Ein Plädoyer für mehr Musik in dieser Kirche
26.03.2026 LaufenburgHändels «Messiah» in der Stadtkirche St. Johann Laufenburg
Am vergangenen Sonntag brachte Cantus Rheinfelden Georg Friedrich Händels Oratorium «Messiah» in die katholische Stadtkirche Laufenburg: Ein Anlass, der zeigte, was dieses Gotteshaus kann – und wie viel mehr es verdient hätte.
Christoph Grenacher
Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich mich als Schulbub und Ministrant in dieser Kirche. Ich höre eine Stimme, die den Raum füllte, als sei sie genau für dieses gotische Gewölbe gemacht. Es war der grosse Schweizer Tenor Ernst Haefliger (1919–2007), der hier in Laufenburg sang, international gefeiert als Bach-Interpret und Mozart-Sänger, Vater des nachmaligen Lucerne-Festival-Intendanten Michael Haefliger. Das Historische Lexikon der Schweiz beschreibt ihn als «eindringlichen Musiker mit einem unverwechselbar silbrigen Timbre und einem aussergewöhnlichen Gestaltungsvermögen». Ob damals eine Schallplatten- oder Radioaufnahme entstand, weiss ich nicht mehr, auch nicht, ob mit Haefliger auch dessen Lehrer, der Brugger Musikdirektor Karl Grenacher zugegen war – die beiden traten öfters zusammen auf.
Was ich aber aus meiner Jugendzeit mitnahm: Die spätgotische Stadtkirche St. Johann auf dem Burghügel von Laufenburg verdient eine Tradition als Konzertort. Am vergangenen Sonntag wurde sie auf eindrückliche Weise fortgeschrieben. Cantus Rheinfelden unter der Leitung von Angelika Hirsch gab Händels «Messiah», eine Aufführung von seltener Intensität, begleitet von der Camerata Basel und hervorragenden Solisten.
Händels «Messiah» ist das wohl berühmteste Oratorium der Musikgeschichte und erzählt in drei Teilen die christliche Heilsgeschichte – von der Prophezeiung über Leiden und Auferstehung bis zur Erlösung. Das Werk verlangt vier Solostimmen, Chor und Orchester mit Streichern, Trompeten und Pauken. Es lebt vom Wechsel zwischen schlichten Rezitativen, ausdrucksstarken Arien und mächtigen Chorsätzen. Pastorale Szenen wechseln mit dramatischen Ausbrüchen, kontemplative Momente mit triumphaler Kraft – und natürlich ist da das «Halleluja», jener Chor am Ende des zweiten Teils, bei dem sich in England das Publikum traditionsgemäss erhebt.
In Laufenburg blieb man sitzen, aber nach dem letzten Akkord gab es begeisterten Zwischenapplaus – auch weil dieser Chor mit einer Wucht und Präzision sang, die man so abseits der grossen Bühnen nicht erwartet. Die Soprane leuchteten in den Höhen, die Bässe gaben dem Fundament Gewicht, und wenn alle Stimmen zusammenfanden, füllten sie die Kirche bis in den letzten Winkel. Die Einsätze sassen, die Dynamik stimmte – vom zarten Pianissimo bis zum triumphalen Fortissimo war alles da. Und im «Halleluja» schwang eine Freude mit, die über technisches Können hinausging – man spürte regelrecht, dass hier Menschen singen, die an das glauben, was sie singen.
Mich erinnert der «Messiah» mit seiner Vitalität und Kraft immer an Ostern und Osterglocken. Ich weiss nicht genau, warum. Vielleicht, weil beides dasselbe verspricht: dass nach dem Winter etwas Neues kommt, Auferstehung, Erlösung. Händel hat diese Zuversicht in Noten gegossen wie kein anderer. Cantus Rheinfelden, 1996 gegründet und rund 70 Sängerinnen und Sänger stark, probte das Werk seit letztem September enthusiastisch, wie es sich für einen uneigennützigen Chor gehört, der sogar die Kosten für die Dirigentin aus dem eigenen Sack bezahlt und sich beim baldigen Neustart des nächsten Projektes über Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger freut. Dass das Werk in englischer Originalsprache gesungen wurde, verdient besondere Anerkennung. Es verlangt vom Chor zusätzliche Präzision in der Diktion, belohnt aber mit der unvergleichlichen Klangfarbe von Händels englischem Vokalsatz.
Angelika Hirsch, seit 2002 künstlerische Leiterin des Chores und 2008 Gründerin der Camerata Basel, führte, mal am Cembalo, mal mit ruhiger Hand und immer mit erkennbarer Kennerschaft durch das monumentale Werk. Die Camerata Basel unter Konzertmeister Peter Barczi spielte hervorragend, mit historisch informiertem Klang, transparenten Streichern und präzisem Bläsersatz – besonders hervorzuheben Trompeterin Ute Weyrich deren strahlende Einsätze in der berühmten Arie «The trumpet shall sound», assistiert von einem Kollegen, dem Kirchenraum eine fast physische Wucht verliehen. Unter den vier Solisten fiel besonders Countertenor Arnaud Gluck auf. Der in Basel ausgebildete Franzose hat bereits mehrere internationale Wettbewerbe gewonnen. Seine Stimme vereint bemerkenswerte Projektion mit irisierenden Farben – ein Sänger, von dem man noch hören wird. Sopranistin Aline Du Pasquier überzeugte mit lyrischer Wärme, Tenor Jakob Pilgram brachte mit seinem Timbre, das lyrische Wärme mit Klarheit verband, die nötige Strahlkraft für die Evangelisten-nahen Partien mit, und Bassist Stefan Vock gab den prophetischen Passagen das gebotene Fundament.
Wer in dieser Kirche sass und die Musik durch das gotische Gewölbe schwingen hörte, der spürte: Dieser Raum ist wie geschaffen für Konzerte dieser Art. Die Akustik trägt die Stimmen, gibt dem Orchester Tiefe, ohne den Klang zu verwaschen.
Und drüben, in der deutschen Schwesterstadt, tut sich ebenfalls etwas. Im Schlössle oberhalb des Rheins, dem einstigen Refugium der kunstsinnigen Amerikanerin Mary Codman, lebt seit 2015 das Festival Junge Klassik. Die Konzertreihe Mary Codman Classics setzt dort mit einem neuen Steinway-Flügel regelmässig künstlerische Akzente. Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit aller Akteure könnte dem Doppelstädtchen ein musikalisches Profil geben, das in der Region seinesgleichen sucht und neben den Klassiksternen in Rheinfelden und dem Solsberg-Festival zu einem neuen Hotspot in der Habsburgerstadt werden könnte. Neben der Offenbarung des «Messiah» offenbarte die Stadtkirche St. Johann nämlich noch etwas anderes: Sie verdient eindeutig mehr Konzerte. Nicht nur hin und wieder, sondern regelmässig. Wer Händels «Messiah» im gotischen Gewölbe gehört hat, weiss: Dieser Raum ist ein Instrument. Man muss ihn nur spielen lassen.

