Der Nachbarsjunge steht ausser Atem vor unserer Haustür. In der Rabatte vor ihrem Haus hätten sie einen weissen Vogel gefunden, sagt er, und ob wir vielleicht wüssten, was zu tun sei.
Susanne Hörth
Der Nachbarsjunge steht ausser Atem vor unserer ...
Der Nachbarsjunge steht ausser Atem vor unserer Haustür. In der Rabatte vor ihrem Haus hätten sie einen weissen Vogel gefunden, sagt er, und ob wir vielleicht wüssten, was zu tun sei.
Susanne Hörth
Der Nachbarsjunge steht ausser Atem vor unserer Haustür. In der Rabatte vor ihrem Haus hätten sie einen weissen Vogel gefunden, sagt er, und ob wir vielleicht wüssten, was zu tun sei. Kurz darauf kommt sein Grossvater hinzu. In gebrochenem Deutsch meint er, es könne ja sein, dass der Vogel uns gehöre — wir hätten doch schon einige Tiere.
Aber nein. Die weisse, unberingte Taube, die nun etwas zerrupft in einer grossen Gartentasche bei unseren Nachbarn sitzt, gehört nicht zu uns. Sie ist erschöpft, die Flügel tragen sie nur noch zum Flattern, nicht mehr zum Fliegen. Hunger und Durst hat sie auch.
Wahrscheinlich eine Hochzeitstaube, vermute ich. Was für das Hochzeitspaar ein schönes Symbol sein soll, endet für viele dieser weissen Tauben tragisch. Anders als trainierte Brieftauben finden sie den Heimatschlag nicht wieder. Sie kreisen über fremden Orten, bis sie irgendwann entkräftet landen — so wie diese hier.
Das Schöne an diesem Tag ist der Wille der ganzen Nachbarsfamilie, alles zu tun, um dem Tier zu helfen. Nach zahlreichen Telefonaten finden wir schliesslich zusammen den richtigen Kontakt: eine Auffangstation in Möhlin. Auch dort vermutet man sofort eine Hochzeitstaube. Die Nachbarn bringen sie hin, und von dort wird sie an einen sicheren Ort weitervermittelt.
Was mich an dieser Geschichte freut, ist das spontane Miteinander, das gemeinsame Handeln, um einem Tier in Not beizustehen.
Machs gut, kleine weisse Taube.