Leinen war früher in allen Haushalten vertreten, heute kennt man den Herstellungsprozess kaum noch
Bei stahlblauem Himmel, wärmenden Sonnenstrahlen und einer kalten Bise – also typischem Herbstwetter – roch es nach Holzfeuer. In Wil, auf dem Hof 23, wo bäuerliche Traditionen ...
Leinen war früher in allen Haushalten vertreten, heute kennt man den Herstellungsprozess kaum noch
Bei stahlblauem Himmel, wärmenden Sonnenstrahlen und einer kalten Bise – also typischem Herbstwetter – roch es nach Holzfeuer. In Wil, auf dem Hof 23, wo bäuerliche Traditionen gepflegt werden, war zur «Brechete», zum Flachsbrechen, eingeladen worden.
Petra Schumacher
Auf dem Hof 23 im Mettauertaler Ortsteil Wil kümmert man sich mit viel Herzblut um ein fast vergessenes Kapitel der Schweizer Kultur: den Flachsanbau. Es ist die zweite Saison für Jennifer Lütold, die mit weiteren Engagierten altes Werkzeug besorgt hat und sich in Bauernmuseen, wie auf dem Ballenberg, immer wieder informiert. Jetzt im Herbst stand der letzte Arbeitszyklus vor dem Spinnen an.
Bei der «Brechete» werden die wertvollen Bastfasern mechanisch aus den Stängeln der Flachspflanze gelöst, um daraus Leinenfäden zu gewinnen. Vor dem Brechen muss der Flachs absolut trocken sein. Er wird über offenem Feuer, auf Rosten hitzegetrocknet, wodurch die holzigen Teile extrem spröde und leicht brechbar werden. «Wir brauchen eine gewisse Hitze, aber keine Flammen und auch keinen Wind, der das Feuer entfacht, denn der kleinste Funken reicht und das Bündel Flachs brennt lichterloh», erklärt Carmen Brugger, die zu den Mitstreiterinnen gehört. «Es ist wie bei allen Dingen: Man braucht das theoretische Wissen und dazu die praktische Erfahrungen. Nicht alles läuft am Anfang rund.»
Brechen, Schwingen und Hecheln
Die getrockneten Flachsstängel werden dann bündelweise in einen Brechbock gelegt. Dieses hölzerne Werkzeug mit Hebel und Rillen erinnert an einen Holzspalter. Durch das Herabdrücken des Hebels wird der spröde, holzige Innenteil der Stängel in kleine Stücke, sogenannte Schäben, zerbrochen. «Die Schäben sind minderwertiges Material und können als Einstreu oder zum Räuchern von Speck verwendet werden. «Daraus hat sich der Spruch «das ist schäbig» entwickelt», erklärt Jennifer Lütold. Die eigentlichen Flachsfasern sind sehr robust. Sie reissen bei diesem Vorgang nicht, sondern werden lediglich freigelegt. Das Brechen allein reicht noch nicht aus, um feinen Langflachs zu gewinnen. Im Anschluss folgen zwei weitere Schritte. Auf dem Schwingbock wird das Flachsbündel sanft ausgestrichen, sodass die Schäben mehrheitlich herausfallen. Nach dem Schwingen werden die Fasern durch grobe und feine Nagelbänke, die Hechel, gezogen. Dies ordnet die Fasern parallel und trennt das kurze, grobe «Werg» von den langen, feinen Flachsbüschel.
Spinnen
Wenn die Flachsbüschel lose gelagert werden, verknoten sie extrem schnell. Einmal verheddert, lassen sie sich kaum noch ordentlich verspinnen. Deshalb werden die gereinigten Flachsfasern vor dem Spinnen zu handlichen Flachszöpfen, den sogenannten «Babeli», zusammengedreht und gesichert. «Mit den Flachszöpfen endet die Flachs-Saison. Früher trafen sich die Frauen dann im Winter mit ihren Spinnrädern abwechselnd in den Wohnstuben, ratschten, sangen und hatten neben der Arbeit ihren Austausch», so Jennifer Lütold. «Diese Tradition wollen wir fortführen.»