Freiwilligenarbeit zwischen zwei Welten

  25.01.2026 Fokus

Wie ukrainisches Engagement auf die Tradition der unbezahlten Schweizer Milizarbeit trifft

Serhii Dolhozhyv

Die erste Begegnung vieler ukrainischer Gef lüchteter mit der Schweiz – dem Land direkter Demokratie und zivilgesellschaftlicher Teilhabe – kann überraschend und zunächst irritierend sein. Diese Irritation wurzelt nicht nur in der Sprache oder in administrativen Herausforderungen, sondern vor allem in der kulturellen Prägung des politischen und sozialen Miteinanders, da in der Schweiz wie in der Ukraine fundamentale Unterschiede bestehen. In der Ukraine, insbesondere seit den grossen gesellschaftlichen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte und der massiven Mobilisierung im Krieg, hat sich ein Bild von ziviler Eigenverantwortung und Engagement entwickelt, das intensiv, emotional und oft unter existenziellem Druck statt findet. Freiwillige organisieren sich schnell, sie sammeln Hilfsgüter, begleiten Verwundete, koordinieren Unterkünfte, helfen Familien in Not – und das alles im Angesicht einer permanenten Bedrohung der Nation und der eigenen Lebensgrundlage. Diese Art von Engagement ist eingebettet in die Erfahrung von Ernstfall, Krise und aktiver Gefährdung: es ist nicht «Extra», sondern Überlebensarbeit, integral mit dem Schutz der Gemeinschaft verbunden.

Wenn nun Menschen aus diesem Umfeld nach der Ukraine-Flucht in die Schweiz kommen, erleben sie gesellschaftliche Strukturen, in denen freiwilliges und unbezahltes Engagement ebenfalls einen hohen Stellenwert besitzt, aber in ganz anderem kulturellen Kontext: im «Milizprinzip» der Schweizer Demokratie. Dieses Prinzip bedeutet, dass viele politische und öffentliche Funktionen nicht Berufspolitikern vorbehalten sind, sondern von Bürgerinnen und Bürgern «nebenbei» übernommen werden – meist ohne professionelle Entlohnung, oft neben einer regulären Erwerbstätigkeit. Dadurch soll die Distanz zwischen staatlicher Gewalt und gesellschaftlichem Alltag möglichst klein gehalten werden, quasi die Politik Teil des normalen Lebens werden.

Auf den ersten Blick klingt das ähnlich wie das Engagement vieler Ukrainerinnen und Ukrainer: beide setzen Zeit, Energie und persönliche Ressourcen für das Gemeinwohl ein. Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich tiefgreifende Unterschiede: In der Schweiz ist freiwilliges Engagement ein stabiler, historisch gewachsener Teil der demokratischen Kultur und des Alltags. Es ist ein Ausdruck von Zugehörigkeit, von sozialer Verantwortung und gegenseitigem Vertrauen – und nicht primär Reaktion auf Katastrophen oder Kriegszustände. Das Schweizer Modell geht zurück auf eine lange Tradition bürgerlicher Partizipation, die darauf abzielt, politische Teilhabe breit zu verankern und Macht nicht in den Händen einer Berufselite zu konzentrieren.

Freiwilliges Engagement gehört zur politischen Teilhabe
Für viele ukrainische Gef lüchtete jedoch wirkt dieses System zuerst abstrakt und schwer zugänglich. Sie haben gelernt, dass Engagement vor allem dann sichtbar und notwendig wird, wenn das «System» versagt oder unter Druck steht. In der Schweiz hingegen erwarten Institutionen und Gesellschaft, dass freiwillige Beiträge zur normalen politischen Teilhabe dazugehören – auch wenn dies bedeutet, Verpflichtungen ohne nennenswerte f inanzielle Anerkennung zu übernehmen. Für Menschen, die aus der Krise herauskommen, die ihre Existenz neu stabilisieren müssen und oft unter traumatischen Erfahrungen leiden, kann das Gefühl entstehen: «Hier versteht niemand, wie wir genutzt werden sollen und was wir geben können.» Sie erleben eine Spannung zwischen dem inneren Impuls, aktiv «etwas zu tun», und dem schweizerischen Alltag, in dem Engagement mehr subtil, strukturiert und in langfristige Prozesse eingebettet wird.

Hinzu kommt, dass die Motivation für Engagement in der Ukraine oft von unmittelbarer Dringlichkeit geprägt ist: Man reagiert auf Leid, bedrohte Leben, zerstörte Häuser, eine Nation im Kampf. In der Schweiz dagegen ist freiwilliges Engagement nicht primär Notfall- oder Krisenarbeit, sondern Teil einer kontinuierlichen, demokratischen Selbstverwaltung. Man beteiligt sich an Schulbildung, Kultur, Infrastruktur oder lokalen Netzwerken; man hilft, Entscheidungen zu treffen, bevor sie zu Problemen werden. Diese Verschiebung – von reaktiv zu präventiv, von existenziell zu strukturiert – kann bei Geflüchteten Verunsicherung oder Frustration hervorrufen.
Zudem existieren strukturelle Barrieren: Zeit, Ressourcen, soziale Netzwerke und Know-how über die Funktionsweise der lokalen demokratischen Institutionen. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer kämpfen mit Spracherwerb, mit dem Aufbau einer neuen Existenz, mit dem Zugang zum Arbeitsmarkt und dem familiären Alltag. Sich zusätzlich in Strukturen einzubringen, deren Logik und Wertschätzung sich erst erschlossen werden müssen, ist keine leichte Aufgabe. Die Folge kann ein Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit oder Unverständnis gegenüber dem schweizerischen Prinzip der «Milizarbeit» sein – und die Frage: «Warum soll ich mich engagieren, wenn mir niemand wirklich erklärt, wie das funktionieren soll, und ich dafür nicht entlohnt werde?»

Eine Chance
Doch in dieser Spannung liegt auch eine Chance. Die Werte des ukrainischen freiwilligen Engagements – Solidarität, Hilfsbereitschaft, Einsatzbereitschaft – können eine Bereicherung für die schweizerische Gesellschaft sein, wenn sie in den lokalen Kontext übersetzt werden. Wenn Geflüchtete partnerschaftlich in Vereine, Nachbarschaftsgruppen oder lokale Initiativen eingebunden werden, entsteht ein Austausch: Schweizerinnen und Schweizer können von der Energie und Kreativität der ukrainischen Community lernen, während Geflüchtete die Mechanismen demokratischer Teilhabe und gesellschaftlicher Verantwortung in der Schweiz verstehen und mitgestalten.

Ein solcher Austausch stärkt nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern erweitert das Verständnis von Engagement selbst. Er zeigt: Freiwilliges Engagement ist nicht nur eine Form der Hilfe in der Krise, sondern ein dauerhaftes Element gesellschaftlicher Teilhabe, das verbindet – über kulturelle Grenzen hinweg. Wenn es gelingt, diese Brücken zu bauen, wird aus anfänglicher Frustration ein Prozess der gegenseitigen Bereicherung und echten Integration.


Serhii Dolhozhyv, 67, Ukrainer, seit Anfang 2023 wohnhaft in Maisprach und in Rheinfelden engagiert. Ehemaliger Ingenieur, später Gründer und über 20 Jahre Lehrer einer eigenen Waldorfschule in der Ukraine. Seit über 30 Jahren beschäftige er sich mit Geschichte, Psychologie, kritischem Denken und Propaganda-Resistenz.


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