«Es geht um das Loslassen»
08.02.2026 FricktalJacqueline Zesiger, wohnhaft in Obermumpf, berät Menschen rund um die Themen Wohnen und Leben im Alter. Heute startet ihre Ratgeberserie in dieser Zeitung (siehe Seite 17). fricktal.info hat Jacqueline Zesiger zum Interview über ihre Person sowie ihre berufliche Tätigkeit getroffen ...
Jacqueline Zesiger, wohnhaft in Obermumpf, berät Menschen rund um die Themen Wohnen und Leben im Alter. Heute startet ihre Ratgeberserie in dieser Zeitung (siehe Seite 17). fricktal.info hat Jacqueline Zesiger zum Interview über ihre Person sowie ihre berufliche Tätigkeit getroffen und unter anderem erfahren, wieso die Schweiz aus ihrer Sicht eine vorbildliche Rolle im Bereich Alterspolitik einnimmt.
Lilia Staiger
fricktal.info: Frau Zesiger, vor 12 Jahren gründeten Sie ihr Unternehmen, die Sanavite GmbH, Gesamtheitliche Beratung Palliative Care & Wohnen und Leben im Alter, bei dem der Fokus auf Beratung von Privatpersonen liegt. Was hat Sie dazu bewegt?
Jacqueline Zesiger: Mit 49 Jahren hatte ich als Unternehmerin meinen beruflichen Zenit erreicht; ich stand also vor der Entscheidung, meine damalige Unternehmensberatungsfirma zu erweitern oder etwas völlig anderes zu machen. Auf alle Fälle wollte ich weiterhin als Beraterin tätig sein. Ich war schon immer wissbegierig und daher offen für einen neuen Wirkungskreis, was alsdann über diverse Ausbildungen im Therapiebereich, Pf legepraktikum in der Palliativstation eines Spitals bis hin in ein neues Studium
– CAS Palliative Care an der Universität Luzern – mündete, und so wechselte ich vom wirtschaftlichen Bereich in den Gesundheitsbereich. In jungen Jahren war ich Mitglied im Samariterverein und bin seit 38 Jahren Mitglied von EXIT – das Interesse für das Gesundheitswesen war immer da. Das selbstbestimmte Leben und Sterben waren und sind für mich immer wichtige Anliegen, und die Beratung von Menschen im hohen Alter bzw. das Thema Alter liegt mir sehr am Herzen.
Gibt es aktuell viele Angebote für den Bereich «Alter»?
Ja, es gibt viele öffentliche und teilöffentliche Organisationen, wie Pro Senectute, Verbände wie Curaviva oder auch die KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde). Kantone und Gemeinden erarbeiten gute Konzepte im Bereich der Alterspolitik. Häufig arbeiten diese Stellen mit privaten Firmen zusammen. Meine Aufgabe ist es unter anderem, zwischen den einzelnen Organisationen zu vermitteln; Pf legeinstitutionen und Krankenversicherungen gehören ebenfalls dazu. Der Immobilienverkauf oder die Beratung bezüglich altersgerechtem Umbauen übernehme ich selbst, da dies Teil meiner Tätigkeit wurde und das Wohnen etwas sehr Wichtiges ist.
Welche Themen beschäftigen Personen im Alter oder deren Angehörige am meisten?
Ein grosses Thema ist das Wohnen im Alter. Hierbei stehen die Fragen «Wo will ich wohnen?» und «Wie will ich wohnen?» im Vordergrund. Ältere hilfsbedürftige Personen wollen häufig ihre Familie entlasten und suchen deswegen nach neuen Lösungen. Eine Erkrankung oder ein Unfall wie ein Sturz im eigenen Zuhause kann ausserdem dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr nach Hause zurückkehren können. Nach dem Spital geht es dann oftmals zuerst in eine Reha-Klinik und anschliessend in ein Wohn- und Pf legeheim. Ich empfehle meinen Kundinnen und Kunden immer, sich schon frühzeitig um die Altersvorsorge zu kümmern, beispielsweise ein Studio in einem Wohn- und Pflegeheim unter Umständen schon früher zu beziehen als notwendig, um später, wenn es ernst wird, nicht auf der Warteliste stehen zu müssen.
Gibt es Themen im Alter, die Sie persönlich besonders beschäftigen?
