Ein Leben für die Schule
03.08.2026 RheinfeldenNach 44 Jahren aktiver Schulhauszeit nimmt Karin Küng Abschied vom Berufsleben. In über vier Jahrzehnten erlebte sie den Wandel der Schule hautnah – von gesellschaftlichen Veränderungen bis hin zu grossen bildungspolitischen Reformen.
Yasmin Malard
In ihren ersten zwei Wochen des Ruhestands hat Karin Küng (65) hauptsächlich ihr Büro ausgeräumt. Sie sei, wie sie sagt, eine «Jägerin und Sammlerin» – und in all den Jahren hat sich in der Tat einiges angesammelt. Zwischen alten Dokumenten, vergilbten Unterlagen und Erinnerungsstücken taucht auch immer wieder ein Stück Schulgeschichte auf. Was sie in all den Jahren gesammelt hat, ist aber weit mehr als Papier; es ist Erfahrung.
Strukturwandel
Angefangen hat sie ihre Karriere im Schulwesen als Hauswirtschaftslehrerin, wo sie klassische Alltagsarbeit lehrte. Sehr gerne habe sie dieses Fach unterrichtet, vor allem das Kochen, den Rest, «weil es halt dazugehört hat». Als sie die Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin am kantonalen Seminar in Brugg abgeschlossen hatte, war ihr einziger Wunsch, nach Rheinfelden zu kommen. Das gelang ihr auch. Dazumal war Hauswirtschaft nur für Mädchen Pf licht. Mittlerweile hat sich das Fach verändert. Nun müssen Mädchen und Jungen das Fach «Wirtschaft, Arbeit und Haushalt» besuchen, was sie sehr wichtig findet. «Das Kochen war nie ein Problem, das haben auch die jungen Burschen gern gemacht, eher das Putzen war schwierig. Das galt als Frauensache.»
Mit dem Lehrplan 21 kamen Themen wie Produktion, Konsum, fairer Handel und Gesundheit vermehrt ins Schulzimmer. Zudem: «Früher hatte das Kochen einen höheren Stellenwert.» Küng findet es zwar gut, dass heutzutage andere Themen gleich viel Raum bekommen, findet es aber gleichzeitig schade, dass weniger Zeit fürs Kochen übrigbleibt.
Vor allem das Organisieren von Events rund ums Essen habe ihr immer gefallen. Es gab Zeiten, in denen sie in Zusammenarbeit mit den Klassenlehrpersonen eine Zopf-Hotline betrieb, Brunchs organisierte oder mit den Schülerinnen und Schülern 60 Kilogramm «Guetzlis» zubereitete. Mit dem erwirtschafteten Geld wurden Abschlussreisen finanziert, zum Beispiel nach Barcelona – Aufwand, der heute unter den sich verändernden Rahmenbedingungen weniger einfach realisierbar sei.
Neue Kompetenzen
In den 44 Jahren ihrer Lehrtätigkeit hat sich nicht nur der Stundenplan, sondern auch die pädagogische Haltung verändert. Eine wichtige Veränderung, die mit dem Lehrplan 21 kam, ist das kompetenzorientierte Unterrichten und Beurteilen. Neben traditionellen Prüfungen und Notenvergaben zählen neu auch andere Parameter, wie zum Beispiel Selbstund Sozialkompetenzen. Projektarbeiten werden vermehrt eingesetzt, um Selbständigkeit und Teamfähigkeit zu fördern. Auch das Arbeiten mit iPads, die mittlerweile schon in der Primarschule eingesetzt werden, ist eine neue Challenge fürs Unterrichten. Der Eigengebrauch von Handys ist seit August 2025 an den Aargauer Volksschulen verboten. Werden Handys gesichtet (zum Beispiel in der Hosentasche), müssen sie der Schulleitung abgegeben werden. «Das gibt aber immer wieder Diskussionen», meint Karin Küng.
«Stimmt eigentlich schon»
Toll und bereichernd findet Karin Küng die Zusammenarbeit mit jungen Lehrpersonen, da diese neuen Input bringen. Man soll immer bereit sein, sich zu hinterfragen, analysieren und kritische Rückmeldungen entgegenzunehmen, denkt sie. Gelingt das immer? «Nicht immer gleich gut», sagt sie und lacht. «Es gibt schon Sachen, von denen man voll überzeugt ist. Aber dann gibt es auch viele Momente, in denen man denkt, ‹stimmt eigentlich schon›.»
