Ein Leben für den Kontrabass
12.03.2026 PersönlichPhilippe Schnepp, Kontrabassist im Sinfonieorchester Basel, Dozent an der Musikhochschule Basel und Lehrer an der Musikschule Frick, liebt Alphaville und Franz Schubert. Dessen Forellenquintett zu spielen, sagt der Rheinfelder, sei pure Freude.
Von Andreas Fischer *
Aufgewachsen ist er in Basel, im Neubad-Quartier, gemeinsam mit einer Schwester. Die Eltern kamen aus dem Elsass, «das», sagt Philippe Schnepp, «hat sich in der Schreibweise meines Vornamens niedergeschlagen, aber leider nicht in meinen Französischkenntnissen; die Eltern redeten Elsässisch». Der Vater war Frankreichkorrespondent und später stellvertretender Chefredakteur der Basler Nachrichten. Philippe besuchte das mathematischnaturwissenschaftliche Gymnasium, liess sich an der Fachhochschule Muttenz zum Betriebsingenieur HTL ausbilden. «Ich wollte etwas Rechtes lernen», sagt er. «Ich bin vom Typ her ziemlich verantwortungs-bewusst, entspreche nicht dem Klischee vom künstlerischen Luftibus.»
In der Kindheit habe er Geige gespielt, «aber das war nie ganz meins». Dann entdeckte er den Bass. «Ich suchte etwas Cooles, und das fand ich in diesem Instrument. Der Bass gibt Boden, Tiefe, Halt, ganz anders als die Geige, das gefiel mir.» Zunächst dachte er nicht unbedingt an klassische Musik, eher an Pop. Noch heute hat Philippe Schnepp eine Affinität zur Popmusik. An seinem sechzigsten Geburtstag vergangenes Jahr luden ihn seine beiden Töchter zu einem Konzert der deutschen Synthie-Pop-Band «A lphaville» ein. Es sei zwar für seine alternden Ohren etwas laut gewesen, sagt Schnepp, «aber ‹Forever Young› ist einfach ein genialer Song, das finde ich auch heute noch, nach all den Jahrzehnten».
Im Affenzahn zum Konzertdiplom
Zunächst wollte Schnepp nur hobbymässig Kontrabass spielen, doch schnell merkte er: Er war besser als die Studierenden der Hochschule. Der Bass liege ihm im Blut, sagt er. «Ich ging dann ans Konservatorium und studierte in einem Affenzahn.» Im Schweizer Jugendsinfonieorchester lernte er seine Frau Ursula kennen, eine Geigerin. Nachdem Philippe Schnepp das Lehr- und das Konzertdiplom erlangt hatte, lag ihm, wie er lachend sagt, die Welt zu Füssen. Bassisten waren gesucht und sind es heute noch. Dreissig Prozent der Stellen in Orchestern in Deutschland seien derzeit nicht besetzt. Damals hätte er sich, zum Beispiel, dem Münchner Kammerorchester anschliessen können. Doch seine Frau hatte eine Stelle in Rheinfelden gefunden, und so wurde er Bassist im Sinfonieorchester Basel. Dort erlebte er die Fusion mit dem Radiosinfonieorchester, das sei, «wie wenn sich zwei Fussballmannschaften zusammenschliessen würden». Er war zeitweise Personalvertreter des Stiftungsrats und Mitglied des Orchestervorstands, heute sitzt er im Stiftungsrat der Pensionskasse; er sei, witzelt er, inzwischen im Alter, in dem einen das interessiere. Schnepp ist im Orchester stellvertretender Solist und spielt seine 32. Saison.
Anfangs unterrichtete er daneben an der Musikschule Frick. Das musste er aus privaten Gründen aufgeben, «Familie mit zwei Kindern und berufstätiger Frau, Orchester und Unterricht, das war zu viel.» Inzwischen sind die Töchter erwachsen, seit einem Jahr unterrichtet Schnepp, der mit seiner Familie in Rheinfelden wohnt, wieder an derselben Musikschule. Er sei passionierter Lehrer, sagt er, sogar eine eigene Methodenlehre für Kontrabass habe er geschrieben. «Üblicherweise heisst es, man könne im Alter von sieben Jahren noch nicht Kontrabass spielen. Dem wollte ich entgegenwirken, weil es nicht stimmt. Es gibt kleine Instrumente, extra für Kinder, und auch ein Kinderensemble klingt anders – runder, tiefer – wenn ein Bass mitspielt.» Es sei manchmal im Unterricht nicht ganz einfach, Kritik zu üben und zum Beispiel daran zu arbeiten, dass der Ton schöner klingt. Doch irgendwie habe er einen guten Draht zu den Kids und wisse, wie er sie begeistern könne.
