«Erteilen Sie die Lizenz zum Experimentieren»
04.02.2026 FrickNichtwissen aushalten, sich im Dialog emporirren, einander vertrauen, und gelegentlich für Irritation sorgen – dies, so Hans A. Wüthrich am Gemeindeseminar in Frick, seien gute Voraussetzungen, um als Gremium erfolgreich zu führen.
Simone Rufli
...Nichtwissen aushalten, sich im Dialog emporirren, einander vertrauen, und gelegentlich für Irritation sorgen – dies, so Hans A. Wüthrich am Gemeindeseminar in Frick, seien gute Voraussetzungen, um als Gremium erfolgreich zu führen.
Simone Rufli
«Bringen Sie bewusst Irritation ins System!», riet Hans A. Wüthrich, emeritierter Professor für internationales Management, den Vertreterinnen und Vertretern aus Behörden und Verwaltungen. Der Tausch von Führungsrollen zum Beispiel könne eine neue Dynamik in ein Gremium bringen, erklärte der Rheinfelder. Ebenso rotierende Sitzungsleitung oder der Tausch von Ressorts für eine gewisse Zeit. «Wer keine Fachkompetenz hat, erkennt, dass er anders führen muss, und Fachleute sehen sich plötzlich anderen als den gewohnten Fragen gegenüber.»
Gerade am Beginn einer neuen Legislatur, gelte es umsichtig zu handeln. «Verändert sich ein Gremium, besteht die Gefahr des übermotivierten Aktionismus. Jeder will seine Duftspur hinterlassen.» Sein Tipp aus weit über 30-jähriger Gremienarbeit: «Zuerst zuhören, beobachten und erst viel später handeln.» Erfahrung setze sich zusammen aus Beobachtung und Erlebnissen. «Sie beeinf lusst unsere Haltung und unser Handeln.» Erfahrung habe aber zwei Seiten: «Sie ist uns einerseits Navigationshilfe, kann uns aber auch einschränken, indem sie uns daran hindert, zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln.» George Bernard Shaw habe es sehr treffend formuliert: «Manche halten das für Erfahrung, was sie zwanzig Jahre lang falsch gemacht haben.»
Beziehungen pflegen
Wenn in einem Gemeinderat jeder die Deutungshoheit für sich beanspruche und kein Dialog zustande komme, «dann kann es sein, dass es nie zu Lösungen kommt. Seien Sie sich auch bewusst, dass die Verwaltung dominantes Führungsverhalten des Gemeinderats als Belastung empfindet.» Aus dem Gefühl übergangen zu werden, könne die Verwaltung zu taktieren beginnen, indem sie zum Beispiel nicht alle Informationen weitergebe. «Akzeptieren Sie die Informations-Asymmetrie. Vor allem auf grösseren Gemeinden ist sie eine Realität. Vertrauen Sie der Verwaltung und investieren Sie gleichzeitig in die Beziehungsarbeit, damit es kein blindes Vertrauen ist. Meine Erfahrung ist: Ein reifes Team lässt sich durch die Verwaltung führen, nicht manipulieren.»
Gemeinsam klüger werden
Nun seien Fachspezialisten nicht immer einfach, meinte Wüthrich und im Saal wurde gelacht, und personifizierte Kompetenzzuordnungen seien ein Auslaufmodell. Darum: «Finden Sie gemeinsam die beste Lösung und nutzen Sie die Neigungen der Mitwirkenden. Gute Führung macht Intelligenz im Kollektiv nutzbar und hält Nichtwissen aus.» Aufgabe des Gemeinderates sei es, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. «Erteilen Sie Ihren Mitarbeitenden die Lizenz zum Experimentieren. Stecken Sie den Rahmen ab und lassen Sie darin maximale Freiheit zu.» Viel klüger als die eigene Deutungshoheit zu verteidigen, sei es, Nichtwissen einzugestehen und auszuhalten und die Pluralität von Meinungen anzuerkennen. «Gemeinsam klüger werden, das ist stark.» Wissen und glauben auseinanderhalten, sich in Bescheidenheit üben und sich gemeinsam emporirren, waren weitere Tipps. Wobei er sich bewusst sei, dass unser Denken uns sage: «Nicht wissen als Führungskraft, das ist suspekt.»
Es sei nicht seine Absicht, die Welt zu erklären oder seine Erfahrungen für allgemeingültig zu erklären, meinte Hans A. Wüthrich zum Schluss. «Ich möchte nur Denkanstösse geben.» Die Zuhörerschaft dankte es ihm mit Applaus, mit persönlichen Dankesworten im anschliessenden Gespräch und auch mit Einladungen für spezifische Inputs in einzelnen Gemeinden.
Der Rheinfelder Hans A. Wüthrich war u.a. Professor für Internationales Management an der Universität der Bundeswehr München.

