«Es geht mir um das Gesellschaftliche»
03.05.2026 PersönlichKaspar Lüscher hat mit seinem Romandebüt «Brüderleben» Neuland betreten: Im Zentrum steht die Geschichte zweier ungleicher Brüder, vielmehr ihre Suche nach dem eigenen Platz im Schatten des anderen. In kurzen Kapiteln – «sie reihen sich wie Spots ...
Kaspar Lüscher hat mit seinem Romandebüt «Brüderleben» Neuland betreten: Im Zentrum steht die Geschichte zweier ungleicher Brüder, vielmehr ihre Suche nach dem eigenen Platz im Schatten des anderen. In kurzen Kapiteln – «sie reihen sich wie Spots aneinander», so der Gipf-Oberfricker Autor – wird die Leserschaft auf eine Erzählung mitgenommen, die Ende des Ersten Weltkrieges beginnt und bis in die 1970er-Jahre dauert.
Susanne Hörth
Ein Buch? Ein Roman? Eine Erzählung? Eine Lebensgeschichte? Alles trifft zu – und ist doch irgendwie anders. So wie eben Kaspar Lüscher. Man glaubt, den Gipf-Oberfricker durch seine vielen Auftritte zu kennen, und wird dann doch immer wieder von neuen Facetten überrascht. Er bereitet Geschichten auf, lässt seine Zuhörerschaft an Erzählungen teilhaben, schlüpft gerne in andere Rollen – und hat nun mit «Brüderleben» sein erstes Buch veröffentlicht.
Geschrieben hat der Autor und Schauspieler schon viel. «Aber immer im Auftrag – für eine Bühnenproduktion, für eine Gemeinde, für einen Verein», sagt er. Und nein, er habe kein Buch geschrieben, sondern die Geschichte darin. Ein Roman sei es eigentlich auch nicht, vielmehr eine Erzählung. Im Zentrum steht die Geschichte zweier ungleicher Brüder. In kurzen Kapiteln erzählt Kaspar Lüscher von Georg, dem strengen, mathematisch begabten Ingenieur, und seinem jüngeren Bruder Lukas. Während der ältere Georg nach dem gemeinsamen Aufwachsen in Basel den von den Eltern erwarteten Weg geht und sich an strenge Normen hält, nimmt sich Lukas die Freiheit, sich der Kunst hinzugeben und als erfolgreicher Psychologe in die weite Welt hinauszuziehen. Die Liebe zur gleichen Frau verstärkt den Konf likt zwischen den ungleichen Brüdern zusätzlich.
Neues entsteht
In einem früheren Gespräch mit der NFZ hat Kaspar Lüscher auf die Frage, ob er in seinem Romandebüt auch über sich selbst schreibe, auf das Leben verwiesen: «Es verwebt unentwegt eigene und fremde Geschichten. Sie treffen aufeinander, fliessen voneinander weg, um sich in anderer Form irgendwo wieder zu begegnen. Daraus entsteht Neues, etwa ‹Brüderleben›.» Es gehe ihm um das Gesellschaftliche, so der Autor. Spürbar wird unweigerlich auch das uralte Motiv von Kain und Abel: die Suche nach dem eigenen Platz im Schatten des anderen.
Als Bühnendarsteller ist Kaspar Lüscher bestens damit vertraut, szenisch zu erzählen, Bilder zu vermitteln und Geschichten als Ganzes entstehen zu lassen. «Brüderleben» umfasst rund 200 Seiten in 175 kurzen Kapiteln – «sie reihen sich wie Spots aneinander», so Lüscher. Kurze Szenen, kurze Sätze: Dem Autoren gelingt es, die Leserschaft in die Geschichte der beiden ungleichen Brüder hineinzuziehen. Die Erzählung beginnt Ende des Ersten Weltkrieges und dauert bis in die 1970er-Jahre.
Eine Idee wird real
Eine eigene Geschichte zu verfassen, diese Idee trägt der Gipf-Oberfricker schon lange mit sich. «Ich weiss nicht mehr, ob ich sie schon als Ganzes im Kopf hatte, das Thema hingegen schon.» Und nun, nach einer verhältnismässig langen Entstehungszeit – «ich habe immer dann daran gearbeitet, wenn es passte, aber nie unter Druck» – liegt «Brüderleben» in einer gedruckten Auf lage von 500 Exemplaren vor und wird aktuell an die Buchläden ausgeliefert. Die Vernissage findet am 31. Mai, um 17 Uhr, im Rehmann-Museum in Laufenburg statt. In der dazugehörenden Einladung heisst es: «Wenn ein Kaspar Lüscher liest, darf das Publikum mehr als eine reine Rezitation erwarten. Lüscher versteht es, Figuren zum Leben zu erwecken – sei es der kühle Georg, der sich hinter Logik versteckt, oder der künstlerische Lukas, der den Farben nachrennt.» Eben wie eingangs erwähnt: ein Kaspar Lüscher, den man kennt – und der doch immer wieder überrascht.
Die Kraft des Schreibens, die Lust am Lesen
Wie fühlt er sich aktuell? «Zwiespältig. Ich habe für meine Verhältnisse immer viel geschrieben. Darüber berichtete die regionale Presse stets auch. Im Gegensatz zum Roman ging das aber nie an Verlage.» Dieses Neuland hat er nun vor über einem Jahr betreten.
«Schreiben ist wie ein Ringkampf mit einem harten Gegner», zitiert Kaspar Lüscher den Schriftsteller John Irvin auf die Frage, was Schreiben für ihn bedeute. Ein Kampf, dem sich der Gipf-Oberfricker immer wieder gerne stellt. Ebenso wichtig ist für ihn das Lesen: sich Zeit zu nehmen, Worte und Sätze zu Bildern und Geschichten werden zu lassen und damit die eigene Vorstellungskraft zu stärken.
Motiviert durch gute Freunde, denen er Leseproben mit dem Vermerk «ehrliche und offene Meinung» gegeben hatte, sandte Kaspar Lüscher sein fertig geschriebenes Manuskript an mehrere Verlage – und erhielt schliesslich eine Zusage von «Caracol». Als neu, spannend und intensiv erlebte er die fast einjährige Zusammenarbeit mit der Lektorin. «Mit ihr zusammen ist auch das Titelbild für das Buch entstanden.» Es zeigt zwei voneinander abgewandte Silhouetten über einem mathematisch präzisen Schachbrett, dessen Schwarz-Weiss durch einzelne Farbfelder durchbrochen wird. Szenisch und aussagekräftig.