Frischer Wind
Zusammen mit ihrer eigenen Schulzeit war Karin Küng fast ihr ganzes Leben lang an der Schule. Anstatt im Trott festzustecken, bildete sie sich weiter und baute sich ein zweites Standbein auf: die Schulleitung. Sie schloss 2004 unter anderem Module zu Leitungsfunktion, Budget-Gestaltung, Elternarbeit und dem Umgang mit Medien ab und wurde darauf als zertifizierte Schulleiterin Standortleiterin der RBK (Real-Berufswahljahr-Kleinklasse).
Herausforderungen und Chancen
Es gab während ihrer Zeit als Mitglied der Schulleitung KUF (Kreisschule Unteres Fricktal) immer wieder Herausforderungen, allen voran die Regionalisierung, bei der Schulstandorte zusammengelegt und in Rheinfelden zentralisiert wurden, was die Administration und Verwaltung anspruchsvoller machte. «Wenn alles grösser wird und mehr vernetzt ist, braucht es längere Wege, bis etwas funktioniert», erzählt Karin Küng. «Es war die Frage, ob man als Lehrperson mit dieser Umstrukturierung weitermachen wollte und in eine neue Richtung gehen konnte, oder ob man die Schule verliess, was auch einige Kollegen taten.»
Weitere Herausforderungen standen Schlange; Vergrösserung der Schulanlage Engerfeld, die Corona-Pandemie, der Umgang mit den sozialen Medien und nicht zuletzt auch der Ukraine-Krieg. Zwei Klassen mit ukrainischen Jugendlichen wurden an der KUF unterrichtet, mit der Hilfe von pensionierten Lehrpersonen und Lehrpersonen mit ukrainischen Wurzeln. «Es gab also immer wieder Themen, die das Leiten herausforderten, aber dafür auch spannend machten.» Und auch Entscheidungen zu fällen, «bei denen man gewusst hat, dass sie nicht alle zufriedenstellen», die aber trotzdem gefällt werden mussten. Zudem gebe es immer wieder Schicksale von Schülerinnen und Schülern, die sich in schwierigen Situationen befänden. Wenn man sie im Klassenverband lasse, könnten sie Unruhe in die ganze Gruppendynamik bringen; wenn man sie herausnehme, schade man ihrer Entwicklung, und am Schluss «wird man beiden nicht gerecht».
Es sollte noch mehr Unterstützung vom Kanton geben, findet sie, damit die Schule sich auf den Bildungsauftrag konzentrieren könnte und weniger Zeit und Ressourcen für disziplinarische Tätigkeiten aufwenden müsste. Einen guten Ansatz findet sie Räumlichkeiten, in denen Jugendliche mit schwierigen Verhaltensweisen vorübergehend unterstützt werden können, bevor sie zurück in den Klassenverband kommen. Gelder, Handlungsspielraum und Mittel für längere Unterstützungsmöglichkeiten dafür fehlen zurzeit.
Neuer Lebensabschnitt in Rheinfelden
Insgesamt blickt sie gerne auf intensive, herausfordernde und schöne Stunden im Kreis der Schulleitung und der Lehrerschaft zurück und ist auch nicht abgeneigt, für eine Stellvertretung in Zukunft wieder den Fuss ins Klassenzimmer zu setzen.
Für die Zukunft im Ruhestand – in Rheinfelden – habe sie «e huufe Idee», wie beispielsweise eine neue Sprache zu entdecken, die Querflöte aus dem Schlummerschlaf zu wecken oder den Tisch für Koch-Happenings zu decken – denn Kochen ist für Karin Küng nicht nur Arbeit, sondern auch Leidenschaft in der Freizeit. Zusätzlich hat sie vor, ihre karitative Ader zu pf legen. Lange hatte sie bei einer Entwicklungsgruppe mitgearbeitet, um einen fairen Handel zwischen dem globalen Norden und Süden voranzutreiben. Nun gebe es vielleicht wieder mehr Zeit, Menschen zu helfen, die es weniger gut haben als sie. In Rheinfelden hätte sie es nämlich sehr gut, wie sie sagt. Sie fühlt sich hier wohl, und das schon immer. Und da sie viele Jahre am gleichen Ort gewohnt und gearbeitet hat, mag sie es besonders zu sehen, was aus ihren ehemaligen Schülern geworden ist. Anhalten, einen kurzen Schwatz halten und feststellen, wie sie ihren Weg gemacht haben, auch wenn es während der Schule nicht immer leicht gewesen war. Vor dem Schulgebäude, wo das Gespräch mit der NFZ stattfindet, läuft gerade ein ehemaliger Schüler in Polizeiuniform vorbei und grüsst: «Grüezi Frau Küng».

