«Geht die Post ab, gibt es nichts anderes, als dabeizubleiben»
15.08.2026 Möhlin42,195 Kilometer: Matthias Kyburz ist bereit für Birmingham
Der Möhliner läuft am Sonntag an den Leichtathletik-Europameisterschaften den sechsten Marathon seiner Karriere. Was liegt drin?
Ronny Wittenwiler
NFZ: Matthias Kyburz, Sie haben an einem 16. August ...
42,195 Kilometer: Matthias Kyburz ist bereit für Birmingham
Der Möhliner läuft am Sonntag an den Leichtathletik-Europameisterschaften den sechsten Marathon seiner Karriere. Was liegt drin?
Ronny Wittenwiler
NFZ: Matthias Kyburz, Sie haben an einem 16. August schon mal ein Rennen gewonnen.
Matthias Kyburz: Haben Sie im Archiv gegraben?
Es ist aber wirklich so.
(Überlegt). War der Zeininger Halbmarathon 2025 am 16. August?
Richtig.
Ich habe Reto Kuoni (OK-Präsident, die Redaktion) gesagt, dass ich dieses Jahr leider verzichten muss, da die Europameisterschaft eine leicht höhere Priorität hat. Er hat das verstanden. (lacht)
Dann also Birmingham: Stimmt Ihre Form?
Ich hoffe es schwer. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen der Leichtathletik gibt es im Sommer keine Marathon-Läufe. Ich habe also keine Wettkämpfe bestritten. Doch das Training die letzten zwei, drei Monate verlief gut, ohne Verletzungssorgen, ohne Krankheiten. Ich konnte umsetzen, was ich vorhatte, und gehe guten Mutes an die Startlinie.
Was muss geschehen, damit Sie am Sonntag nach über 42 Kilometern sagen: Das war richtig gut!
Die Strecke ist ein Rundkurs von fünf Kilometern mit rund achtzig Metern Steigung, den wir acht Mal absolvieren. Es ist ein eher hügeliger Marathon, es geht rauf und runter. Spezialisten rümpfen vielleicht die Nase. Ich finde es eher cool …
… Sie als ehemaliger Orientierungsläufer!
Das will ich ausspielen können. Ich will einen guten Rhythmus finden und einen Rennverlauf gestalten, der mir das Gefühl gibt, auch gegen Schluss noch genug Punch über diese Hügel zu haben. Was das rangmässig bedeutet, ist schwierig zu sagen. Ich bin die Nummer zwölf auf der Setzliste (Will heissen: Seit Beginn der Qualifikationsperiode für die EM vor eineinhalb Jahren ist Kyburz mit seiner Bestzeit der Zwölftschnellste am Start in Birmingham; die Redaktion). Von dem her sind die Top Zehn das Ziel, doch würde ich nicht sofort dafür unterschreiben. Je nach Rennverlauf ist noch mehr möglich. Oder je nach dem kann ich auch als Fünfzehnter sagen: Heute habe ich das Maximum herausgeholt. Es ist eine Europameisterschaft, die Besten stehen am Start.
«Im Zweifelsfall will ich die offensive Variante nehmen.» Das sagten Sie vor dem New-York-Marathon im November 2025 und siehe da: Rang fünf hinter drei Kenianern und einem Briten …
… Am Schluss waren es noch zwei Kenianer. Der eine war gedopt – mittlerweile bin ich Vierter geworden.
Im Ernst? Das wusste ich nicht. Gratuliere!
Danke (lacht).
Was ich fragen wollte: Ist der offensive Kyburz besser als der defensive?
Wer im Fernsehen Marathon verfolgt, denkt vielleicht manchmal: Was hat sich der nur dabei gedacht, als er angegriffen hat? Oder umgekehrt: Jetzt hat er den Moment komplett verschlafen. Offensiv gelaufen bin ich also, wenn ich den Moment erwischt habe. Habe ich ihn nicht erwischt und bin zu früh gegangen, dann war das nicht offensiv, sondern einfach fahrlässig. Es ist ein schmaler Grat. In meiner aktuellen Verfassung ist der Plan aber schon so, dass ich mich nicht einfach hinten im Feld auf halten will. «Offensiv sein» bedeutet dann für mich: ein aktives Rennen machen, nichts verpassen. Geht ab Kilometer dreissig die Post ab, gibt es nichts anderes, als versuchen dabeizubleiben.
Sie sind bereit, ein gewisses Risiko einzugehen?
In solchen Momenten wird es so sein. Aufgrund der Steigung wird es sowieso keine Zeit werden, die ich für meine weitere Karriere vorweisen könnte. Es geht nur um den Rang. Abwarten und daran zu denken, mit einer guten Zeit ins Ziel zu kommen, interessiert niemanden an einer EM.
Apropos Zeit: Wann gehen Sie am Samstag ins Bett?
Das wird nicht besonders speziell sein. So gegen 21.30 Uhr. Die letzte Nacht ist nicht mehr die entscheidendste.
Tatsächlich?
Je nach Nervosität schläft man nicht ganz so gut. Das ist aber halb so wild, da der Wettkampf bereits am Morgen ist. Wichtiger ist die Erholung in den Nächten davor.
Und dann geht es los. «Kyburz gewinnt EM-Medaille» – ganz so unmöglich ist das nicht, oder?
Würden Sie meinen Coach Viktor Röthlin anrufen, würde er sagen: Das ist genau die richtige Aussage! Er spricht stets davon, dass eine EM-Medaille in diesem Jahr möglich ist. Es muss aber wirklich extrem viel passen. Es kann auch sein, du läufst als Siebzehnter über die Linie und denkst: Was ist heute passiert? Aber: Am New-York-Marathon etwa habe ich gezeigt, dass ich in einem taktischen Rennen top laufen kann. Das gibt Selbstvertrauen. Eine EM-Medaille wäre für mich trotzdem eine kleine Sensation – obschon ich weiss: Es ist ein Tag, ein Rennen, und vieles ist möglich.
Sie wissen ja: Der 16. August ist ein guter Tag für Matthias Kyburz.
Es scheint so (lacht).
Und dann haut sie einen raus
Matthias Kyburz reiste gestern Donnerstag nach Birmingham. Dieses Gespräch fand am Mittwochabend statt und ganz beiläufig fragten wir, wie schnell Kyburz, der Langstreckenläufer, denn eigentlich über zweihundert Meter sei. «Also Fabienne würde ich nicht mehr schlagen, wenn Sie darauf hinauswollen», sagt er und lacht.
Rund drei Stunden später, an diesem Mittwochabend: Haut eine sensationelle Fabienne Hoenke in Birmingham ihre nächste persönliche Bestzeit raus (22,46 Sekunden) und katapultiert sich als Zweitschnellste ihres Halbfinal-Heats in den 200-Meter-Final. Dort lief die 22-jährige Möhlinerin gestern Donnerstag (nach Redaktionsschluss) um die Medaillen. Und Kyburz, der nächste Möhliner für Birmingham, startet am Sonntag um 8.10 Uhr (9.10 Uhr Schweizer Zeit) seine EM-Mission. Über kurz oder lang: Das Fricktal ist manchmal nicht zu bremsen.
(rw)

