Ein guter Standort braucht auch eine gute Verkehrserschliessung
13.08.2026 FokusWirtschaftsstandort Fricktal: Interview mit Jürg Erismann, Standortleiter Roche Basel/Kaiseraugst
Das Fricktal hat in den vergangenen Jahrzehnten dank der prosperierenden Pharmaindustrie wirtschaftlich profitiert. Geopolitische Unsicherheiten, Zolldebatten und der internationale Wettbewerb stellen den Pharmastandort Fricktal vor neue Herausforderungen. Hinzu kommt aktuell der politische Druck aus den USA, vor Ort zu produzieren und die hohen amerikanischen Medikamentenpreise zu senken. Wir haben Jürg Erismann gefragt, wie er die Situation einschätzt.
Walter Herzog
NFZ: Welche Rolle spielt aktuell der Standort Kaiseraugst/Fricktal für die Roche-Gruppe?
Jürg Erismann: Kaiseraugst ist mit rund 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein sehr bedeutender Standort für Roche. Etliche unserer Medikamente werden in Kaiseraugst produziert und verpackt und via Flughafen Basel weltweit zu unseren Ländergesellschaften und schliesslich zu Patientinnen und Patienten geliefert. Kaiseraugst ist zudem ein wichtiger IT-Standort, es werden dort bedeutende IT-Lösungen für weite Teile der Organisation entwickelt. Was mich persönlich besonders freut, ist, dass Kaiseraugst das Zentrum unserer Ausbildungsabteilung ist. Aktuell absolvieren rund 300 junge Menschen eine Ausbildung bei Roche am Standort Basel/Kaiseraugst. Dies ist eine wichtige Investition in die Zukunft, nicht nur für unseren Standort im Fricktal, sondern für die ganze Region. Und dann sollten wir das Schullabor nicht vergessen, ein wunderbarer Lernort für Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Schweiz. Dort konnten wir in den letzten 10 Jahren rund 20 000 Schülerinnen und Schüler aus über 1000 Schulklassen begrüssen.
Die Roche plant in den USA grössere Investitionen. Wie sehen Sie die Auswirkungen auf den Standort Fricktal?
Seit 2009 hat Roche rund 4,6 Milliarden Schweizer Franken in die Arealentwicklung am Standort Basel / Kaiseraugst investiert. Zusätzlich hat Roche in den letzten 10 Jahren 33 Milliarden Franken in Forschung und Entwicklung in der Schweiz investiert. Roche investiert aktuell rund 1,4 Milliarden Franken in laufende Bauprojekte am Standort Basel/Kaiseraugst. Diese Investitionen zeigen die grosse Bedeutung der Schweizer Standorte für die Roche-Gruppe. Auswirkungen durch die Investitionen in den USA sehe ich aktuell keine.
Welches sind für Sie die Standortvorteile in Basel und Kaiseraugst, welches die Nachteile?
Beide Standorte verfügen über einen ganz eigenen Charakter, Basel ist städtisch geprägt und sehr dicht bebaut; Kaiseraugst hingegen kann mit viel Grünraum und Freiflächen punkten, für uns ist die Nähe zur Autobahn und damit eine gute Verkehrsinfrastruktur bedeutend. An beiden Standorten investieren wir aktuell intensiv, um unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. So bauen wir in Kaiseraugst eine Anlage zur Nutzung des Rheinwassers zur Wärmegewinnung, alleine hierfür investieren wir 30 Millionen Franken. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine CO2-neutrale Energieversorgung für unser Werk in Kaiseraugst zu realisieren.
Wie kann sich der Pharmastandort Fricktal noch attraktiver machen?
Entscheidend ist für uns, dass die Infrastruktur mit dem Wachstum der Pharmastandorte Schritt hält. Besonders wichtig ist eine leistungsfähige Anbindung an Basel – sowohl im öffentlichen Verkehr als auch im Individualverkehr. Die regelmässigen Staus in Richtung Basel beeinträchtigen nicht nur die Pendlerinnen und Pendler, sondern führen auch zu einer starken Belastung der Kantons- und Gemeindestrassen durch Ausweichverkehr. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Eine zusätzliche S-Bahn-Haltestelle Roche Kaiseraugst wäre aus unserer Sicht ein wichtiger Beitrag, um den öffentlichen Verkehr attraktiver zu machen, den Strassenverkehr zu entlasten und den Pharmastandort Fricktal nachhaltig zu stärken.
Wie sehen Sie die Entwicklung in Kaiseraugst in den nächsten 5, respektive 10 Jahren?
Wir haben in der Region sehr gut ausgebildete Fachkräfte und verfü- gen zudem in Kaiseraugst über Landreserven, die eine langfristige Entwicklung des Standorts zulassen.
In Kaiseraugst produziert Roche bisher auch das Antibiotikum Rocephin. Nun soll die Produktion verkauft werden. Mit welchen Konsequenzen für den Standort Kaiseraugst rechnen Sie?
Roche sucht aktuell einen Partner, der die Produktion und Lieferung von Rocephin übernimmt und weiterführt. Die Entscheidung wurde letztes Jahr von uns getroffen, weil die Produktion von Rocephin aufgrund steigender Herstellungskosten – insbesondere der Rohstoffkosten bei gleichzeitiger Senkung der Preise sowie der weit verbreiteten Verwendung von Generika – zunehmend unrentabel w ird. Aufgrund langfristiger Lieferverpflichtungen werden wir die Anlage noch bis zum Ende des Jahrzehnts weiter betreiben. Wir sind zuversichtlich, dass wir einen Käufer finden werden und die von den Veränderungen betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig im Unternehmen weiter beschäftigen können.
Im Sisslerfeld gibt es eine der grössten freien Industrieflächen des Aargaus und auch der Schweiz. Wie würden Sie bei der Entwicklung dieses Areals vorgehen, damit die Region in Bezug auf qualitativ gute Arbeitsplätze und Steuererträge langfristig erfolgreich ist?
Die Entwicklung des Sisslerfelds sollte ganzheitlich und langfristig geplant werden. Wie bereits erwähnt, ist es entscheidend, dass die Infrastruktur – insbesondere die Verkehrserschliessung – mit dem Wachstum der Industrief lächen Schritt hält. Nur so kann die Region nachhaltig wachsen. Gleichzeitig darf ein solches Entwicklungsgebiet nicht isoliert betrachtet werden. Es sollte keine reine Industrieinsel entstehen, sondern ein Standort, der in die Region eingebettet ist. Dazu gehört auch, ausreichend attraktiven Wohn- und Lebensraum für potenzielle Mitarbeitende zu schaffen. Ein ausgewogenes Angebot an Wohnraum, Nahversorgung und Freizeitmöglichkeiten trägt wesentlich zu einer guten Lebensqualität bei.
Wirtschaftstreffen
Am Dienstag, 18. August, um 18 Uhr, findet im Hotel Schützen in Rheinfelden das Liberale Wirtschaftstreffen mit dem CEO der Roche Group, Thomas Schinecker, zum Thema «Standortwettbewerb um Pharma am Beispiel Roche – was wir jetzt tun müssen» statt. An diesem Treffen, welches von Niklaus Leemann moderiert wird, nehmen auch die Basler Nationalrätin Patricia von Falkenstein, Bruno Tüscher (Gemeindemann Münchwilen) und Mathias Zadrazil teil. Der Anlass ist öffentlich, Anmeldung unter info@fdp-bezirk-rheinfelden.ch


