Für das Tageszentrum im Fricktal wird eine Lösung gesucht
03.11.2026 BrennpunktDie Psychiatrischen Dienste Aargau krebsen zurück
Nach Kritik von Direktbetroffenen gehen die Psychiatrischen Dienste Aargau nochmals über die Bücher. Für das Fricktaler Tageszentrum für Menschen mit langandauernden psychischen Erkrankungen in Rheinfelden wird nun eine Lösung ...
Die Psychiatrischen Dienste Aargau krebsen zurück
Nach Kritik von Direktbetroffenen gehen die Psychiatrischen Dienste Aargau nochmals über die Bücher. Für das Fricktaler Tageszentrum für Menschen mit langandauernden psychischen Erkrankungen in Rheinfelden wird nun eine Lösung gesucht. Konkret ist aber noch nichts.
Valentin Zumsteg
Der Aufschrei war gross – und er wurde offenbar auch beim Kanton und den Psychiatrischen Diensten Aargau (PDAG) gehört. Wie die NFZ am 22. Oktober meldete, planen die PDAG eine Neuausrichtung ihres Standorts im Rheinfelder Salmenpark. Wegen der gestiegenen Nachfrage soll dort das Angebot für Erwachsene mit ADHS und Autismus ausgebaut werden. Gleichzeitig würden dadurch Menschen mit langandauernden psychischen Erkrankungen ihr Tageszentrum und damit eine wichtige Anlaufstelle per 12. Dezember verlieren. Dies erfuhren die Betroffenen erst kürzlich, die Nachricht kam für sie aus heiterem Himmel. Für viele von ihnen würde damit eine Welt zusammenbrechen, denn das bisherige Angebot in Rheinfelden bot ihnen einen unverzichtbaren Rückhalt im Alltag. «Wir sind alle am Boden zerstört», sagte eine Fricktalerin, die das Tageszentrum seit langem besucht, gegenüber der NFZ.
«Bedeutung unterschätzt»
Der Zeitungsartikel hat Wellen geworfen, auch auf politischer Ebene. Die Grossrätinnen Claudia Rohrer und Carole Binder-Meury wurden aktiv, ebenso die Stadt Rheinfelden. Jetzt kommen die Psychiatrischen Dienste Aargau auf ihren Entscheid zurück: «Die Rückmeldungen von Betroffenen und aus der Region haben deutlich gemacht, wie wichtig ein wohnortnahes tagespsychiatrisches Angebot im Fricktal ist. Die PDAG nehmen diese Rückmeldungen ernst und beurteilen die Situation nun nochmals neu», heisst es in einer Medienmitteilung. «Wir haben bei unserem ursprünglichen Entscheid die Bedeutung einer wohnortnahen tagespsychiatrischen Versorgung für das Fricktal unterschätzt», wird Beat Schläf li, CEO der PDAG, in der Mitteilung zitiert. «Aus diesem Grund sind wir mit den Verantwortlichen der Stadt Rheinfelden, dem Departement Bildung, Kultur und Sport sowie dem Departement Gesundheit und Soziales im Gespräch und prüfen zurzeit verschiedene Optionen. Unser Ziel ist es, das dringend benötigte Kompetenzzentrum für ADHS und Autismus aufzubauen und gleichzeitig eine tragfähige Lösung für die allgemeinpsychiatrische tagesstationäre Versorgung im Fricktal zu finden.» Wie diese Lösung konkret aussehen könnte, ist noch offen. Auf Nachfrage teilen die PDAG mit, dass verschiedene Standorte in Rheinfelden sowie im übrigen Fricktal geprüft würden. Für die betroffenen Patientinnen und Patienten werde zudem individuell geschaut, welche Anschlusslösung für ihre Behandlungssituation geeignet sei.
«Es darf keine Versorgungslücke entstehen»
Bei den Direktbetroffenen sorgt die Ankündigung der PDAG für ein bisschen Zuversicht: «Nun hoffen wir alle, dass schlussendlich auch konkrete Taten folgen und etwas Greifbares erarbeitet wird», sagt ein Mann, der das Tageszentrum regelmässig besucht. Ein anderer Patient meint: «Es darf keine Versorgungslücke entstehen. Die betroffenen Menschen brauchen nicht irgendwann eine Lösung, sondern rechtzeitig eine konkrete, erreichbare und individuell passende Unterstützung. Was über viele Jahre aufgebaut wurde, darf nicht einfach verschwinden, ohne dass ein gleichwertiger Ersatz vorhanden ist.»
ADHS und Autismus im Erwachsenenalter
ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen werden nicht immer bereits im Kindes- oder Jugendalter erkannt. Eine fundierte Diagnostik ist deshalb auch im Erwachsenenalter von grosser Bedeutung, wie die Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in einer Medienmitteilung schreiben. Ebenso wichtig sind passende therapeutische Angebote nach gestellter Diagnose. Am Standort Rheinfelden bieten die PDAG bereits heute spezialisierte ADHS- und Autismus-Abklärungen für Erwachsene an. Ab Januar 2027 sind zudem Psychoedukation und Behandlungen im Einzel- und Gruppensetting geplant.
«Wir sehen einen sehr grossen Bedarf bei der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus im Erwachsenenalter. Die langen Wartezeiten von bis zu anderthalb Jahren zeigen uns deutlich, dass wir hier zusätzliche Versorgungskapazitäten schaffen müssen», wird Prof. Dr. Marc Walter, Klinikdirektor und Chefarzt der Klinik für Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie der PDAG, in der Medienmitteilung zitiert. «Mit dem Ausbau in Rheinfelden wollen wir über die Diagnostik hinaus verstärkt therapeutische Angebote anbieten und unsere Patientinnen und Patienten umfassend begleiten. Eine Diagnose bringt den Betroffenen nur dann etwas, wenn wir gleichzeitig auch entsprechende Behandlungsangebote machen können.» (mgt)
«Das Thema bewegt die Menschen»
Die Rheinfelder Stadtpräsidentin und Grossrätin Claudia Rohrer äussert sich wie folgt zum Thema Tageszentrum für Menschen mit langandauernden psychischen Erkrankungen: «Das Thema bewegt die Menschen. Ich bin klar der Meinung, dass vulnerable Menschen und ihre Bedürfnisse nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Gleichzeitig haben es niederschwellige Angebote tatsächlich sehr schwer. Die Finanzierung ist herausfordernd, aber es sind die niederschwelligen Angebote, welche verhindern können, dass Kliniken, ambulante Angebote, Schulen und auch die Familiengerichte überlastet werden.» (vzu)

