Harmonie ohne Grenzen
07.10.2026 PersönlichDie eine kommt aus der Ukraine und spielt Geige, die andere ist Schweizerin und spielt Klavier. Unterschiedlicher könnten ihre Lebensgeschichten kaum sein. Doch in der Musik finden Olha Kurbanova und Elfi Schweizer eine gemeinsame Sprache. Am 14. November treten die beiden Musikerinnen im ...
Die eine kommt aus der Ukraine und spielt Geige, die andere ist Schweizerin und spielt Klavier. Unterschiedlicher könnten ihre Lebensgeschichten kaum sein. Doch in der Musik finden Olha Kurbanova und Elfi Schweizer eine gemeinsame Sprache. Am 14. November treten die beiden Musikerinnen im Begegnungszentrum «Drei Könige» in Rheinfelden auf.
Monika Irion-Bürger
Für Olha Kurbanova begann die Liebe zur Geige bereits im Kindergartenalter in Charkiw. Sie war vier Jahre alt, als eine junge Geigenlehrerin in ihren Kindergarten kam. Die Lehrerin hatte gerade das Konservatorium abgeschlossen und suchte nach musikalischen Talenten. Olha Kurbanova hatte zu Hause bereits ein Klavier und kannte die Noten. Eines Tages sah sie im Fernsehen einen Geiger bei einem Konzert. Das Instrument faszinierte sie sofort. «Ich wollte unbedingt einmal eine Geige sehen und anfassen können», erinnerte sie sich. Als die Geigenlehrerin ihr einen Anmeldezettel mitgab, stand für Olha Kurbanova fest: Sie wollte Geige spielen lernen.
Lampenfieber gehört dazu
Nach der regulären Schulzeit erhielt sie einen Platz an einem Musik-College. Dort entwickelte sie ihre musikalischen Fähigkeiten weiter und sammelte erste Erfahrungen auf der Konzertbühne. Bereits ihre ersten Auftritte waren für sie aufregend. «Ich habe vor lauter Lampenfieber einige Fehler gemacht und war dadurch frustriert und sehr enttäuscht, wenn etwas nicht klappte», erzählt sie. Doch gerade diese Erfahrungen spornten sie an, immer besser zu werden. Mit 19 Jahren spielte Olha Kurbanova ihr wichtigstes Konzert in der Ukraine – ihre Abschlussprüfung am Musik-College. Es war ein Höhepunkt und für die junge Musikerin ein besonderes Erlebnis.
Musik oder Kunst
Auch Elfi Schweizer hatte schon als Kind einen starken Bezug zur Musik. Mit sieben Jahren bekam sie ein Klavier und erhielt bis zu ihrem 20. Lebensjahr Unterricht bei einer ausgebildeten Konzertpianistin. Ihr Weg führte sie nach einem Jahr Konservatorium in Basel an die Kunstgewerbeschule, wo sie sich zur Zeichnerin ausbilden liess. Später fand auch die Familienplanung ihren Platz. Heute, im Ruhestand, hat Elfi Schweizer wieder mehr Zeit für die Musik. Ihr Flügel wurde dabei zu einem wichtigen Begleiter.
Kennengelernt hatten sich Olha Kurbanova und Elfi Schweizer dank der Priesterin Hannah Audebert an einem Gottesdienst, bei dem die beiden Musikerinnen zum ersten Mal gemeinsam spielten. Aus dieser Begegnung entwickelte sich die Idee, gemeinsam zu musizieren. Sie begannen zu üben und erarbeiteten sich nach und nach ein anspruchsvolles Programm. Für Elfi Schweizer bedeutete das gemeinsame Musizieren weit mehr als das reine Zusammenspiel zweier Instrumente. «Es bedeutet Begleiten und ein Miteinander. Es trägt und berührt mich, wenn wir diese wunderschönen Melodien gemeinsam spielen.» Die beiden Musikerinnen erlebten ihre musikalische Verbindung als besonders intensiv und bereichernd.
Auch für Olha Kurbanova hatte die Musik eine tiefe persönliche Bedeutung bekommen. Als sie in die Schweiz kam, besass sie keine eigene Geige. Es war Hannah Audebert, die ihr half, eine Geige zu finden. Heute ist das Instrument für sie zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden. «Für mich ist Musik jetzt wie eine Therapie», sagt Olha Kurbanova. Beim Geigenspiel könne sie Sorgen und Probleme loslassen und sich ganz auf den Augenblick konzentrieren. «Ich bekomme eine gute Energie.»
