«Es braucht Investitionen in die Diplomatie»
21.06.2026 PersönlichMonika Bolliger diskutiert mit Ueli Mäder
Am Mittwoch, 24. Juni, kommt Monika Bolliger zum Gespräch mit Ueli Mäder nach Rheinfelden. Die Historikerin und Journalistin berichtet im Hotel Schützen über den Nahen Osten. Sie hat elf Jahre lang in dieser Region gelebt.
Monika ...
Monika Bolliger diskutiert mit Ueli Mäder
Am Mittwoch, 24. Juni, kommt Monika Bolliger zum Gespräch mit Ueli Mäder nach Rheinfelden. Die Historikerin und Journalistin berichtet im Hotel Schützen über den Nahen Osten. Sie hat elf Jahre lang in dieser Region gelebt.
Monika Bolliger arbeitete für die NZZ, den Spiegel und das Echo der Zeit. Neu leitet sie das Ressort Global des Magazins Republik. In Damaskus (Syrien) studierte sie Arabisch. Und 2022 erschien von ihr eine Monographie über Tripoli, der ärmsten Stadt im Libanon. Als Studentin wurde Bolliger «zufällig in ein Proseminar über die Kreuzzüge aus arabischer Sicht eingeteilt». Und das habe sie dann «reingezogen». Nach dem 11. September 2001 und der «völkerrechtwidrigen US-Invasion im Irak 2003». Bolliger wollte dann «besser verstehen, wie man im Nahen Osten auf diese Entwicklungen blickt».
«Unkomplizierte Gastfreundschaft»
«Vage definiert» und «in der Zeit des westlichen Imperialismus entstanden», sei der Nahe Osten ein geopolitischer, kein geografischer Begriff. Ursprünglich hätten «die Briten sogar ihre koloniale Herrschaft in Indien» einbezogen. Heute sei damit jedoch «in erster Linie die Levante gemeint». Dazu gehörten Israel-Palästina, Syrien, Libanon und Jordanien. Hinzu kämen der Iran, Irak, die Arabische Halbinsel, Ägypten und, «je nachdem, weitere Länder wie die Türkei».
Bolliger mag «das mediterrane Lebensgefühl, die Spontaneität von Begegnungen, die unkomplizierte Gastfreundschaft, die syrischlibanesische Küche oder die Musikszene von Beirut», die lokales Kulturerbe und internationale Einflüsse verbinde und weiter entwickle. Während ihrem langjährigen Aufenthalt seien «tiefe Freundschaften entstanden, von denen manche bis heute auch über die Distanz anhalten».
Geschichtliche Betrachtungen und sprachliche Kenntnisse helfen Bolliger, lokale Perspektiven im komplexen «Middle East» besser zu verstehen. Die koloniale Vergangenheit habe die heutigen, teilweise sehr instabilen Staatsgebilde wesentlich mitgestaltet. «Die postkoloniale Ordnung begann im Nahen Osten mit einem Krieg», der «die Militarisierung und ein Wettrüsten» weiter beförderte, so Bolliger. «Daraus entstanden weitere Konf likte, die teilweise bis heute andauern. Und Autokraten etablierten sich durch Notrecht, das sie mit dem Kriegszustand rechtfertigten.»
Das einst kolonial vorangetriebene Streben nach Einf luss setze sich heute mit andern Mitteln fort. Westliche Staaten, Russland und inzwischen auch China rangelten darum, ihren Einfluss in der Region zu erhöhen. Sie lieferten Waffen und unterstützten despotische Kräfte. Und längst beeinf lussten und destabilisierten auch regionale Mächte die Lage durch ihre Machtkämpfe untereinander. So Israel, Iran, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien.
«Ruf ist angekratzt»
Aktuell müssten vor allem die USA ihre zahlreichen Druckmittel einsetzen, um zu deeskalieren und eine nachhaltige diplomatische Lösung zu erreichen. Und die Schweiz? Lange hatte sie laut Bolliger «ein sehr gutes Ansehen in der Region, einerseits durch ihre humanitäre Tradition und als Hüterin der Genfer Konventionen, andererseits durch ihre Vermittlerrolle insbesondere in Israel-Palästina, zum Beispiel mit der Genfer Initiative oder durch Gesprächskanäle zur Hamas». In letzter Zeit habe sich die Schweiz allerdings «insbesondere bezüglich Gaza anders positioniert». Dadurch sei ihr Ruf als Hüterin der humanitären Tradition und neutrale Vermittlerin «heute angekratzt».
Es brauche jedoch «handfesten Einfluss» auf alle, die das Völkerrecht verletzten. Zudem «Investitionen in die Diplomatie». Im Moment geschehe das kaum. Europa sei uneins. Und die USA unter Trump poche auf eigene Interessen. Die Leute vor Ort wollten indes Sicherheit. Und das erfordere mehr Verlässlichkeit. (mgt)
Mittwoch, 24. Juni 2026 (19.30 bis 21 Uhr) im Hotel Schützen (Bahnhofstrasse 19, Rheinfelden): Naher Osten – quo vadis? Gast ist: Monika Bolliger. Musik: Peter Schmid. Moderation: Ueli Mäder. Eintritt: 15 Franken. Tickets: www.schuetzenhotels.ch/de/entdecken

