Eine Ferienkolonie für arme Rheinfelder Kinder
30.11.-0001 RheinfeldenEs ging hinauf auf den Bözberg
Bedürftige Rheinfelder Kinder sollten in den Ferien wieder zu Kräften kommen. 1908 errichtete der damalige Feldschlösschen-Direktor Theophil Roniger eine Stiftung, die eine «Ferienversorgung» ermöglichte. ...
Es ging hinauf auf den Bözberg
Bedürftige Rheinfelder Kinder sollten in den Ferien wieder zu Kräften kommen. 1908 errichtete der damalige Feldschlösschen-Direktor Theophil Roniger eine Stiftung, die eine «Ferienversorgung» ermöglichte. Historiker Linus Hüsser erzählt diese vergessene Geschichte in den Rheinfelder Neujahrsblättern.
Valentin Zumsteg
Die erste Ferienkolonie der Schweiz führte Pfarrer Hermann Walter Bion 1876 im Kanton Appenzell Ausserrhoden durch. Weitere Gemeinden und Städte folgten diesem Beispiel, 1908 auch Rheinfelden: Feldschlösschen-Direktor Theophil Roniger errichtete damals mit 10 000 Franken eine Stiftung, um armen Kindern eine «Ferienversorgung» zu ermöglichen. In den Rheinfelder Neujahrsblättern 2026 berichtet der Fricktaler Historiker Linus Hüsser unter dem Titel «Die Rheinfelder Ferienkolonie auf dem Bözberg» ausführlich über die Geschichte dieser sozialen Einrichtung.
Zwei «Kolonien» pro Sommer
Schon kurz nach der Gründung der Stiftung schuf der Rheinfelder Gemeinderat eine fünfköpfige Kommission, die bereits im Sommer 1908 ein erstes Ferienlager auf die Beine stellte. Eine weitere wichtige Aufgabe dieser Kommission war es, die Finanzierung sicherzustellen. «Dabei konnte sie auf grosszügige Wohltäter zählen. Von 1908 bis 1922 kamen 50 500 Franken zusammen an Stiftungsgeldern, Legaten und Schenkungen – ein beachtlicher Betrag in der damaligen Zeit», hält Linus Hüsser fest.
Von 1916 bis 1936 fand das Ferienlager, auch als Ferienkolonie bezeichnet, im Weiler Neu Stalden auf der Bözbergpasshöhe statt. Dort stellte die Wirtsfamilie Held im Gasthaus Bären im Juli und August während rund sechs Wochen Räumlichkeiten für die Rheinfelder Kinder zur Verfügung.
«Nur die wirklich bedürftigen Kinder»
Pro Sommer gab es zwei «Kolonien» mit jeweils 40 Kindern. Am Anfang des Schuljahres – damals noch im Frühling – bat die Ferienversorgungskommission die Lehrerschaft, Schülerinnen und Schüler für die
Ferienkolonie oder die Solbadkur zu bestimmen. «Die Kommission verlangte von den Lehrpersonen, nur die wirklich bedürftigen Kinder aufzuschreiben.» Der Schularzt untersuchte daraufhin die empfohlenen Schülerinnen und Schüler und entschied, wer sich für das Ferienlager oder – ebenfalls auf Kosten der Ferienversorgungskasse – für eine vierwöchige Solbadkur im Rheinfelder Sanatorium eignete. «Für kranke und schwächliche Kinder kam eher eine Kur in Frage», so Hüsser.
Zur Ausstattung, welche die Kinder ins Lager mitzunehmen hatten, gab es klare Vorgaben und eine Liste. Wenn es sich die Eltern nicht leisten konnten, alle verlangten Ausstattungsgegenstände bereitzustellen, half der Gemeinnützige Frauenverein. Um das Einschleppen von Läusen zu verhindern, hatten die Kinder «mit sauberen Köpfen einzurücken» – das wurde kontrolliert.
In der Ferienkolonie auf dem Bözberg war Bewegung Trumpf: «Täglich wurde bis zu dreieinhalb Stunden marschiert. Nach dem Mittagessen war eine Liegestunde zur Verdauung eingeplant. Anschliessend ging’s, sofern es das Wetter erlaubte, in den Wald oder übers
Feld, wo man dem Spiel und dem Gesang frönte», wie Linus Hüsser berichtet. Die Mahlzeiten waren abwechslungsreich und nahrhaft. «Die meisten Lagerkinder dürften auf dem Bözberg eine reichhaltigere Ernährung erhalten haben als daheim.»
In den 1930er-Jahren diskutierten die Mitglieder der Rheinfelder Fer ienver sorg u ng skom m i s sion vermehrt über eine Verlegung des Ferienlagers, obwohl man im Grossen und Ganzen mit dem «Bären» zufrieden war und die Bemühungen der Wirtsfamilie schätzte. «Doch stiegen mit der Zeit die Ansprüche.» So kam es, dass 1937 die Rheinfelder Ferienkolonie erstmals in Hemberg im Toggenburg durchgeführt wurde. Der neue Standort hatte den Vorteil, dass alle Rheinfelder gleichzeitig ins Lager konnten und nicht mehr auf zwei Kolonien verteilt werden mussten.
Die Ferienversorgungskommission ist schliesslich 1964 durch den Rheinfelder Gemeinderat aufgelöst worden, da mittlerweile die Rektorate und das Büro der Schulpflege für die Durchführung von Ferienund Wanderlagern zuständig waren.
Rheinfelder Neujahrsblätter 2026