Musik als Ausdruck von Gefühlen
Für beide Frauen ist Musik eng mit ihren Gefühlen verbunden. Elfi Schweizer beschreibt das Musizieren als Möglichkeit, innere Spannungen loszulassen. «Ich kann mich von Wut oder Aggression mit der Musik befreien. Ich empfinde dabei Dankbarkeit, Demut und Spiritualität.»
Olha Kurbanova fand in der Musik ebenfalls eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, für die es manchmal keine Worte gab. «Mit der Musik kann ich meine Emotionen ausdrücken, auch die, die ich unterdrücken muss.» Beim Spielen könne sie Kraft und Energie schöpfen und gleichzeitig Disziplin erfahren.
Diese unterschiedlichen Erfahrungen flossen auch in die Auswahl ihres Konzertprogramms ein. Beide lieben die Musik von Bach und Mozart. Dazu kommen Sonaten von Telemann und Werke von Claude Debussy. Olha Kurbanova fühlt sich besonders von Debussys Werken und vom Tango angesprochen. Elfi Schweizer wiederum ist ein grosser Fan von Bach und Mozart, entdeckt aber ebenso gerne moderne Musik für sich.
Von Bach bis zum «Guggisberglied»
Das musikalische Repertoire der beiden soll nicht auf klassische Musik beschränkt bleiben. Auch Jazz, Blues und moderne Stücke f inden ihren Platz. Besonders interessant ist für die beiden die Möglichkeit, zu improvisieren. «Früher wurden uns die Musikstücke vorgeschrieben, und heute spielen wir Musik, die uns gefällt und die wir gut spielen können», erklären sie. Gerade das gemeinsame Ausprobieren macht ihnen Freude.
Für das Konzert in Rheinfelden haben sie unter anderem das «Guggisberglied» vorbereitet, das auch durch Stephan Eicher bekannt geworden ist. Daneben wollen sie Werke des polnischen Komponisten Karol Szymanowski sowie weitere Stücke aus unterschiedlichen musikalischen Welten präsentieren. Auch Chansons und bekannte Melodien aus dem 20. Jahrhundert gehören zu ihrem musikalischen Horizont.
Olha Kurbanova musiziert ausserdem in einem Orchester in Suhr. Im Continua Orchesterverein trifft sie auf zahlreiche Schweizer Musikerinnen und Musiker. Das Orchester verbindet klassische Musik mit Unterhaltungsmusik und Volkstanzmusik aus verschiedenen Kulturen.
Musik verbindet
Ihre musikalische Zusammenarbeit verstehen Olha Kurbanova und Elfi Schweizer auch als Einladung an andere Musikinteressierte. Dabei geht es ihnen nicht darum, ein bestimmtes musikalisches Genre in den Vordergrund zu stellen. Entscheidend ist die Freude am gemeinsamen Musizieren. «Jeder, der unser Konzert hört, bringt seine eigene Zeit mit und soll diese geniessen», sagt Olha Kurbanova. Dazu gehört für sie auch Toleranz gegenüber den verschiedenen Musikrichtungen. So stehen nicht nur Geige und Klavier im Mittelpunkt, sondern zwei Frauen, die über ihre unterschiedlichen Lebenswege hinweg eine gemeinsame musikalische Sprache gefunden haben.
Ein musikalisches Geschenk
Als musikalisches Geschenk füreinander haben sich die beiden ebenfalls etwas Besonderes ausgesucht. Elfi Schweizer möchte Olha Kurbanova eine Arabesque von Claude Debussy schenken. Olha Kurbanova wiederum wählt für Elfi Schweizer «Mondhelle Nacht» von Mykola Lysenko, einem bedeutenden ukrainischen Komponisten. Damit bringt sie auch ein Stück ihrer ukrainischen musikalischen Heimat in das gemeinsame Repertoire ein.
Der Eintritt zum Konzert am 14. November im Begegnungszentrum «Drei Könige» ist frei. Am Ausgang wird eine Kollekte zugunsten der Musikerinnen gesammelt. Ab 16 Uhr wird den Musikinteressierten ein Apéro serviert.

