Handwerk mit Wurzeln
15.10.2026 SulzDoppeltes Jubiläum
Die Geschichte der Schreinerei Weiss reicht 140 Jahre zurück. Für Lukas und René Weiss, die seit 25 Jahren den Sulzer Betrieb in vierter Generation führen, ist Tradition kein Auftrag, sondern vielmehr ein Fundament, auf dem Neues entstehen darf.
Susanne ...
Doppeltes Jubiläum
Die Geschichte der Schreinerei Weiss reicht 140 Jahre zurück. Für Lukas und René Weiss, die seit 25 Jahren den Sulzer Betrieb in vierter Generation führen, ist Tradition kein Auftrag, sondern vielmehr ein Fundament, auf dem Neues entstehen darf.
Susanne Hörth
Wenn Lukas Weiss über das Schreinerhandwerk spricht, schwingt mehr mit als beruf liche Erfahrung. Da ist die Freude an einem Werkstoff, der lebt. Und da ist der Stolz darauf, junge Menschen ein Stück auf ihrem beruflichen Weg begleiten zu dürfen. 22 Lernende haben in den vergangenen 25 Jahren bei der Schreinerei Weiss in Sulz ihre Ausbildung absolviert. Für Lukas und seinen Bruder René Weiss ist das weit mehr als eine Zahl: Es ist Ausdruck einer Haltung, die das Familienunternehmen seit Generationen prägt.
Lukas und René Weiss sind mit der Schreinerei aufgewachsen. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret: mitten im elterlichen Betrieb in Mittelsulz, zwischen Holz, Maschinen, Plänen, Gesprächen und dem täglichen Tun. Dass beide Brüder eines Tages ihren Weg in oder nahe an diesem Handwerk finden würden, war dennoch nie selbstverständlich. «Von uns wurde nie erwartet, dass wir diese Berufsrichtung einschlagen müssen», betonen sie. Gerade dieser fehlende Druck scheint rückblickend wesentlich gewesen zu sein. Er liess Raum für eigene Entscheidungen – und für echte Leidenschaft.
Während Lukas Weiss das Schreinerhandwerk in seinen vielen Facetten vertiefte und sich fachlich weiterbildete, fand René Weiss seinen Zugang über das Planen und Gestalten. «Mir wurde stets nachgesagt, dass ich zwei linke Hände für diesen Handwerksberuf habe», sagt er schmunzelnd. Seine Stärke liegt im Zeichnen, im räumlichen Denken, im Gespür dafür, wie Räume wirken und wie sie sich verändern lassen. So liess er sich zum Innenarchitekten ausbilden. Heute verantwortet Lukas Weiss die Schreinerei, René Weiss führt den Bereich «raumkonzept».
Das Unternehmen
Die Wurzeln des Unternehmens reichen weit zurück. 1886 gründete Gottlieb Weiss in Mittelsulz die Schreinerei Weiss. Von seinen sechs Söhnen erlernten vier ebenfalls das Schreinerhandwerk; später übernahmen Gottlieb und Otto Weiss den elterlichen Betrieb. Otto Weiss war der Grossvater der heutigen Eigentümer. Über Jahrzehnte hinweg wuchs die Schreinerei mit der Nachfrage, mit technischen Neuerungen und mit Menschen, die das Handwerk weitertrugen. 1969 übernahmen Emil und Hedi Weiss die Leitung in dritter Generation. 1986 kam an der Hauptstrasse 82a ein Küchenstudio dazu – jener Ort, an dem sich heute das von René Weiss geführte Planungs- und Bauleitungsbüro «raumkonzept» befindet.
Als Lukas und René Weiss den Betrieb 2001 gemeinsam übernahmen und daraus eine GmbH bildeten, geschah dies nicht aus Pf lichtgefühl, sondern nach reiflicher Überlegung. Auch hier spielte Vertrauen eine entscheidende Rolle. Ihre Eltern gaben das Ruder weiter – und liessen los. «Sie redeten uns in nichts drein», sagen die Brüder dankbar. Für sie war die lange Firmengeschichte deshalb nie ein starres Erbe, das man einfach verwaltet. Vielmehr ist sie ein Fundament, auf dem weitergebaut werden darf und muss.
Diese Freude am Weiterbauen zeigt sich im Alltag. Unter anderem beim nachhaltigen Werkstoff Holz. Daraus entsteht nicht einfach ein Möbelstück, eine Küche oder ein Innenausbau. Es entsteht etwas, das Menschen begleitet, das Bestand hat und im besten Fall selbst Teil neuer Geschichten wird. So könne ein hölzerner Küchentisch zum Mittelpunkt eines Hauses werden; ein sorgfältig geplanter Raum könne aus vier Wänden einen Wohlfühlort machen. Genau darin liege für die Brüder der Wert ihres Tuns: im Handwerk, das sichtbar ist, und im Gefühl, das es hinterlässt.
Genauso wichtig sei ihnen die Verankerung in der Region. Man kenne sich, begegne sich in Vereinen, arbeite auf Vertrauen hin und schaffe Mehrwert für Menschen, die nicht nur Kundinnen und Kunden, sondern oft Bekannte oder Teil derselben Gemeinschaft seien. Diese Nähe verpflichte.
Dass mittlerweile auch zwei Söhne von Lukas Weiss in der Holzbranche tätig sind, freut die Familie. Ob einer von ihnen den Betrieb eines Tages weiterführen wird, bleibt offen. Und genau das soll es auch bleiben. Lukas und René Weiss wollen es so halten, wie es ihre Eltern getan haben: ohne Druck. Wenn die nächste Generation sich für das Handwerk entscheidet, dann aus eigener Überzeugung.

