachrichten» macht die Originalausgaben der «Volksstimme aus dem Frickthal», der «Neuen Rheinfelder Zeitung» und des «Frickthalers» aus den Jahren 1939 bis 1945 im Internet für jedermann zugänglich. Zudem erscheint viermal jährlich ein Essay, basierend auf der Berichterstattung des jeweiligen Quartals, in welchem der Autor das Kriegsgeschehen thematisiert und unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet. Jürg Stüssi-Lauterburg, Autor des hier publizierten Beitrages, ist Militärhistoriker. Er wohnt in Windisch. Als dieses Projekt vor 10 Jahren gestartet wurde ging es um einen Rückblick auf schlimme, längst vergangene Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Wahrnehmung in der lokalen Öffentlichkeit. Nie hätten es die Initianten des Projektes für möglich gehalten, dass wir heute in Europa wieder einen Krieg erleben müssen. (nfz)




