Ein Badmeister taucht unter
12.10.2026 PersönlichJahrzehntelang behielt er im Schwimmbad Möhlin bei hektischem Treiben den Überblick. Künftig schaut er in seinem Garten in Mumpf ganz entspannt den Bohnen beim Wachsen zu. Patrick Peter, ein Portrait.
Ronny Wittenwiler
Er trägt sein Herz auf der Zunge. Dann sagt Patrick Peter ...
Jahrzehntelang behielt er im Schwimmbad Möhlin bei hektischem Treiben den Überblick. Künftig schaut er in seinem Garten in Mumpf ganz entspannt den Bohnen beim Wachsen zu. Patrick Peter, ein Portrait.
Ronny Wittenwiler
Er trägt sein Herz auf der Zunge. Dann sagt Patrick Peter manchmal Dinge wie diese: «Ich werde zuerst drei Monate auf der Couch liegen, Fernsehen schauen, und wenn ich den ganzen Seich gesehen habe, stehe ich auf und überlege mir, was ich als nächstes tue.» Armin Wüst lacht. Zu gut kennt er seinen Kollegen. Vielleicht ist Wüst sogar der Mann, der Patrick Peter am allerbesten kennt: dreissig Jahre Sommer für Sommer, Seite an Seite. Wir blicken zurück.
Wer kann schwimmen?
«Irgendwann hatte es geheissen, sie suchen noch einen für hier unten.» Patrick Peter sitzt im Büro mit Armin Wüst. Schwimmbad Möhlin. Es ist die Ruhe nach dem Sturm. 80 000 Eintritte hat die eben abgelaufene Saison in die Statistik gespült. Einmal nur in der fast achtzigjährigen Geschichte strömten noch mehr Leute ins Freibad, Sommer 2003. Damals waren 100 000 Besucher gekommen und Patrick Peter längst als Badmeister tätig – weil sie eben noch einen für dort unten gesucht hatten. Patrick Peter trocken: «Die Frage lautete, wer von uns im Möhliner Forstwart-Team schwimmen kann. Das war ich.» In jenem Sommer 1993 wird aus dem Forstwart auch ein Badmeister.
Bäume im Winter. Beckenrand im Sommer. Die Pflege der Anlage, Instandhaltung der Technik, Wasseranalyse. Und: verantwortlich für die Sicherheit tausender Badegäste. «In 34 Jahren hatten wir etwa zwei Millionen Badegäste und es leben alle noch.» Die Bemerkung, dass das so wahrscheinlich nicht stimmt, quittiert jetzt auch Patrick Peter mit einem Lachen. Man einigt sich darauf: keiner ist ertrunken.
Mit ernster Miene stellt er dann aber umgehend klar: «In 34 Jahren gab es nie auch nur eine Stunde ohne Badeaufsicht. Stets war jemand von uns auf seinem Posten.» Mit Patrick Peter spricht ein Badmeister aus Leidenschaft. Als er angefangen hatte, gab es noch keinen eigentlichen Chef. Doch wird er später «Bereichsleiter Schwimmbad der Gemeinde Möhlin». Solche Bezeichnungen, so scheint, sind ihm Wurst. «Wenn du hier den Chef spielen willst, kannst du gleich wieder heimgehen. Du musst hier arbeiten genau wie alle anderen. Wir sind ein Team.»
Ungefiltert
Es ist ein Job an der Sonne. Doch ist Leidenschaft bisweilen eine Eigenschaft, die Leiden schafft. Keine Sommerferien. Kein Muttertag. Kein 1. August. 34 Jahre lang. «Das Familienleben leidet», sagt Patrick Peter. Und wenn man dann noch zuschauen muss, wie sich Kinder eine Schlacht mit WC-Rollen liefern und die Eltern das kommentarlos durchgehen lassen – «dann wird man nach all den Jahren dünnhäutiger». Wer wie er das Herz auf der Zunge trägt, scheut sich nicht, auch die Schattenseiten im Badeparadies anzusprechen. Patrick Peter hat das immer getan.
«Die meisten Jugendlichen schwimmen miserabel, schaffen kaum eine Länge von 25 Metern», sagt er im Sommer 2019 zur NFZ. «Das ist mit Abstand die schlimmste Saison», sagt er 2020. Corona hatte die Welt auf den Kopf gestellt. Auch im Schwimmbad Möhlin. «Mit unserem Sicherheitskonzept halten wir uns lediglich an die Vorgaben des Kantons und des Schweizerischen Badmeister-Verbands.» Den ganzen Frust über Einschränkungen, die ein Öffnen des Schwimmbads überhaupt erst möglich machten, bekomme aber das Badi-Personal ab. «Ich bin masslos enttäuscht. Permanent werden meine Mitarbeiter angeschnauzt.» Patrick Peter sagte Dinge, die andere vielleicht diplomatischer in Watte gepackt hätten. Es war seine Art, die Probleme direkt beim Namen zu nennen. Nicht um der Schlagzeile willen – sondern, weil ihm gewisse Entwicklungen Sorgen bereiten.
Und jetzt also ist der Stöpsel gezogen. Die Saison vorbei. Armin Wüst, dessen Sohn Pascal und Patrick Peter arbeiteten den ganzen Sommer hindurch dicht beieinander, direkt nach Ausserbetriebnahme am 13. September gibt es Kurzferien
– und was tun sie? Die drei Badmeister verbringen die vier Tage gemeinsam im Tessin. «Ich sage es doch», meint Patrick Peter: «So ein Schwimmbadbetrieb funktioniert nur, wenn du wirklich ein Team bist.» Armin Wüst blickt auf all die Jahre an der Seite seines Kollegen zurück: «Wir hatten das Glück, dass es immer gepasst hat. Mit allen.»
45 Jahre im Dienst der Gemeinde
Die letzten Arbeiten stehen an. Das Schwimmbad wird winterfest gemacht. Danach wird aus Patrick Peter, dem Chef im Möhliner Schwimmbad, der sich gar nie als solcher definieren lassen wollte, noch einmal wie immer in den letzten Jahren ein ganz normaler Mitarbeiter im Werkhof. Als er 1981 seine Stifti als Forstwart beginnt, hat er nicht ahnen können, dass er 45 Jahre ununterbrochen im Dienst der Gemeinde Möhlin stehen würde. «Mitte November bringen wir im Dorf die Weihnachtsbeleuchtung an.» Und danach? Patrick Peter schmunzelt, weil er genau weiss, dass ihm sein Kollege Armin Wüst die Worte so nicht abnimmt: «Dann werde ich zuerst drei Monate auf der Couch liegen, Fernsehen schauen, und wenn ich den ganzen Seich gesehen habe, stehe ich auf und überlege mir, was ich als nächstes tue.»
In Wahrheit wird ihm die Arbeit auch im Ruhestand nicht ausgehen. Holzen im Winter, feuern, das Haus in Mumpf unterhalten, im Frühling die Pflanzen im Garten ziehen. Und dann lässt er zum Schluss einen raus, wofür dieser Patrick Peter, manchmal so herrlich aus der Zeit gefallen, bekannt ist: «Facebook, Instagram und dieses Zeugs interessiert mich nicht. Ich schaue lieber den Bohnen und der Zucchetti in meinem Garten beim Wachsen zu. Das ist mein Ausgleich.» Ein Badmeister taucht unter. Doch bleibt er mit beiden Beinen fest auf dem Boden – und damit sich selbst treu.

