«Eine Erfahrung, die die meisten machen»

  17.08.2024 Frick

«Mir kam das Leben dazwischen», sagt Tatjana Stucki und erklärt damit, warum es sechs Jahre gedauert hat, bis sie ihr drittes Buch veröffentlicht hat. Die NFZ las zuerst das Buch und unterhielt sich dann mit der Autorin über «Wahre Lügen» – alles andere als zufällig auf einem Schulhausplatz.

Simone Rufli

«Ja. Ich schreibe an einem neuen Buch mit anderen Schwerpunkten. Doch bis das erscheint, wird es jetzt eine Weile gehen. Ich brauche Zeit, mich von den Charakteren aus den ersten beiden Büchern zu lösen.» Diese Zeilen stammen aus der NFZ vom 13. Oktober 2018. Die 24-jährige Autorin Tatjana Stucki, aufgewachsen in Hornussen, dann über Frick nach Gipf-Oberfrick gelangt, hatte gerade ihr zweites Buch veröffentlicht und sprach über die ersten zaghaften Schritte in Richtung Buch Nummer drei.

Sechs Jahre sind seither vergangen. «Mir kam das Leben dazwischen», meint sie, angesprochen auf den grossen Abstand und blinzelt lächelnd in die Sonne, die sich zwischen den Kastanienbäumen auf dem Pausenplatz der Fricker Primarschule hindurch ihren Weg bahnt. Der Treffpunkt auf dem Schulgelände ist nicht zufällig gewählt, er passt perfekt zum Inhalt des dritten Buches.

Unbewältigte Vergangenheit
Seit ein paar Wochen liegt mit «Wahre Lügen» Buch Nummer drei vor, 158 Seiten stark – mit neuen Protagonisten und der Rückkehr in die begrenzte Welt von 16-Jährigen. Das Buch handelt, wie der Titel vermuten lässt, vom Umgang mit Wahrheiten und Lügen, vom Verdrängen und Nicht-Wahrhaben-Wollen und den Gefahren, die damit verbunden sind. Der Sturm unbewältigter Vergangenheit ist heftig, das bekommt man beim Lesen ganz deutlich zu spüren und doch bleibt der Interpretationsspielraum erneut gross. «Das ist mir ganz wichtig», betont die Autorin. «Ich möchte, dass die Leute, die meine Bücher lesen, sich über das Geschriebene hinaus eigene Gedanken machen und die Geschehnisse in meinen Büchern mit ihren eigenen Erfahrungen in Verbindung bringen.» Ihre Bücher richten sich in erster Linie an Teenager, aber es schadet nichts, wenn man sich als Erwachsene mit den Themen auseinandersetzt.

Geblieben ist der Sog
Nach der Lehre zur Detailhandelsfachfrau habe sie ein Studium angehängt, erzählt die diplomierte Marketing-Managerin, die bereits das nächste Studium in Unternehmenskommunikation anvisiert. Die Ablösung von den früheren Charakteren sei ihr gut gelungen, geblieben ist der aus den ersten beiden Büchern bekannte Sog, der einen in Stuckis Geschichten hineinzieht.

Auch ihre ersten beiden Bücher, beide erschienen im Jahr 2018, werfen einen durchaus kritischen Blick auf die heutige Gesellschaft. Schon vor sechs Jahren thematisierte die heute 30-jährige Autorin differenziert eigene und gesellschaftliche Erwartungshaltungen, schilderte den daraus entstehenden Druck und liess ihre Figuren ganz unterschiedlich darauf reagieren. Standen sich die Romanfiguren in den ersten beiden Bänden bedingungslos zur Seite, wirkt das Gefüge im neuen Buch auf einmal brüchig und nicht mehr ganz so stabil. Je jünger man sei, umso kleiner sei die Welt und die Schule das Zentrum. «In Beziehungen gefangen sein ist eine Erfahrung, die die meisten in der Schulzeit machen. Erst mit dem Älterwerden wird es einfacher, sich aus Freundschaften zu lösen, die einem nicht guttun.»

Die Hoffnung kommt gegen Ende
Je tiefer man in die «Wahre Lügen» reinliest, umso mehr drängt sich eine Frage auf. Stucki nickt und lächelt vielsagend. Welche Frage das ist und wie die Antwort lautet, das herauszufinden überlasse sie den Lesenden. Auch wenn der Stoff des dritten Buches etwas schwerer daherkommt als jener in den ersten beiden Werken, die Überzeugung ist geblieben, dass es immer irgendeinen Weg gibt, der aus einer Lebenskrise hinausführt – «man muss ihn nur finden».

Sie werde weiterschreiben, sagt Tatjana Stucki und es werde nun keine sechs Jahre dauern bis zum nächsten Buch. «Schreiben macht mir Freude. Es begleitet mich und gehört einfach zu mir.» Im Gehen wendet sich die junge Frau noch einmal um, lächelt und erklärt: «Einen Bestseller muss ich haben, vorher höre ich nicht auf.»

«Wahre Lügen» von Tatjana Stucki; Verlag art of arts. ISBN 978-3-86483-093-8


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