Hohe Rumpfstabilität, bewegliche Schultern
Eine andere Leidenschaft von Schnepp ist der Sport. Als Jugendlicher spielte er Fussball bei «Congeli», dem FC Concordia Basel, «und auch in der Freizeit, immer». Der Geigenkasten habe jeweils als Torpfosten gedient. Doch dann fingen die Knie an zu schmerzen, «und die Trainer waren brutal, sie hetzten uns über den Platz. Heute dürften sie das nicht mehr.» Sport praktiziert er aber auch heute noch; er geht ins Fitnessstudio, das sei auch aus beruf lichen Gründen wichtig. Im Einakter ‹Der Kontrabass› von Patrick Süsskind wird beschrieben, wie viel Kraft das Instrument in den Fingern braucht. «Das ist schon so», sagt Schnepp. «Und auch meine Rumpfstabilität ist überdurchschnittlich; nur die Schultern, die sind eher schwach, dort ist Flexibilität wichtiger als Kraft».
Ausserdem fährt Philippe Schnepp viel Fahrrad und unternimmt in den Ferien gern mehrtägige Wanderungen. Er liebe die Natur, sagt er, der Blick in eine unberührte Landschaft habe für ihn spirituelle Qualität. «Es ist das Wahre, das Schöne, das Vollendete fürs Auge.» Dasselbe erlebe er manchmal in der Musik übers Ohr, «wenn du im Flow bist, ist das wie Meditation. Es kommt vor, dass ich beim Spielen das Zeitgefühl verliere. Wenn ich dann unterbrochen werde, habe ich den Eindruck, ich kehre von ganz weit weg zurück; das Hirn fängt wieder an zu denken und stellt fest: Ah, ich befinde mich im 2. Satz, zum Beispiel.» Wenn er längere Zeit nicht spiele, ergehe es ihm wie einem Profisportler: Er bekomme Entzugserscheinungen.
Die schönste Form des Musizierens ist für Philippe Schnepp die Kammermusik. Im Orchester sei man tendenzmässig eine Nummer, sagt er. Auch der spezielle und besonders schöne Klang seines Instruments – «mein Bernardo Calcanius», wie er seinen aus dem Jahr 1767 stammenden Kontrabass zärtlich nennt – komme da nicht wirklich zum Tragen. Anders in der Kammermusik; da sei das gemeinsame Musizieren wie ein Gespräch, man höre aufeinander, gebe Antwort. Und man diskutiere tatsächlich auch verbal miteinander, gleichsam im herrschaftsfreien Diskurs, ohne Chef. «Jeder bringt seine Vorstellungen ein, man setzt sich auseinander, man sucht gemeinsam, man findet sich.» Schnepp hört sich jeweils verschiedene Aufnahmen an von Werken, die man im Ensemble spielt, und macht sich dann Gedanken, wie laut, wie leise, mit wie viel Vibrato eine Passage zu spielen sei.
«Man ist real gar nicht mehr da»
Leider gebe es in der Kammermusik nicht viele Meisterwerke mit Kontrabass, bedauert Schnepp. Die Klavierquintette der wenig bekannten französischen Komponistin Louise Farrenc (1804-1875) schätzt er sehr. «Und natürlich Schuberts ‹Forellenquintett›», fügt er hinzu. Franz Schubert ist aus Schnepps Sicht einer der bedeutendsten Komponisten überhaupt. «Diese Musik ist so unfassbar zart, schön, transparent, sie ist fein instrumentiert, und die Melodien gehen direkt ins Herz.» Derzeit studiert Schnepp das berühmte Kammermusikwerk mit dem László-Quintett ein, einem hochkarätigen Ensemble rund um den Geiger des Sinfonieorchesters Basel László Fogarassy. «Wie man mit so einfachen Tönen eine solche Schönheit herstellen kann wie im Themensatz der ‹Forelle›», schwärmt Schnepp, «das ist ein grosses Geheimnis. Wenn man das spielt, ist man real gar nicht mehr da, es ist einfach pure Freude.»
* Andreas Fischer ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Region Rheinfelden.
Soirée mit «Forellenquintett» in Kaiseraugst
Am Samstag, 14. März, um 19.15 Uhr bringt das László-Quintett das «Forellenquintett» von Franz Schubert im Rahmen einer Soirée im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst zur Aufführung. Andreas Fischer und seine Frau Jutta Wurm werden zwischen den Sätzen zur Musik passende Texte vortragen. Der Eintritt ist frei.

