Gülle im Bach: Schon in der Woche davor kam es zu einem Vorfall
17.03.2026 WegenstettenDem Fischsterben in Wegenstetten ging ein halbwegs glimpflich verlaufenes Ereignis voraus
Tage vor der Havarie mit mehreren hundert toten Bachforellen in Wegenstetten gelangte im Gemeindegebiet bereits Gülle in einen der Seitenbäche.
Ronny Wittenwiler
...Dem Fischsterben in Wegenstetten ging ein halbwegs glimpflich verlaufenes Ereignis voraus
Tage vor der Havarie mit mehreren hundert toten Bachforellen in Wegenstetten gelangte im Gemeindegebiet bereits Gülle in einen der Seitenbäche.
Ronny Wittenwiler
«Robert Knecht ist auf dem Weg nach Wegenstetten. Er war ja schon vor einer Woche vor Ort …» Aus einer E-Mail, die der NFZ vorliegt, geht hervor, dass kurz vor dem massiven Fischsterben im Möhlinbach bei Wegenstetten bereits ein Schadensereignis stattgefunden hatte.
Trockenlegung
Schon am 3. März sei Gülle in einen Seitenarm geflossen, bestätigt der kantonale Gebietsaufseher Robert Knecht von der Sektion Fischerei. Damals sei man noch mit einem blauen Auge davongekommen. Rolf Bürgi, Pächter des Möhlinbachs, war, nachdem ihn die Polizei informiert hatte, an jenem Tag ebenfalls vor Ort. «Die Feuerwehr richtete eine Sperre ein und pumpte Gülle aus dem Bächlein.» Es handelt sich um den Lampetbach aus dem Einzugsgebiet Richtung Schupfart. Mit der Sperre auf Höhe Strassenkreisel verhinderte die Feuerwehr, dass das kontaminierte Wasser weiter unten in den Möhlinbach gelangen und weiteren Schaden anrichten konnte. Zu einem Fischsterben kam es nicht. «In diesem kleinen Zuf luss hat es keine Fische», sagt Bürgi. Mit dem notwendig gewordenen Trockenlegen des Bächleins seien auf diesem Abschnitt allerdings die Kleinstlebewesen verendet.
Keine Auskunft
Kam man bei diesem Vorfall mit austretender Gülle ins Gewässer noch glimpf lich davon, ist der Schaden nur sechs Tage später am 9. März ungleich höher. Die Havarie auf einem anderen Landwirtschaftsbetrieb spülte eine grosse Menge Gülle über die Drainageleitungen zuerst in den Gheibach und anschliessend in den Möhlinbach. Das Ereignis liess auf einer Strecke von rund einem Kilometer, von Wegenstetten bis hinunter eingangs Hellikon, den gesamten Fischbestand und sämtliche Kleintiere verenden. Pächter Bürgi sprach von einem Totalschaden, mindestens 650 Bachforellen tot, der kantonale Gebietsaufseher der Sektion Fischerei bestätigte diesen Eindruck bei einer Begehung: «Da ist alles tot, dort hat kein Fisch überlebt.» Bürgi sagt, ihm habe der Landwirt nach dem Ereignis mitgeteilt, dass ein Schieber nicht ordnungsgemäss geschlossen gewesen sei. «Bezüglich Vorschriften ist für mich unerklärlich, weshalb für ein Betonsilo mit Gülle direkt neben einer Wiese kein Auffangbecken vorhanden ist.» Dieser Umstand lässt sich auf Anfrage vor Ort weder bestätigen noch widerlegen. Es sei ein Unfall gewesen, sagt der Landwirt am Telefon lediglich; verärgert über die Kontaktaufnahme, verbittet er sich jegliche weitere Fragen. Dann ist das Gespräch beendet.
Von Fischen, Wölfen und Schafen
Und über den Umgang mit schlechten Nachrichten – ein Kommentar
Ronny Wittenwiler
Gülle im Möhlinbach lässt hunderte von Forellen in Wegenstetten verenden. Natürlich war es ein Unfall. Und trotzdem.
Papperlapapp, das reicht jetzt. Niemand wolle auch nur noch eine Zeile darüber lesen. Ein Unfall sei es gewesen, heisst es gerade noch. Und schon wird das «Gespräch» am Telefon für beendet erklärt.
Dass Gülle über Drainageleitungen ungehindert in den Bach fliesst und dort ein massives Fischsterben verursacht – natürlich ist das ein Unfall. Ein Unfall, den niemand gewollt haben kann. Schon gar nicht der Verursacher selbst. Insofern ist die unwirsche Reaktion in gewissem Masse ein nachvollziehbarer Reflex: Der Überbringer schlechter Nachrichten wird geköpft – es ist die klassische Abwehrhaltung.
Nur löst das nicht ein einziges Problem und schon gar nicht jenes im vorliegenden Fall, dem doch eine simple Frage zugrunde läge: Weshalb kann ein Ereignis, das so nicht passieren darf, eben doch passieren? Um diese Frage zu beantworten, braucht es genaues Hinschauen bezüglich getroffener und – das ist mehr als eine Nuance – eben gerade nicht getroffener Sicherheitsvorkehrungen.
In erster Linie wird das die Aufgabe zuständiger Behörden und Ämter sein. Deswegen aber zu suggerieren, es bestünde zuhanden der breiten Öffentlichkeit kein Informationsbedarf, wird der Sache nicht gerecht. Erst recht nicht, wenn es auf Gemeindegebiet Wegenstetten – wie nun bekanntgeworden – bereits in der Vorwoche von einem anderen Standort zu einem Vorfall kam, bei dem genauso Gülle einen Seitenbach verschmutzt hatte. Es geht im Konkreten zweimal um Kleintiere, um Fische, und – wem das nicht genügt – im weiteren Sinn eben auch zweimal um einen Lebensraum, den sich Menschen gemeinsam teilen und ihn weiterhin als intakt wünschen.
Es sei an dieser Stelle nochmals erwähnt: Unverzüglich hat der Verursacher die Behörden über den Vorfall informiert. Nicht nur deshalb wäre der kollektive Zeigefinger auf einen einzelnen genauso unangebracht wie jener kollektive Zeigefinger gleich auf einen gesamten Berufsstand. Wie heisst es so schön:
Gut, gibt’s die Schweizer Bauern. Doch zwei Vorfälle mit Gülle im Gewässer, innerhalb von sechs Tagen in derselben Gemeinde, das ist nicht einfach ein bisschen Papperlapapp, sondern der Rede wert und gehört an die Oberfläche.
Da kann man das Überbringen schlechter Nachrichten mit hunderten von toten Fischen nicht einfach einstellen. Macht man ja auch nicht, wenn ein Wolf irgendwo wieder mal ein Schaf reisst ...