Mich beschäftigt seit jeher die Selbstbestimmung. Ich lebe schon immer sehr selbstbestimmt und selbstständig, und ich bin froh, dass wir in der Schweiz die Möglichkeiten haben, auch selbstbestimmt das Leben zu beenden. Ich verstehe jedoch Menschen, die diesen Weg nicht wünschen, sei es aus persönlichen oder aus religiösen bzw. ethischen Gründen. Viel wichtiger sind aber die gesundheitlichen Aspekte. So achte ich sehr auf gute Ernährung, viel Bewegung und lege den Fokus auf erfreuende Dinge, die mich positiv ins Alter begleiten.
Ab heute startet Ihr neuer Ratgeber in fricktal.info, in dem Sie regelmässig einen Artikel zum Thema Alter beitragen werden. Was dürfen die Leser hiervon erwarten?
Die Leserinnen und Leser dürfen insgesamt viele Informationen zu den verschiedenen Themen erwarten, die sie anwenden können. Ausserdem sollen die Leser Denkanstösse erhalten, beispielsweise zu den Themen Vorsorgeauftrag, Patientenverfügung und Sterbehilfe oder dazu, wie sie im Alter leben möchten. Dazu gehören Alltagsprobleme und das Wissen, welche Wohnformen in Frage kommen und wie das Haus oder die Wohnung ideal zu verkaufen ist. Der erste Artikel des Ratgebers handelt vom Vorsorgeauftrag und dessen Tücken (Seite 17).
Was dürfte sich aus Ihrer Sicht in den nächsten 10 bis 15 Jahren im Bereich Leben und Wohnen im Alter in der Schweiz ändern?
Es wird weniger Pflegeplätze geben; dies wurde von Behörden bereits hochgerechnet, und es wurde darüber berichtet. Demenz wird zunehmen, da wir Menschen immer älter werden; das ist die gesellschaftspolitische Erklärung. Aber warum werden wir immer älter – die Frage bleibt offen oder wird meines Erachtens nur zum Teil offen diskutiert. Zum Beispiel sollte man die medizinischen Möglichkeiten genauer betrachten. Altersarmut wird sehr wahrscheinlich ebenfalls ein Thema bleiben; in der Schweiz sind die Kinder, sofern sie ein gewisses Einkommen und Vermögen haben, für ihre Eltern verantwortlich, wenn diese im Alter auf Sozialhilfe angewiesen sind. Nicht selten sorgt dies für Unmut und familiäre Schwierigkeiten.
Was würden Sie sich selbst wünschen?
Mein Wunsch für die Zukunft ist jedenfalls, dass die Alters- und Sterbehilfepolitik in unserem Land bleibt, wie sie aktuell ist. Sie ist meiner Ansicht nach bestens geregelt und ermöglicht uns individuelle Entscheide. Die Schweiz steht in diesem Bereich im internationalen Kontext mit wenigen Ländern, darunter den Niederlanden und Kanada, führend da.
Für welche Lesergruppe ist Ihr Ratgeber besonders interessant?
Er dürfte für alle Lesergruppen interessant sein, denn Altersvorsorge und gesundheitliche Vorausplanung fangen früh an. Viele beschäftigen sich erst kurz vor der Pensionierung oder im Ernstfall mit den betreffenden Themen, aber dann muss oft plötzlich eine Lösung her, was zu Stresssituationen führen kann. Viele stehen kurz vor oder nach der Pensionierung auch vor finanziellen Fragen. Der Materialismus ist in der Schweiz ein grosses Thema; viele wollen an ihren Besitztümern wie dem Eigenheim festhalten, dabei kann eine Immobilie im Alter auch eine Last sein. Daher empfehle ich Personen im Alter häufig, ihr Eigenheim beispielsweise gegen Wohnrecht zu verkaufen. So entsteht Liquidität für Wünsche wie Reisen oder Finanzierung des Haushaltes und Pflege zu Hause. So kann das gewohnte Wohnumfeld beibehalten werden. Viele möchten ihren Kindern aber etwas hinterlassen und scheuen sich, ihr eigenes, verdientes Geld auszugeben. Im Alter geht es häufig um das Loslassen und um Verlust – in sehr verschiedener Hinsicht.
Zur Person
Jacqueline Zesiger ist in Rio de Janeiro geboren und in ZH-Kloten aufgewachsen. Sie wohnte und arbeitete viele Jahre im Ausland, reist fast jedes Jahr nach Südamerika und ist allgemein sehr international ausgerichtet. Sie ist Betriebswirtschafterin (Executive MBA HSG und CAS Palliative Care Universität Luzern) und EMR-zertifiziert (ErfahrungsMedizinisches Register). Jacqueline Zesiger bringt eine über 30-jährige internationale Berufserfahrung aus Behörden, Konzernen und als Unternehmerin mit.

